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Buch von Jonathan Safran Foer: "Tiere essen": Flammendes Plädoyer für das Vegetarier-Leben

Jonathan Safran Foer will seiner Familie nicht länger Fleisch aus Massentierhaltung vorsetzen. Drei Jahre lang hat er zusammengetragen, was es zur industriellen Fleischproduktion zu wissen gibt. Sein Buch hat in den USA schon so manchem Steak-Fan den Appetit verdorben.

Pythagoras und Leonardo da Vinci, George Bernard Shaw, Tolstoi, Richard Wagner und Mahatma Gandhi - sie alle hatten einst tote Tiere von ihrem Speiseplan gestrichen. In die Reihe prominenter Vegetarier hat sich nun auch Jonathan Safran Foer, das erwachsen gewordene Wunderkind der amerikanischen Literaturszene, eingereiht. Sein Buch "Tiere essen" ist das leidenschaftliche, an Gefühle wie an den Verstand appellierende Plädoyer für mehr Verantwortungsbewusstsein in dieser Welt. Foer sieht sich selbst als Teilzeit-Vegetarier. Er will nicht missionieren und tut es doch, indem er die Gräuel der Massentierhaltung, die bestialische Tötung von Tieren am Fließband und die verheerenden Folgen für die Umwelt beschreibt.

Seine Entscheidung, auf Fleisch auf dem Teller zu verzichten, will er nicht als Dogma verstanden wissen. Wohl aber wirbt der New Yorker, der mit seinen beiden Romanen "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah" Weltbestseller landete, für eine verantwortungsbewusste Wahl der Ernährung: "Ich würde jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, Würste zu essen, ich finde nur, man muss das nichts dauernd tun."

Vegetarische Phasen hatte der 33-Jährige immer wieder einmal. Sein Vater pflegte deshalb oft zu fragen, ob es "irgendwelche kulinarischen Einschränkungen" gebe, wenn er seinen Sohn zum Essen erwartete. Doch erst mit der Geburt seines Sohnes spürte der Schriftsteller die Verantwortung für die richtige Ernährung. Zudem hatte der Autor durch den zugelaufenen Vierbeiner George seine Tierscheu überwunden. Foer begann, all das zu recherchieren, was mit dem Verspeisen von Tieren zusammenhängt. Nach drei Jahren Vorarbeit hatte er mehr als genügend Material, um sein bunt zusammengewürfeltes Buch aus biografischen Anekdoten, Berichten von Biobauern und Mitarbeitern aus Großschlachtereien, aus unbeantworteten Briefen an Lebensmittelkonzerne, Reportagen von seinen Undercover-Einbrüchen in Geflügelfarmen und einer Fülle statistischer Fakten zu schreiben.

Er ruft in Erinnerung, dass 99,9 Prozent der Masthühner, 95 Prozent der Schweine und 78 Prozent der Rinder aus Intensivhaltung stammen. Er schreibt, dass fast ein Drittel der Landoberfläche dieses Planeten für Viehzucht genutzt werden, und dass die landwirtschaftliche Nutztierhaltung erheblich mehr zur globalen Erwärmung beiträgt als alle Autos dieser Welt. Und er weist darauf hin, dass allein für die Ernährung eines einzigen Amerikaners rund 21 000 Tiere sterben müssen.

Foer belässt es nicht bei den abstrakten Zahlen. Bewusst appelliert er auch an die Gefühle seiner Leser. Bei der Schilderung der Tötung von Tieren aus Massentierhaltung lässt er nicht das kleinste grausame Detail aus. Er warnt vor dem Entstehen resistenter Erreger durch die Beifütterung mit Antibiotika, vor mutierten Viren, die in kranken Nutztieren ihre ideale Brutstätte finden, und vor den gnadenlosen Raubzügen in den Meeren, die für ihn einem Vernichtungskrieg gleichkommen.

Sich vegetarisch, oder wenigstens bewusst zu ernähren, darin sieht der US-Autor vor allem Verantwortungsbewusstsein für die Erde. Damit macht er sich zum Fürsprecher einer "neuen Generation guter Menschen" ("Spiegel"), die auch in Deutschland wächst. "Ich vermute, dass Menschen, die sich Gedanken darüber machen, was sie essen, sich auch Gedanken über andere Sachen machen", erklärte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Auch die deutsche Schriftstellerin Karen Duve beschäftigt sich derzeit mit dem Thema. Im Januar 2011 veröffentlicht sie im Berliner Galiani Verlag ihr Buch "Anständig essen. Wie ich versuchte, ein besserer Mensch zu werden ­ Ein Selbstversuch". Darin berichtet sie von ihren Erfahrungen mit Biokost, vegetarischer Ernährung und Essen nach den strengen Prinzipien der Veganer und Frutarier. Wie sie künftig leben und speisen wird, hat Duve noch nicht entschieden. Foer hingegen schon: "Es gibt keinen guten Weg, um sechs Milliarden Menschen mit 50 Milliarden Tieren zu ernähren. Also müssen wir es lassen."

Susanna Gilbert-Sättele, DPA / DPA