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Buchpreis für "Europa erfindet die Zigeuner": Ein Forscher als politischer Preisträger

Aus dem Elfenbeinturm ins Rampenlicht: Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal schlägt den Bogen von der jahrhundertealten Ausgrenzung der Sinti und Roma zu den Armutsflüchtlingen von heute.

Er ist ein politischer Preisträger: Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal bekommt den Preis zur Europäischen Verständigung 2013 der Leipziger Buchmesse für sein bahnbrechendes Buch "Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung". "Gerade angesichts eines neu aufbrandenden Anti-Ziganismus in Europa gewinnt Bogdals epochale Studie eine bedrückende Aktualität und Brisanz", lautet die Begründung der Jury für die Wahl dieses Buches.

Doch der Bielefelder Forscher geht einen Schritt weiter: Er schlägt den Bogen zu den Bootsflüchtlingen, die heute über das Mittelmeer kommen. Und er warnt die Politiker, die bevorstehende Armutswanderung in Europa weiterhin zu ignorieren.

"Die Idee zu dem Buch kam mir in den turbulenten Jahren der Nachwendezeit, als die Fremdenfeindlichkeit sprunghaft anstieg", sagt der Bielefelder Forscher. "Einer der Höhepunkte waren 1992 die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Damals sagte eine sechzehnjährige Schülerin: "Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört"."

"Mit den Bootsflüchtlingen läuft das heute ähnlich ab"

Zwanzig Jahre hat der 1948 in Gelsenkirchen geborene Bogdal an dem Thema geforscht, akribisch herausgearbeitet, aus welchen Texten die Bilder und Klischees stammen. Mittelalterliche Chroniken, historische Rechtsdokumente, populäre Dramen, unbekannte Autoren, aber auch Cervantes, Victor Hugo oder #link;http://www.stern.de/kultur/buecher/goethe-90358896t.html;Goethe. Darin wimmelt es von jungen und schönen oder alten und hexenhaften Zigeunerfrauen. Angebliche vagabundierende Zigeunerhorden aus Dieben und Betrügern werden in diesen Quellen erwähnt und heißen dort je nach Region Gypsies, Bohémiens, Gitanos oder eben Zigeuner.

"Es ist die einzige Gruppe, der man von Anfang an jeden Rechtsstatus, jede Identität abgesprochen hat", fasst Bogdal die jahrhundertealte Ausgrenzung zusammen. Sogar der Begriff "Zigeuner" sei ihnen aufgezwungen worden.

"Mit den Bootsflüchtlingen läuft das heute ähnlich ab", zieht Bogdal Parallelen. "Roma-Gruppen haben oft ihre Herkunft verschleiert, weil sie vermutlich aus dem Osmanischen Reich kamen. Das sah man damals nicht gern im christlichen Westeuropa. Da galt man schnell als türkischer Spion." Also hätten sie manchmal angegeben, dass sie aus Ägypten kommen, eigentlich Christen und von dort vertrieben worden seien. "In Wahrheit waren sie Einwanderer, die in Frankreich, Deutschland oder Spanien eine Existenzgrundlage suchten."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Bogdal ist der Meinung, dass das große soziale Problem der Lage der Roma und Sinti Europa härter treffen könnte als die Finanzkrise.

Die Ausgrenzung wird sich rächen

"Auch die Boat People verschleiern ihre Herkunft, weil man dann nicht feststellen kann, ob sie aus einem sicheren Land kommen. Dazu müssen sie Geschichten von Leid und Verfolgung erfinden, damit sie anerkannt werden." Und Bogdal kritisiert: "Wir zwingen sie eigentlich dazu, solche Geschichten zu erzählen."

Die bis heute andauernde Ausgrenzung der Roma und Sinti werde sich rächen, wird Bogdal nicht müde zu mahnen. Seit dem Ende der Visumspflicht steigt die Zahl der Asylanträge von Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland. Ab 2014 gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen in Europa.

Die eigentliche Nagelprobe der EU

"Die Lage der Roma und Sinti ist sicherlich das größte soziale Problem, das auf die EU zukommt. Mehr noch als die Finanzkrise wird sie zur eigentlichen Nagelprobe für Europa", ist sich der Forscher sicher. "Es geht um zehn Millionen Menschen in der EU, die meisten davon leben in Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Slowakei. Diese Länder haben soziale Netzwerke nicht einmal für ihre "eigene Bevölkerung", und schon gar nicht für die verhassten Roma, die auch dort als Schmarotzer angesehen werden", beschreibt Bogdal die Lage.

"Stellen Sie sich vor, sie gehören einer Roma-Gruppe in Bulgarien an: Wenn eine kompliziertere Geburt ansteht, wissen Sie, ohne Geld in der Hand brauchen sie erst gar nicht eine Klinik aufzusuchen", erzählt Bogdal. "Wenn eine Hochschwangere dann hört: In einem deutschen Krankenhaus wird man gut behandelt, dort kann man sein Kind gesund zur Welt bringen, dann nutzt man diese letzte Möglichkeit. Das würde jeder von uns genauso machen, sofort."

Matthias Benirschke, DPA / DPA