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Interview

Prime-Video-Chef Christoph Schneider: Warum läuft "Deutschland 86" jetzt bei Amazon, Herr Schneider?

Für die Agentenserie "Deutschland 83" erhielt RTL 2015 hervorragende Kritiken. Die zweite Staffel läuft nun auf Amazon. Prime-Video-Chef Christoph Schneider erzählt dem stern, wie es dazu kam - und erklärt, mit welcher Strategie er das lineare Fernsehen angreift.

Christoph Schneider ist der Chef von Amazon Prime Video

Dr. Christoph Schneider, 52, ist der Chef von Amazon Prime Video, wo ab Freitag "Deutschland 86" zu sehen ist, die Fortsetzung der Agentenserie "Deutschland 83".

Herr Dr. Schneider, wen sehen Sie eigentlich als Ihren Hauptkonkurrenten an: Das lineare Fernsehen oder Streaming-Plattformen wie Netflix?

Wir fragen uns nicht, wer unser Konkurrent ist, sondern wie wir unseren Kunden das beste Programm und Angebot bieten können. Jeder hat nur ein begrenztes Zeitbudget, das er mit Medienkonsum verbringen kann. Da sind es die guten Inhalte, die überzeugen müssen. Wir müssen ein Angebot zusammenstellen, das jedem seine Lieblingsserie bietet. Das kann mal ein ganz großes Publikum oder nur eine bestimmte Nische ansprechen. Wir haben die verschiedensten Zielgruppen mit vielfältigen Geschmäckern und wollen für jeden das Richtige im Angebot haben.

Was war ausschlaggebend für die Entscheidung, "Deutschland 86" auf Amazon fortzuführen?

Wir sind immer auf der Suche nach guten deutschen Stoffen. Unsere Wunschvorstellung war so etwas wie "Deutschland83". Irgendwann kam Ufa-Chef Nico Hofmann auf uns zu mit dem Vorschlag, die Serie fortzuführen. Wir fanden die erste Staffel so toll, dass wir sofort zugesagt haben. Die Serie hat auf RTL ja zum Auftakt gut funktioniert. Die erste Episode haben drei Millionen Zuschauer geguckt. Aber horizontal erzählte Geschichten tun sich im linearen Fernsehen schwer. Wir glauben, bei Prime Video ist "Deutschland86" jetzt an der richtigen Stelle.

Wie laufen die Entscheidungsprozesse konkret, wenn eine solche Serie für Prime Video in Auftrag gegeben wird?

Wir schauen uns die Bücher an, sprechen mit den Serien-Machern über die kreative Vision und dann entscheiden wir im Team. Im besten Fall ist man noch persönlich Fan, wie ich bei "Pastewka" und "Deutschland83". Gottseidank waren wir alle der Meinung, dass das eine gute Serie ist. Deswegen hatten wir alle Beteiligten sehr schnell überzeugt, dass wir die Serie als Prime Original fortsetzen sollten.

Betreiben Sie vor einer solchen Entscheidung Marktforschung und Zuschaueranalysen, oder verlassen Sie sich dabei vor allem auf Ihr Bauchgefühl?

Natürlich schauen wir uns die Daten an. Über drei Millionen Zuschauer haben damals den Start von "Deutschland83" auf RTL gesehen, die Serie wurde euphorisch gut bewertet, war ein internationaler Erfolg. Es hatte gar nicht jeder die Gelegenheit, sich die Folgen anzuschauen. Das ist unser Vorteil: Bei uns kann jeder gucken, wann er will - und ohne Werbung. "Deutschland83" ist ebenfalls bei uns verfügbar und sehr beliebt.

Inwieweit nehmen Sie bei von ihnen beauftragten Serien Einfluss auf die Ausgestaltung des Drehbuchs?

Wir suchen uns einen guten Partner aus, aber dann lassen wir die Kreativen weitgehend machen. Natürlich geben wir Feedback. Aber wir wollen nicht zu stark in den künstlerischen Prozess eingreifen. Wir haben uns die Besten geholt, die es gibt: Nico Hofmann sowie die Showcreator Anna und Jörg Winger. Das ist ein tolles Team. Wenn wir da reingrätschen, wird es anders, aber nicht unbedingt besser. Das ist unser Credo. So haben wir es bei "Pastewka" gemacht, so haben wir es bei "You Are Wanted" gemacht. Und so haben wir es auch bei "Deutschland86" gemacht.

Wie sah Ihr Input aus?

Konstruktives Feedback würde ich es mal nennen. Wir haben nicht angefangen, die Drehbücher Satz für Satz durchzugehen und zu kommentieren. Wir haben höchstens redaktionelle Anmerkungen gegeben, zum Beispiel, wenn uns etwas nicht gleich verständlich schien.

Welches Ziel verfolgen Sie mit "Deutschland 86": Geht es Ihnen um möglichst viele Abrufe, um zufriedene Kunden oder um eine positive Medienberichterstattung?

Im besten Falle natürlich alles zusammen, Uns interessiert zum einen die Reichweite innerhalb von Prime Video. Wie viele Zuschauer gucken sich die Serie an – das kann man mit der Einschaltquote im Free-TV vergleichen. Aber natürlich schauen wir auch auf die Zufriedenheit: Ein Indikator ist die Completion-Rate, also die Anzahl der Leute, die die Serie auch zu Ende geguckt haben. Interessant ist für uns aber auch die Frage: Habe ich damit neue Kunden gewonnen? "Deutschland86" wendet sich auch an Leute, die nicht unser typisches Publikum sind. Wir hoffen, die Serie animiert neue Zuschauer, Prime Video auszuprobieren. Das wäre dann die Kirsche auf dem Kuchen. Man kann uns ja 30 Tage kostenlos testen.

Haben Sie "Deutschland 86" vorrangig für das deutsche Publikum geholt?

Wir sehen, dass deutsche Serien bei uns sehr gut funktionieren. "You Are Wanted" ist nach wie vor unsere reichweitenstärkste Serie, auch "Pastewka" hat hervorragend funktioniert. Im November startet mit "Beat" unser nächstes deutsches "Original", gerade haben wir "Bibi & Tina" angekündigt, die Serie zur erfolgreichen Filmreihe von Regisseur Detlev Buck. "Deutschland86" ist dabei ein wichtiger Baustein für unser Angebot an deutschen "Originals".  

Wie wichtig sind die internationalen Abrufe?

Für "Deutschland86" zählt vor allem Deutschland und Österreich. Die Rechtelage ist hier anders, als zum Beispiel bei "Beat" oder "You Are Wanted", Serien die weltweit ausschließlich bei Prime Video zu sehen sind. Bei "Deutschland86" haben wir neben den Rechten für Deutschland und Österreich auch einige internationale Territorien wie Japan und Indien übernommen, aber ansonsten die Rechtelage aus der ersten Staffel nicht verändert. Für deutsche Serien wie "Beat", an denen wir weltweite Rechte haben, sind die internationalen Abrufe interessant, aber das ist die Kür. Pflicht ist, dass es in Deutschland ankommt. Wenn wir hier etwas machen, dann soll es Talk of the Town sein, es soll groß sein. Ich wäre persönlich enttäuscht, wenn ich eine deutsche Serie mache, die hier nicht funktioniert, aber vielleicht in Italien, Frankreich und Amerika gut läuft. Das wäre höchstens ein Trostpflaster.

Lange Zeit sah es so aus, als würde es auf eine Aufgabenteilung hinauslaufen: Streaming-Plattformen wie Amazon Prime, Netflix und Co. dominieren den Markt mit Filmen und Serien, das lineare Fernsehen punktet dagegen mit Live-Events wie Sport. Mittlerweile bietet Amazon den Livekommentar zu Fußballspielen der 1. und 2. Bundesliga an. Dazu vertreiben Sie den Eurosport Player mit den Freitagsspielen der Fußball-Bundesliga. Greifen Sie jetzt auch im Live-Geschäft an?

Sportrechte sind immer interessant. Sie haben unter anderem den Eurosport Player bei Prime Video Channels angesprochen. Wir zeigen bei Prime Video auch Livespiele der NFL Football League, immer donnerstagsnachts. In England haben wir bereits die US-Open und weitere Tennis-Turniere übertragen und werden demnächst auch einige Spiele der Premier League zeigen.

"Deutschland 86" steht ab Freitag, 19. Oktober auf Amazon Prime Video zum Abruf bereit.