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Die Medienkolumne: Von Druckerschwärze und Schwarzmalerei

Immer weniger Menschen lesen gedruckte Zeitungen. In den Redaktionen herrscht ein enormer Sparzwang. Doch stimmt es wirklich, dass die Online-Medien den Tageszeitungen den Rang ablaufen? Hat es sich bald ausgeraschelt? Warum die gute alte Tageszeitung zu mehr taugt als nur zum Fisch einwickeln.

Von Bernd Gäbler

Es gibt neue Zahlen zum Medienkonsum. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat sie erhoben, und was das Orakel vom Bodensee noch halbwegs nüchtern konstatiert, führt zu vielerlei Interpretationen - vor allem zu Kassandra-Gesängen. Unstrittig ist, dass insbesondere die regionalen Abo-Zeitungen - sie stellen in der Regel das A und O der informationellen Grundversorgung dar - massiv und stetig Leser verlieren. Der so genannte "Reichweitenverlust", also der Rückgang der real erreichten Leser (nicht der Auflage), betrug im vergangenen Jahr 3,6 Prozent. Dramatischer allerdings ist die Abwendung der jüngeren Leser: Bei den unter 30-Jährigen nahm die Leserschaft um 7,7 Prozent ab, der Verlust ist also mehr als doppelt so groß.

Robin Meyer-Lucht nun gibt mit seinem "berlin institute" die Kassandra. Er führt den bisherigen Kurvenverlauf weiter und resümiert: "In fünf Jahren erreichen die Tageszeitungen weniger als die Hälfte der 14- bis 64-Jährigen". Und der Rückgang beschleunigt sich seit 2003 von Jahr zu Jahr. Auch die Entwicklung in den USA, häufig ja Vorläufer des hiesigen Marktes, deutet in dieselbe Richtung: Allein in der vergangenen Woche gingen rund tausend Redakteursstellen verloren. Man mag dies alles für Schwarzmalerei halten oder tröstende Weisheiten zu Rate ziehen, letztlich aber werden wir uns mit der traurigen Tatsache abfinden müssen: Einigermaßen rapide verabschiedet sich die gute alte Tageszeitung vom Frühstückstisch der Massen.

Haptische Vorzüge und praktische Fisch-Verpackung

Die Argumente, die Trost spenden sollen, wiederholen sich: Da gebe es doch das Riepel'sche Gesetz, nach dem kein neues Medium einfach ein altes verdränge und ersetze. Hoffentlich kennt die Zeitung das. Gerne wird auch auf die Haptik verwiesen: So schön lasse sich Papier anfassen. Nun ja, auch das Klimpern auf einer Tastatur ist haptisches Erleben. Und dann bleibt am Ende der gute alte Witz, dass man den Fisch schließlich nicht in einem Laptop einwickeln könne. Stimmt - es glaubt ja auch niemand, dass Papier komplett verschwinde.

Argumentiert wird auch mit Tendenzen, die sich immer wieder als Rehabilitation des Lesens deuten lassen: Mädchen lesen wieder mehr Magazine, das "ADAC-Magazin" und die "Apotheken-Umschau" entwickeln sich sprunghaft positiv, geradewegs zu Säulen der bundesdeutschen Publizistik.

Überregionales Überleben

Während in den USA die großen Zeitungen in arge Bedrängnis kommen, wird bei uns - in Mainz - schon mal vorsorglich ein Zeitungs-Museum errichtet. Aber ganz so weit ist es noch nicht. Niemand wird behaupten, dass "Süddeutsche" und "FAZ", die WAZ-Mediengruppe oder DuMont über kurz oder lang vor die Hunde gehen. Nein, gerade die überregionalen Qualitätszeitungen mit ihren journalistischen Standards, Hintergrund zu liefern und Orientierung zu bieten, meinungsstark zu sein und sehr politisch, werden überleben.

Sie werden teurer werden, es aber sicher noch verstehen, in einer medial gespaltenen Gesellschaft 300.000 bis 500.000 Leser zu begeistern. Der regionale und lokale Massenkonsum aber wird durch Boulevard-Medien bedient werden und ins Internet abwandern. Mitschuld daran tragen sicherlich auch die Verlage, die nur noch wenig in die journalistische Qualität ihrer regionalen Zeitungen investieren und stattdessen vor allem auf Expansion in andere mediale Felder - vom Internet-TV bis zum Ticketshop - setzen. Kleine Zeitungen leben inzwischen fast ausschließlich von schlecht bezahlten und schlecht schreibenden freien Mitarbeitern. So kann kein Medium mehr überzeugen.

Das Surfen ersetzt das Blättern nicht

Alles sei aber nicht so schlimm, glauben manche. Letztlich sei es doch egal, aus welcher Quelle und über welchen Distributionsweg die Bürger sich informierten, schließlich komme es auf die Qualität der Informiertheit an. Das stimmt. Meine durch Beobachtung gestützte Behauptung allerdings lautet: Blättern und Surfen sind keineswegs substantiell identische Tätigkeiten. Ihnen liegt eine andere Formierung von Aufmerksamkeit und Interesse zu Grunde. Beim Blättern überschaue ich eine gestaltete Informationsauswahl. Die Gestaltung selbst ist ein Orientierungsvorschlag: oben und unten, groß und klein, lang und kurz - all das verweist auf eine professionelle Auswahl, der ich folgen oder die ich kritisieren kann. Die Anordnung und die Texte selbst können stilbildend sein.

Wenn Interessantes den Leser anspringt

Ich interessiere mich überhaupt nicht für den Kanusport, aber im "Tagesspiegel" stoße ich plötzlich auf einen wahnsinnig interessanten Artikel über das Scheitern des früheren deutschen Erfolgstrainers Josef Capousek in China. In der "FAZ" lese ich Patrick Bahners Würdigung zum 70. Geburtstag des Ägyptologen Jan Assmann. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass er siebzig wird. In der "taz" lese ich ein wunderbares Portrait über die frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen, Halo Saibold, die aus der Politik fast verbannt wurde, als sie damals die heutigen Energiepreise vorhersagte. Gezielt gesucht hätte ich nach keinem dieser Artikel. Auch beim Klicken auf "Spiegel online" bin ich auf keines dieser Themen gestoßen worden.

Natürlich wäre es möglich, diese Informationen auch über das Internet zu bekommen. Doch beim Surfen springen einem Artikel dieser Art einfach nicht ins Auge. Da können Internet-Avantgardisten noch so oft das Gegenteil behaupten. Sie glauben, gerade Internet-Spaziergänge verleiteten zu vernetztem Denken und ständiger Vertiefung. Es mag ja sein, dass auch Surfer flanieren, letztlich aber - so besagt meine insbesondere aus der Ausbildung resultierende Erfahrung - verführt die Internet-Nutzung zum Prinzip "on demand": Ich weiß, was ich will und bekomme genau das. Die Stärke der Zeitung aber liegt in der zuverlässigen Überraschung. Aus der Zeitung erfahre ich, dass ich mich für Sachen interessiere, von denen ich nie geahnt hätte, dass sie mich interessieren könnten. Die Zeitung bedient weitschweifige Interessen, das Internet verführt zu Abruf-Wissen. Darum ist der Rückgang des Zeitunglesens ein kultureller Verlust.