Cosa Nostra "Die Mafia macht nicht am Brenner halt"


Trotz der Morde in einer Duisburger Pizzeria erscheint die Mafia vielen Deutschen als fernes Phänomen. Das ist ein fataler Irrtum, sagt Petra Reski, die ausführlich dazu recherchiert hat. Im Interview mit stern.de warnt sie nicht nur vor einer Romantisierung von Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Camorra in Filmen, sondern auch vor dem Einfluss der Mafia in Deutschland.
Von Johannes Gernert

Petra Reski stürzt in die Lobby des Berliner Hotel Adlon. Blonde Haare, schwarze Strähnchen, italienische Frisur. Seit etlichen Jahren wohnt die deutsche Journalistin in Venedig - und beschäftigt sich immer wieder mit der italienischen Mafia. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben: "Mafia - von Paten, Pizzerien und falschen Priestern". Sie ist auf Lesetour und erklärt den Deutschen nicht nur, dass die Cosa Nostra aus Sizilien stammt, die 'Ndrangheta aus Kalabrien und die Camorra aus Kampanien, sondern auch, was das alles bedeutet. Während ihrer Recherchen habe sie nie Angst, sagt Reski, das verhindere ihr hoher Adrenalinspiegel. Sie fühlt sich aber oft wie im Film. Vor dem Gespräch mit stern.de - Reski kommt gerade vom Flughafen - zeigt eine Hotelangestellte ihr noch kurz, wie das Sicherheitssystem im Aufzug funktioniert. Dann kann es losgehen.

Sie waren nach Ihrem Studium so sehr von Mario Puzos Mafia-Roman "Der Pate" fasziniert, dass Sie einfach in Ihren Renault gestiegen und nach Italien gefahren sind. Was hat Ihnen so gut daran gefallen?

Ich bin Opfer einer romantischen Idee geworden, wie es ja so viele werden, die Mafia-Filme sehen oder Mafia-Bücher lesen. Außerdem wollte ich mich abheben von der Masse. Also bin ich nicht nach Rimini, sondern direkt nach Corleone gefahren...

...in den Ort, dessen Namen sich der Pate Don Corleone geliehen hat.

Mich haben die Lebensgeschichten, diese Familiengeschichten, interessiert. Die naive, studentische Neugier hat mich dahin getrieben.

Wie sind Sie der Mafia zum ersten Mal begegnet?

Als Studentin war ich enttäuscht von Corleone, weil es ein relativ hässliches Nest ist. Da saßen nur alte Männer in Schlägermützen am Straßenrand. Keine Mafiosi sind durch die Straßen spaziert. Oder besser: Ich habe sie nicht als solche erkannt. Ich konnte noch kein Wort italienisch. Es war eine ganz naive Annäherung. Als ich später als Journalistin nach Italien kam, bin ich einem Polizisten begegnet, ein sehr erfolgreicher Ermittler. Er fuhr in einem gepanzerten Wagen. Und ich dachte: Das ist ja ein bizarres Land, in dem schon die Polizisten bewacht werden müssen.

Wann haben Sie dann den ersten Mafioso kennen gelernt?

Den ersten, von dem ich es wusste? Oder einer, von dem ich es vermutet habe? Da gibt es nämlich eine ganze Menge. Wenn man recherchiert, trifft man auf ganz vielen Leuten, die einem unheimlich vorkommen oder die man für bizarr hält. Ich hatte auch ganz viel mit Mafia-Anwälten zu tun, die die Bosse verteidigen. Ich hatte mit Priestern zu tun, die den Bossen in ihren Verstecken die Beichte abgenommen haben. Das ist natürlich ein semi-mafiöses Ambiente, in dem man nie genau weiß, wo die Mafia anfängt und wo sie aufhört.

Ist Ihre Faszination gewachsen, während Sie zu dem Thema recherchiert haben oder hat sie eher nachgelassen?

Die Faszination legt sich schlagartig, wenn man sich als Journalist damit beschäftigt. Man sollte sich sowieso vor Romantisierung hüten. Das romantisierte Bild der Filme ist auch zu einem großen Teil für den Fortbestand der Mafia verantwortlich, weil sie es für ihre Ikonografie nutzt. Bei jeder Festnahme eines Mafia-Bosses, wird der "Pate" oder "Scarface" auf DVD gefunden. Die gucken sich das ständig an, weil sie selbst nicht so schön aussehen und nicht so elegant sind. Sie träumen aber davon. Jemand der zum Mafia-Boss wird, will Respekt, soziale Anerkennung - und Macht. Die drückt sich unterschiedlich aus. Die Camorra protzt herum, fährt Ferrari, trägt Weißgoldketten. In Sizilien oder Kalabrien würden sie das niemals machen. Die sehen eher unscheinbar aus. Da hängen Wäscheleinen aus dem Fenster unverputzter Häuser. Die möchten nicht protzen. Für einen Sizilianer genügt es, zu wissen, dass er mit einem einzigen Anruf bei einem Minister, Dinge bewegen könnte. Dieses Gefühl berauscht ihn.

Beeinflussen die Mafia-Mythen von der Leinwand das Leben in 'Ndrangheta oder Camorra? Gibt es fiktionale Rituale, die so zur Wirklichkeit wurden?

Die Hochzeiten der Camorristi sehen alle aus wie aus dem "Paten".

Sind Filme wie der "Pate" auch Rekrutierungsmaterial für den Nachwuchs?

Natürlich. In Neapel ganz bestimmt. Aber jeder Mensch möchten doch so sein wie im Film.

Wie im Mafia-Film?

Viele Jugendliche, die über wenig Bildung und Geld verfügen, finden das bestimmt cool. Sie glauben, so können sie nicht nur an Geld kommen, sondern auch an in eine bessere soziale Position. Deshalb fand ich auch den Film "Gomorrha" so gut, weil er das entzaubert. Er zeigt, dass die Mafia vom Elend einfacher Leute profitiert. Offenbar hat der Film aber auch in Neapel großen Erfolg. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, dass sie wahrgenommen werden. Womöglich macht allein das sie glücklich - dass ihre Realität beachtet wird. Mafia-Filme begeistern die Neapolitaner: Auch bei "Il Camorrista" flippen die Zuschauer dort aus, wenn einer mit dem Kopf so lange auf die Motorhaube geknallt wird, bis er tot ist.

Die Mafia-Macht basiert auf Morden - Opfer werden erwürgt, wie eine Ziege zusammengebunden, mit den eigenen Hoden im Mund aufgefunden. Bei Zuschauern löst so etwas gelegentlich ein irgendwie wohliges Schaudern aus. Bei Ihnen auch?

Ich habe nur Verachtung dafür übrig. Die Auswirkungen der Mafia auf die politische, soziale und kulturelle Entwicklung in Italien, ist so desaströs, dass man dafür keine Faszination empfinden kann. Wenn der Sohn eines Mafia-Angehörigen in einem Keller gefangen gehalten wird, um schließlich erwürgt und dann in Salzsäure aufgelöst zu werden, fasziniert mich das überhaupt nicht.

Haben Sie trotzdem einen Mafia-Lieblingsfilm?

Ja, der heißt "Analyze this", deutsch: "Reine Nervensache". Robert de Niro spielt einen Mafioso, der nicht mehr morden kann und wegen Erektionsproblemen zum Psychiater geht. Der eignet sich nicht zur Verherrlichung. Den würde man auch in keinem Versteck eines Bosses als DVD finden.

Eine besondere Rolle spielen die Frauen der Bosse und Paten. Die wäre eigentlich fast einmal einen eigenen Film wert.

Bisher wurden sie immer als Opfer wahrgenommen, die im Schatten stehen. Mich hat schon immer gewundert, wie man in Deutschland auf die Idee kommt, Italien könne ein Macho-Land sein. Wenn dort jemand die Macht ausübt, dann sind das die Frauen. Es ist ein Matriarchat, immer schon gewesen und wird es immer bleiben. Eine Mafia-Frau, die mit einem Mafioso verheiratet ist, weiß sehr wohl, was ihr Mann macht. Es sind die Frauen, die die Werte der Mafia an ihre Kinder weitergeben und sie nach deren Regeln erziehen. Sie bilden das Fundament der Mafia. Ohne die Frauen ginge das gar nicht. Es gibt den Fall einer Abtrünnigen, die sehr wohl die Geschäfte ihres Clans geleitet hat. Sie hat an Treffen teilgenommen, Morde in Auftrag gegeben wie jede andere auch. Aber selbst die Staatsanwälte sind Opfer ihres Glaubens an das Patriarchat gewesen. Sie dachten, die Männer seien den Frauen überlegen und haben so die Frauen unterschätzt. Darauf setzt die Mafia immer noch.

In Deutschland ist die Mafia seit den Duisburger Pizzeria-Morden ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Trotzdem scheint sie hier eher als ferne Fiktion betrachtet zu werden.

Deshalb wollte ich auch dieses Buch schreiben. Um zu sagen: Die Mafia macht nicht am Brenner halt. Die ist schon präsent in Deutschland und verfolgt dort dasselbe Ziel wie in Italien. Viele denken trotzdem noch, es handle sich um ein lokales Phänomen. Auf politischer Ebene sagt man: Das ist ein Problem der Italiener, wir haben damit nichts zu tun. Die Clans investieren aber nicht nur in Sizilien, um sich politischen Einfluss zu verschaffen. Da ist sehr viel Geld im Spiel. Die italienische Mafia verfügt über nahezu unerschöpfliche Finanzquellen. 100 Milliarden Euro Umsatz jährlich. Da kann man sehr viele Leute mit kaufen. Auch in Deutschland.

Wenn Sie einen Science-Fiction-Roman geschrieben hätten über die Mafia in Deutschland, der in zehn oder zwanzig Jahren spielt - wovon würde der handeln?

Da muss man gar nicht so weit in die Zukunft schauen. Wo viel investiert wird, ist viel schmutziges Geld. Es gab ja den Fall Oettinger. Die Partei des baden-württembergischen Ministerpräsidenten hat vor einigen Jahren Spenden von einem aktenkundigen 'Ndranghetista angenommen. Oettinger ist völlig sauber aus dieser Affäre herausgekommen.

Wie kommt das?

Das frage ich mich auch. Ich habe das nur am Rande verfolgt, aber es hat mich sehr an Italien erinnert.

Ihr vorheriges Buch heißt: "Der Italiener an meiner Seite". Bestand jemals die Gefahr, dass Sie sich in einen Mafioso verlieben?

(lacht) Nein. Die Gefahr hat nie bestanden. Wir hätten auch nicht so viele gemeinsame Interessen gehabt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker