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US-Studie: Popcorn statt Prügelei

Seit langem wissen Psychologen, dass Gewaltdarstellungen in den Medien die Aggressivität beeinflussen. Zwei Ökonomen stellen eine Studie mit einem völlig anderen Blickwinkel vor. Ihre Rechnung: Brutale Filme verhindern in den USA jedes Wochenende 1000 Tätlichkeiten.

Von Nina Bublitz

Seit Jahrzehnten untersuchen Medienpsychologen die Wirkung von Gewaltdarstellung auf das Verhalten. Und: "Es wurden immer wieder Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und aggressivem Verhalten entdeckt", sagt Uli Gleich vom Institut für Kommunikationspsychologie, Medienpädagogik und Sprechwissenschaft der Universität Koblenz-Landau. "Wer wenig aggressives Potential hat, wird durch Medien nicht aggressiv. Aber es gibt Risikogruppen, bei denen der Medienkonsum die Gewaltbereitschaft erhöhen kann." Zu den Risikogruppen zählen vor allem Jugendliche und junge Männer, die zu Aggressionen neigen und in Konfliktsituationen oft gewalttätig werden, weil sie nicht in der Lage sind, Probleme anders zu lösen.

Wenn man das bedenkt, erscheint eine aktuelle Studie von zwei US-Ökonomen durchaus kurios. Die beiden haben unabhängig von der psychologischen Komponente untersucht, wie Gewalt in Kinofilmen kurzfristig die Kriminalstatistik beeinflusst. Die kalifornischen Forscher werteten dafür Daten aus den Jahren 1995 bis 2004 aus. Das Ergebnis präsentierten sie vergangenes Wochenende auf dem Jahrestreffen der "American Economic Association".

Zuerst erstellten die Ökonomen eine Skala, nach der Filme als stark gewalttätig (z. B. "Hannibal"), leicht gewalttätig ("Spider-Man") und nicht gewalttätig (wie etwa "Die Braut, die sich nicht traut") eingeteilt wurden. So errechneten sie, wie präsent am jeweiligen Wochenende die Gewalt auf der Kinoleinwand war. Diesen Wert stellten sie der Kriminalstatistik gegenüber, mögliche andere Einflüsse wie das Wetter wurden dabei berücksichtigt. Ergebnis: An Wochenenden, an denen viele Zuschauer stark oder leicht gewalttätige Filme sahen, verzeichnete die Polizei weniger Tätlichkeiten und schwere Körperverletzungen. "Unsere Berechnungen deuten darauf hin, dass ein sehr gewalttätiger Blockbuster wie 'Hannibal', der am ersten Wochenende von 10,1 Millionen Menschen gesehen wurde, die Zahl der Tätlichkeiten um 5,2 Prozent, beziehungsweise 1056 Vorfälle, reduzierte", schreiben Gordon Dahl von der University of California, San Diego, und Stefano DellaVigna aus Berkeley. Die Forscher prüften außerdem, ob nach den vergleichsweise "ruhigen" Wochenenden mehr Vorfälle am folgenden Montag und Dienstag passierten - dies war nicht der Fall.

Nüchtern im Kino

Die Ökonomen liefern eine Erklärung für die Zahlen: Wer im Kino sitzt, um einen brutalen Film zu sehen, wird in dieser Zeit niemanden angreifen, weil er schlicht mit Zuschauen und Popcorn essen beschäftigt ist. "Potenzielle Gewalttäter, die einen Kinofilm sehen, gehen keinen kriminellen Aktivitäten nach. So einfach diese Schlussfolgerung ist - sie wurde bisher völlig vernachlässigt", schreiben Dahl und DellaVigna. Hinzu kommt, dass in US-Kinos Alkohol verboten ist, die Zuschauer also nüchtern das Kino verlassen. Auch das würde die Zahl der Übergriffe reduzieren.

Dahl und DellaVigna verneinen nicht, dass Gewaltdarstellungen aggressives Verhalten fördern können, schließlich sagt ihre Untersuchung auch nichts über die langfristige Wirkung der Gewaltdarstellung in Kinofilmen aus. Dr. Gleich gibt zu bedenken: "Wenn man Gewalt verhindern will, geht es doch - gerade bei Jugendlichen - auch darum, andere, sinnvolle Aktivitäten zu fördern. Gewalttätige Kinofilme sind hier sicher nicht der Weisheit letzter Schluss."

Immerhin ergänzen die US-Ökonomen, dass auch andere Aktivitäten - späte Sportereignisse, Videospiele oder Fernsehen - einen ähnlichen kurzfristigen Effekt haben können wie die untersuchten Filme. Und schließlich überprüften sie, ob die Gewalt in den Filmen allein das wichtige Kriterium war. Aus Bewertungen der "Internet Movie Database" folgerten sie, welche Filme vor allem von jungen Männern geschätzt wurden. Und tatsächlich: Filme, die vor allem junge Männer ansprachen, reduzierten die Verbrechensrate immer, auch wenn sie mit wenig oder keiner Gewalt auskamen. Mehr Komödien à la "American Pie" wäre demnach eine Ansage an Hollywood.