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Berlin vertraulich!: Reisen wie Familie Kauder

Bundestagspräsident Lammert mosert, die Abgeordneten reisten zu viel auf Kosten der Steuerzahler durch die Welt. Volker Kauder kritisiert diese Aussage scharf - denn er und seine Frau reisen und "urlauben", wie es Lammert gewiss noch nie in Erwägung gezogen hat.

Von Hans Peter Schütz

Bundestagspräsident Norbert Lammert, CDU, hat sich bei den Abgeordneten keine Freunde gemacht, als er sie zu Beginn der Sommerpause in einem öffentlichen Brief wegen zu vieler Dienstreisen ins Ausland rügte. Wegen des Haushaltslochs sollten die Volksvertreter nur noch reisen, wenn der Trip "unabdingbar notwendig" sei.

"Der soll sich gefälligst nicht aufregen", kommentierte CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder den Parteifreund kurz und knackig gegenüber stern.de. Knapp 400 Reisen sind seit Jahresbeginn beantragt worden. 360 Alleinreisen, 40 Gruppenreisen. Der Reiseetat des Bundestags für 2010 beträgt 3,7 Millionen Euro. Was die Volksvertreter an Lammerts Mahnung ärgert: Erstens entscheiden sie selbst, wohin sie reisen. Und zweitens sagt Kauder: "Vor allem junge Abgeordnete müssen hinaus in die Welt. Die Chinesen zum Beispiel erwarten, dass unsere Politiker sie besuchen." Und drittens, lästert er, "wenn wir unseren genehmigten Etat verbraucht haben, dann ist auch ohne Lammerts Mahnung Schluss".

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Was die politische Sommerpause und Reisen betrifft, ist Kauder allerdings seit vielen Jahren sowieso ein Sonderfall. Als überzeugter Urlaubshasser genießt er den Sommer in Spezialformen des politischen Arbeitstiers: Jedes Jahr startet er zur 14-tägigen "Volker Kauders Sommertour" durch seinen baden-württembergischen Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen. Plaudert hier mit Bürgern, trinkt da ein Weißbier mit ihnen, besucht Firmen, Institutionen, Altenheime. Besichtigt dieses Jahr eine Hühnerfarm, lädt zu einem "Politik-Rätsel"-Wettbewerb (erster Preis: Berlin-Reise für zwei Personen), bittet in einem Zeltlager zum Torwandschießen und zur Diskussion über "Gewaltprävention in Gesellschaft und Sport".

Richtigen Urlaub im Liegestuhl und mit Bauch in der Sonne - schon der Gedanke daran schüttelt ihn. Und Kauder fliegt im August noch nach Indonesien und Malaysia, um in diesen muslimischen Ländern für mehr religiöse Freiheit der Christen zu werben.

0b Christdemokrat Lammert wenigstens daran nicht die Verschwendung von Steuergeldern auszusetzen hat?

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Urlaubsmuffel Kauder muss im Übrigen in jeder Sommerpause seit Jahren wochenlang ohne seine Frau Elisabeth auskommen. Wie jedes Jahr fliegt sie auch diesen August zu einem ganz besonderen vier- bis sechswöchigen "Urlaub". Die gelernte Ärztin, eine Internistin und Kardiologin, arbeitet dann in einem Kinderkrankenhaus in den Slums der 20-Millionenstadt Kalkutta für die Hilfsorganisation "Ärzte für die Dritte Welt". "Kalkutta ist wie ein zweites Zuhause für mich geworden", sagt sie.

Seit gut 25 Jahren bieten diese Ärzte Menschen in der Dritten Welt unentgeltlich professionelle medizinische Hilfe an. Entstanden ist dadurch ein Kinderkrankenhaus mit Tuberkulosestation, ein Wohnheim für geheilte Kinder, und jetzt kommt noch eine Krankenhaus-Apotheke aufs Dach.

Kein Urlaub nahe Palmen am Strand. Geschlafen und gelebt wird nicht in Fünf-Sterne-Hotels, sondern dort, wo die Patienten leben müssen - mitten im Slum. Sauberes Wasser müssen Ärzte wie Elisabeth Kauder im Eimer in ihre Wohnung schleppen. Ein Stück Seife statt einer Waschmaschine muss für die Reinigung ihrer Kleider genügen. Frau Kauder, die vor Kalkutta auch schon ihren "Jahresurlaub" in Nairobi und Bangladesch als Ärztin verbracht hat, nimmt das beschwerliche Leben mit dankbaren Gefühlen auf: "Ich gebe etwas von meinem Lebensglück und meinen Möglichkeiten an die, die es weniger glücklich getroffen haben." Sie erhalte sehr viel mehr zurück, als sie gebe. Mit einem Malariamittel für wenige Cents könne sie schon Leben retten. Und kehrt sie zurück, vergisst sie das Leben in Kalkutta nicht. "Ich kann in Deutschland nicht mehr in einem zu teuren Restaurant essen gehen", hat sie einmal gesagt. "Ich muss immer daran denken, was man mit dem Geld in Indien machen könnte."

Nicht alle in der Berliner Polit-Szene wissen, was für eine bemerkenswerte Frau an der Seite des Unions-Fraktionsvorsitzenden lebt. Die Herzspezialistin hat zwei Jahrzehnte als Oberärztin am Kreisklinikum der Stadt Tuttlingen gearbeitet, zuletzt als gut bezahlte Stellvertreterin des Chefarztes. Die Chance, seine Nachfolge anzutreten, hat Elisabeth Kauder ausgeschlagen. Die wuchernde Bürokratie im Gesundheitssystem raube inzwischen zu viel Zeit, die den Patienten gehöre. Vor drei Jahren nahm sie daher für einen Bruchteil ihres früheren Einkommens ein berufsbegleitendes Studium zur Psychoanalytikerin auf. Zur Gesundheit, so ihre Motivation, sei die Seele mindestens ebenso wichtig wie der Körper.

Der Blick auf die Politik gehört zu ihrem Leben. Sie versuche, für ihren Mann das Bindeglied zum normalen Leben zu sein. "Es ist wichtig, dass ein aktiver Politiker an das normale Leben angebunden bleibt." Und von dieser Arbeit versteht sie noch mehr als ihr Ehemann Volker. Denn Elisabeth Kauder ist mit diesem Geschäft länger verbunden als ihr Volker, nämlich seit dem Kindergarten: Sie war die Tochter des verstorbenen CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Biechele, der 20 Jahre im Bundestag saß.

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Kleiner Hinweis für Bundestagspräsident Lammert: Die gut 300 deutschen "Ärzte für die Dritte Welt" arbeiten nicht nur umsonst, sie zahlen aus der eigenen Tasche außerdem mindestens die halben Flugkosten an ihren Einsatzort.