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Buchvorstellung "Politik mit Ecken und Kanten": Die Kauder-Struck-Wohlfühlshow

Die Große Koalition zwischen CDU und SPD ist Geschichte. Die Freundschaft zwischen Unions-Fraktionschef Volker Kauder und seinem früheren SPD-Amtskollege Peter Struck hat dagegen überdauert. Bei der Vorstellung von Strucks neuem Buch "So läuft das - Politik mit Ecken und Kanten" durfte Kauder die Laudatio halten.

Peter Struck will seiner SPD keine Ratschläge geben. Er sei nicht mehr aktiv, wolle sich nicht zu aktuellen Themen äußern. "Dafür sind jetzt andere da, die das auch ordentlich machen", sagt der 67-jährige einstige SPD-Fraktionschef, der am Freitag in Berlin sein Buch "So läuft das" vorstellt. Aber das von der SPD-Spitze betriebene Parteiausschlussverfahren gegen den Berliner Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin findet er falsch. "Ich halte es nicht für richtig, mit den großen Keulen gegen ihn jetzt vorzugehen. Besser wäre es ihn zu ignorieren, ihn als Einzelautor auftreten zu lassen. Dann war es das", sagt er über den geächteten Sarrazin.

"Mein Rat wäre gewesen: Macht das ruhig", fügt Struck hinzu, und verweist auf das Parteiordnungsverfahren, dass einst - erfolglos - gegen den früheren SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement betrieben worden war, weil er dazu aufgerufen hatte, bei der Landtagswahl in Hessen nicht die SPD zu wählen. Struck hatte damals als Erster einen Parteiausschluss ins Gespräch gebracht. Seine "erste spontane Äußerung" habe ihm dann leidgetan. Aber im Radio habe er alle halbe Stunde gehört, dass Clement gegen die SPD ins Feld ziehe: "Da hatte ich die Schnauze voll."

Kauder erklärt Steinbach-Streit für beendet

Da psst es gut, dass sich zu dem Polit-Pensionär Struck der amtierende Unions-Fraktionschef Volker Kauder hinzugesellt hat. Er ist als Laudator des Buches geladen, weil der SPD-Politiker ihm in Zeiten der großen Koalition zu einem Freund geworden ist. Auch er muss sich Fragen anhören, ob "Politik mit Ecken und Kanten" - wie der Untertitel des Buches lautet - in der Union noch möglich sei, da dort die Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach von ihm in die Schranken gewiesen worden sei.

Es gebe "Punkte, wo Grenzen nicht überschritten werden dürfen", sagt Kauder. Steinbach hatte mit Blick auf den Beginn des Zweiten Weltkrieges und den deutschen Überfall 1939 auf Polen auf die vorherige Mobilmachung des Nachbarn verwiesen. "Die hatten auch allen Grund, sich vorzubereiten", sagte Kauder. Er habe nach der Steinbach-Äußerung gleich klarmachen wollen, dass es "keine Relativierung der Kriegsschuldfrage gibt". Wer für sich in Anspruch nehme, über Ecken und Kanten zu verfügen, müsse auch Widerspruch ertragen. "Frau Steinbach kann ihre Position vertreten - aber ich hab' das Recht, auch meine Positionen zu vertreten. Damit ist der Fall auch gegessen."

Struck und Kauder: Freundschaft über die Koalition hinweg

Das Doppel Struck-Kauder, das über vier Jahre die Mehrheiten im Bundestag für die große Koalition organisierte, hat einige Dutzend Hauptstadt-Journalisten angezogen. Bereits im vierten Satz seines 300-Seiten-Buches kommt Struck auf Kauder zu sprechen: Mit ihm habe er "einen Freund gewonnen". Auch der Unions-Fraktionschef, der nun mit seiner FDP-Kollegin Birgit Homburger statt mit Struck die Fäden zieht, sagt über Struck: "Wir sind gute Freunde geworden." Er sei der dritte Sozialdemokrat gewesen, den er geduzt habe. "Wenn man dieses Buch liest, hört man Peter Struck sprechen."

Beide liefern sich nur wenige Seitenhiebe. Kauder muss "massiv widersprechen", als Struck feststellt, die FDP habe es in der Opposition verlernt zu regieren. Dass Guido Westerwelle als Außenminister "kein Ruhmesblatt für unser Land" sei, kontert Kauder mit der Feststellung, die jetzige Regierungskonstellation bringe Deutschland voran. Um Missverständnissen vorzubeugen, stellte Kauder gleich anfangs klar: "Die große Koalition, die SPD als Mitglied der Bundesregierung, vermisse ich nicht."

Struck beschreibt sein Werk als "ruhiges Buch", mit dem er auch für Politik werben wolle. Seine Enkel sollten lesen können, was ihr Opa so gemacht habe, wenn er schon längst unter der Erde sei. Politik habe zu unrecht ein schlechtes Image: "Politik insgesamt wird aus meiner Sicht ungerecht beurteilt."

Holger Hansen, Reuters / Reuters