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Elke Heidenreich: "Lesen ist das Glück meines Lebens"

Sie macht aus Büchern Bestseller und treibt Literaturmuffel in Buchläden, scharenweise. Dabei gibt Elke Heidenreich nur eine simple Losung aus: "Lesen!" heißt die. Und dafür muss man sie einfach: loben!

Von Uschi Neuhauser, Stephan Draf und Volker Hinz (Fotos)

Wir fahren jetzt wieder nach Mallorca", sagte ihr kürzlich eine Leserin, "und mein Alter wird wieder nur saufen. Gibt's nicht auch Bücher für Männer?" Elke Heidenreich wusste erst mal keine Antwort. Aber sie hat sich die Adresse aufgeschrieben. Und nach ein paar Tagen hat sie geantwortet. Im Empfehlen, das weiß inzwischen das ganze Land, gibt's keine Bessere.

Seit Elke Heidenreich in der Fernsehsendung "Lesen!" ihre Zuschauer an der Hand durch den Bücherdschungel führt, gilt sie als mächtigste Frau im deutschen Literaturbetrieb. Sie kann, wovon Verlage träumen und wonach hochgelehrte Rezensenten vergebens streben: Bestseller machen aus Büchern, die sie liebt. Und begeisterte Leser aus Menschen, die an sich Scheu vor eng bedruckten Seiten haben, aber ihr vertrauen, der Elke, wem sonst.

Das mit dem Lesen fiel schon in der Schule auf, im Handarbeitsunterricht: Elke Heidenreich hatte eine erwiesene Häkelschwäche, dafür konnte sie gut mit Wörtern, also sprach die Lehrerin: "Alle häkeln, Elke liest!" Aber sonst: Nichts deutete darauf hin, dass aus dem 1943 geborenen Ruhrgebietskind eine Sprach-Akrobatin werden würde. Die Familie lebte in Essen knapp über der Armutsgrenze, die Mutter nähte Kinovorhänge, seitdem mag Elke Heidenreich Samtjacken. Der Vater war als Automechaniker so gut, dass man ihm Nobelschlitten anvertraute, und wenn Elke Heidenreich heute in ihren jüngst erworbenen, sofabequemen Jaguar steigt, muss sie an den Papa denken: "Der hat die repariert, und ich darf jetzt einen fahren. Verrückt." Der elterliche Bücherschrank wurde aus dem Lesering bestückt, wo die Mutter ("klug, aber nicht gebildet") bestellte, der erste Roman der Tochter ist "Vom Winde verweht".

Dann traten die Förderer des Lesens in ihr Leben: die Deutschlehrerin, die sie sehr früh mit sehr schwierigen Büchern versorgte, der Pfarrer, der sie in der Gemeindebücherei alles lesen ließ, die Professoren im Germanistik-Studium. Später arbeitete Elke Heidenreich mit an "Kindlers Literaturlexikon", der Germanisten-Bibel - "die ganze Romantik, Hölderlin, Novalis, ist alles von mir".

Die weitere Karriere lässt Heidenreich dann mehr passieren, als sie akribisch zu verfolgen: Als Else Stratmann, naturgescheite Quasselstrippe mit Überschall-Sprechtempo, wird sie im WDR-Hörfunk zur festen Größe und versüßt 1984 Sportmuffeln die endlosen Olympia-Übertragungen auch bundesweit. Es folgen Talkshows: "Live" macht sie drei Jahre lang und streitet sich dort gern und oft ganz fürchterlich. 17 Jahre ist sie Kolumnistin der "Brigitte", 1992 traut sie sich endlich an die Literatur: "Kolonien der Liebe" heißt ihr Erzählband, das Feuilleton bescheinigt ihr "gut lesbare Geschichten". Ihr Privatleben hat sie, die im Elternhaus kaum Liebe erfuhr, immer als "glücklich" bezeichnet: 23 Jahre war sie mit dem Autor Bernd Schroeder verheiratet, selbst nach der Trennung, 1995, sind sie beste Freunde und schreiben zusammen Bücher.

Im September 2002 wurde bei Elke Heidenreich Krebs diagnostiziert, sie wurde operiert, bestrahlt, sie nimmt Medikamente. Und ist trotzig glücklich: "Ge- rade als ich so krank war, hat es mit der Lese-Sendung geklappt. Ich fand das ein tolles Zeichen."

Frau Heidenreich, die Bücherschau "Lesen!", mit der Sie im September zum dritten Mal im ZDF zu sehen sein werden, hat um die Hälfte mehr Zuschauer als "Das Literarische Quartett" zu seinen besten Zeiten. Woran liegt das?

Die Leute sind es leid, immer nur Krach und Geschrei zu hören. Eine Frau mit 60 sitzt auf einem Stuhl und darf über das, was ihr wichtig und schön ist, reden.

Das entspricht doch gar nicht Ihrem Temperament, immer nur zu loben.

Da ich ansonsten so frech sein kann, wie ich will, wird es mir nicht langweilig, sechsmal im Jahr 30 Minuten nett zu sein.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Bücher mehr verkauft wurden aufgrund dieses Lobs?

Genaue Zahlen weiß ich nicht, aber wir können ja zusammenzählen. Also: "Monsieur Ibrahim" weit über 100.000, Nuala O'Faolain an die 60.000, Undine Gruenter 40.000, Nick McDonell 50- bis 60.000...

Danke, das genügt. Alles in allem sollen es 800.000 Bücher mehr gewesen sein. Hat es eine von Ihren Empfehlungen nicht auf Anhieb in die Bestsellerliste geschafft?

Ja, Max Aub mit seinem sechsbändigen "Magischen Labyrinth". Auf der stern-Bestsellerliste ist er jedenfalls nicht. Aber ich bin an Bestsellerlisten auch gar nicht so interessiert. Viel wichtiger ist, dass meine Empfehlungen gekauft und gelesen werden. Und ich bleibe dabei: Wer Aub liest, wird glücklich, weil der Aub ein wunderbarer ernster Chronist dieses grässlichen Jahrhunderts mit seinen Kriegen ist.

Hat Sie der Erfolg der Sendung erstaunt?

Ich habe mit nichts anderem gerechnet. Ich mache das doch nicht für 300.000 Hanseln. Also, zwei Millionen müssen schon gucken.

Im Feuilleton nennt man Sie ehrfürchtig "Die Literaturpäpstin".

Quatsch. Ich bin nicht unfehlbar. Ich habe einen sehr sentimentalen Geschmack. Ich weiß aber, dass den viele Leute haben.

Man beschreibt Sie auch als "die Literaturkritikerin für die Spaßgesellschaft, die nur Bücher mittleren Ehrgeizes und mittlerer Güte empfiehlt".

Na, das ist eine Kränkung für Max Aub und Eric-Emmanuel Schmitt und Undine Gruenter!

Sie sind die "Hyperbuchbeschleunigerin", "die Avon-Beraterin für den geistigen Wohlfühlbedarf". Wie sehr ärgert Sie das?

Gar nicht, ich schwöre es Ihnen, nicht die Bohne. Ich war schon alles Mögliche. Im stern war ich mal die "Xanthippe des Jahres". Na und? Ihr könnt mich mal. So lange die Leser nicht diffamiert werden, ist mir das vollkommen wurscht.

Fällt es Ihnen nicht manchmal schwer, sich so schlicht und volkstümlich zu geben?

Ich bin so. Ich schwöre es Ihnen. Ich kann mir Fremdwörter gar nicht merken. Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen, rede eine ganz normale Sprache. Das Feuilleton macht den Fehler, zu verkopft und zu selbstverliebt zu sein. Wenn man schon die Kritiken nicht versteht, wie soll man sich dann an Bücher heranwagen?

Was ist denn am Lesen so toll?

Sie merken ja, wie schnell ich bin, wie schnell ich rede. Beim Lesen ist Ruhe. Da werde ich ganz still. Und tauche in eine Geschichte ein, die mich fesselt und ablenkt und unterhält. Eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Buch ist durch nichts zu ersetzen.

Es heißt, Sie lesen 400 Seiten am Tag. Wie soll das gehen?

So ein Unsinn. Die Leute haben auch geschrieben: Sie liest jeden Tag ein Buch! Alles dummes Zeug. Stimmt, ich habe immer ein Buch in der Mangel. Aber mal lese ich nur 20 Seiten abends vorm Einschlafen, mal fange ich mit Jonathan Franzens "Korrekturen" morgens an, stelle mein Telefon ab und lese bis nachts um drei.

Rennen Ihnen die Verlage die Tür ein?

Ja, ich habe allen, auch den kleinen, einen Brief geschrieben: Bitte bemustert mich nicht. Schickt eure Kataloge. Dann sehe ich, ob John Updike was Neues schreibt oder Philip Roth. Der kleine Lebert hat jetzt nach "Crazy" sein zweites Buch geschrieben. Das interessiert mich. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich jedes Buch, das ich bestelle, auch in der Sendung präsentiere. Ich gucke ganz in Ruhe der Reihe nach durch. Ich gebe jedem Buch eine kleine Chance, muss man ja.

Wollen Sie eher Geheimtipps geben?

Ich habe den neuen Siegfried Lenz noch nicht gelesen, aber die ganze Welt wird sich draufstürzen, da müssen wir es nicht auch noch.

Was, wenn ein neuer Grisham erscheint?

Ich lese keine Krimis. Was mich nicht interessiert, kann ich auch nicht machen. Und der braucht mich auch nicht.

Andere schon. So viel mediale Macht!

Ist das Macht? Daran habe ich kein Interesse. Ich will, dass die Leute lesen, und wenn sie es tun, sage ich: Fein! Geschafft!

Sie haben die Macht der guten Fee, die den erfolglosen Schreiberling hochjubeln kann.

Beim nächsten Mal werde ich wahrscheinlich Ljudmila Ulitzkaya reinnehmen. Da höre ich schon das Feuilleton aufschreien: "Hanser! Sie empfiehlt ihren eigenen Verlag!" Auch das muss mir egal sein. Das Buch heißt "Die Lügen der Frauen", und es ist wunderbar.

Wieder ein Buch von 50-jährigen Frauen am Scheideweg?

Ich weiß gar nicht, wieso sich alle an der Nuala O'Faolain reiben. Wir Frauen lesen Faulkner, Hemingway, Kafka, Steinbeck, aber Männer lesen nicht Virginia Wolf, nicht Katherine Mansfield, Jane Austen - es interessiert sie einfach nicht, was wir denken und fühlen. Sie haben keine Probleme, sich mit ihren schönen dicken Bäuchen noch vor jeder Frau auszuziehen, mit der sie schlafen wollen. An uns werden andere Maßstäbe gelegt. Und hier ist mal eine Frau, die das beschreibt. Die sagt: Jetzt bin ich 50, ich sehne mich nach Sex. Aber was mache ich? Mein Busen hängt, mein Arsch ist auch nicht mehr so schön. Ich finde es wichtig, dass jemand unsere Probleme ernsthaft und schön beschreibt. Und das wird mit Häme betrachtet ... aber das stärkt nur meinen Kampfgeist.

Eine Kostprobe davon gab's für die Kollegen vom "Spiegel", als Sie ihnen versicherten, sie seien lebende Schleimspuren und Sie würden nie wieder für sie schreiben.

"Nie" hält bei mir nie länger als drei Jahre. Aber die haben die O'Faolain nicht nur verrissen, sondern auch durchblicken lassen, dass Leute, die dieses Buch lesen, auch nicht alle Tassen im Schrank haben. Das schreibt ausgerechnet ein "Spiegel"-Redakteur, der immer ehrfürchtig auf dem Fußbänkchen des Botho Strauß sitzt und ihn als große Literatur verkauft. Das kann ich zum Beispiel nicht, da würde mir schlecht.

Sie versprechen in Ihrer Sendung: "Ich werde Sie nie beschummeln." Was heißt das?

Dass ich meinem Zuschauer nicht Bücher unterjuble, weil mir ein Verlag sagt: Wir zahlen dir die Miete. Ich muss weder Karriere machen noch Geld verdienen. Ich habe mit "Nero Corleone", mein Buch über meinen Kater, so viel verdient, dass ich in meinem ganzen Leben nicht mehr arbeiten muss. "Nero" ist eine Million Mal verkauft und in 25 Sprachen übersetzt.

Wie gerecht kann man sein als Päpstin? Haben Sie nicht doch Ihren Lieblingsautor, Lieblingsverlag? Oder Ihren Lieblingsfeind?

Einen Lieblingsverlag habe ich nicht, wohl aber Verlage, die ich nicht so gern mag. Einen Lieblingsautor habe ich natürlich - wenn T.C. Boyle ein mieses Buch schreibt, hat er besonders schlechte Karten bei mir. Lieblingsfeind - natürlich!

Und wenn der ein gutes Buch schreibt?

Ein gutes Buch erreicht mich immer, mir ist egal, wer es geschrieben hat.

Auch wenn der Autor Martin Walser heißt?

Das ist ein Grenzfall. Weil ich Walser seit "Dorle und Wolf" nicht mehr lese. Das gehört zu den dämlichsten Büchern, die mir je untergekommen sind. Danach war Walser für mich erledigt.

Ist Ihnen die Sprache wichtiger oder die Geschichte?

Das ist eine schwierige und schöne Frage. Der Idealfall für ein gutes Buch ist, wenn Form und Inhalt sich die Waage halten. Es nützt keine hochgestelzte Sprache, wenn dahinter nichts ist. Aber es nützt auch keine gute Geschichte, wenn sie trivial erzählt ist. Im Leben ist mir Sprache sehr wichtig. Würden die Leute mehr lesen, würden sie auch besser sprechen. Wenn unsere Politiker mehr lesen würden, wären sie nicht solche langweiligen Hanseln. Es gibt Ausnahmen. Heiner Geißler liest und spielt wunderbar Klavier. Wir spielen manchmal vierhändig Klavier, und dann immer Schubert.

Können Sie mit Menschen befreundet sein, die nicht lesen?

Schwer. Ich habe Freunde, die nicht lesen. Aber es werden immer weniger. Bei "Monsieur Ibrahim" habe ich sie alle rangekriegt. 120 Seiten, habe ich gesagt, kann jeder mal lesen, du auch. Das hat geklappt.

Sind Sie durch Bücher ein besserer Mensch geworden?

Nein. Aber man versteht die Welt ein bisschen besser. Und den eigenen Platz darin. Man jammert weniger. Und ich werde etwas klüger. Aber meine schlechten Eigenschaften bleiben.

Die wären?

Ungeduld, Aggressivität. In Berlin bin ich immer aggressiv. Wenn mir einer blöde kommt ... alles, was an mir ekelig ist, wird in Berlin potenziert.

Wer ist Ihr nächster Gast?

Ich wünschte mir Herbert Grönemeyer. Der liest. Es gibt das sehr schöne Buch "31 Songs" von Nick Hornby über Popmusik. Popmusik ist meiner Meinung nach auch Literatur. Bob Dylan ist ja seit Jahren für den Nobelpreis vorgeschlagen. Und wenn der Herbert kann und mag, kriege ich wieder 200.000 ganz andere Zuschauer als jetzt.

Der Gast darf ein Buch seiner Wahl mitbringen.

Und jetzt wollen Sie wissen, was ich mache, wenn Grönemeyer den Walser bringt? Ich würde sagen: Erklär mir, was dir daran gefällt. Und dann muss das Publikum entscheiden, ob es ihm glaubt oder mir.

Der Bundeskanzler liest auch viel. Wäre er als Gast denkbar?

Nee. Was Schröder liest, interessiert mich irgendwie nicht.

Was empfehlen Sie Angela Merkel?

Ich kenne die ja nicht persönlich. Sie ist Physikerin ... ah, ich hab's: ein Buch von Michael Schindhelm, "Roberts Reise". Der Autor hat mit der Merkel im Osten studiert. Sie wohnten in einer WG. Und er beschreibt, wie zickig sie damals war. Das würde ich ihr zu lesen empfehlen.

Und Stoiber?

Es ist mir wurscht, was der liest oder nicht.

George Bush?

"Bowling For Columbine" von Michael Moore. Und alles von Susan Sontag. Aber er wird sie leider nicht verstehen.

Michel Friedman?

Das ist schwer. Über Michel Friedman denke ich viel nach. Ich finde, er hätte sich nicht entschuldigen müssen. Seit wann müssen wir uns beim Volk entschuldigen, nur weil wir eine Medienfigur sind, wenn wir im Privatleben Scheiße bauen? Ich würde ihn am liebsten zu mir nach Hause holen, in die Ecke setzen ...

... und ihm ein Buch in die Hand drücken?

Ja, einen guten Philip Roth wahrscheinlich: "Der menschliche Makel".

Reden wir über ein paar Klassiker. Was halten Sie von Musils "Mann ohne Eigenschaften"?

Bildungslektüre für die, die eh gern und viel lesen. Kein Muss. Habe ich gelesen, als ich noch zu jung war. Ich würde ihn einem großen Publikum nicht empfehlen.

"Moby Dick"?

Hasse ich. Ein alter Mann, böse und rachsüchtig, kämpft gegen ein Tier, bis es zerfetzt ist und beide tot sind. Henry Miller zum Beispiel mag ich sehr gerne. Mit allen Schweinereien, ehrlich.

Haben Sie eigentlich immer Lust, zu lesen?

Immer. Es ist das Glück meines Lebens, dass mein Größtes und Schönstes meine Arbeit ist.

Wie teilen Sie sich Ihre Zeit ein? Wann wird gelesen, wann wird geschrieben?

Geschrieben wird im Moment gar nicht. Es wird gelesen, Klavier gespielt und ab und zu gekocht.

Wo lesen Sie am liebsten?

Im Sessel. Gute Lampe, keine Musik, keine Unterbrechung, kein Telefon, kein Fax.

Ein Glas Wein?

Im Sommer weiß, im Winter rot. Im Moment Cidre, im Winter eine Kanne Tee. Und Schokolade, sehr viel Schokolade.

Was ist Ihnen wichtiger, lesen oder schreiben?

Natürlich das Lesen. Ohne lesen könnte ich gar nicht leben. Ohne schreiben schon. Schreiben ist Luxus.

Sie zitieren gern Vicky Baum: "Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Kategorie."

Ich bin besser geworden, aber ich bin nicht wichtig. Solche Sätze wie Dorothy Parker würde ich gern schreiben: "Als das Telefon wieder nicht klingelte, wusste ich sofort, dass du es bist." Aber ich habe mein Publikum gefunden, und es macht mich wirklich ohne jede Koketterie stolz und glücklich. Mehr will ich nicht erreichen.

Sie schreiben Tagebuch?

Seit ich 15 bin. Damit ich nicht alles vergesse. Gestern habe ich einen Film gesehen über Turkmenistan. Da herrscht offensichtlich ein ganz fürchterlicher Diktator. Und im Film sagt ein alter Mann den Satz: "Turkmenistan ist eine Dreizimmerwohnung. Gefängnis, Irrenhaus und Grab." Das habe ich mir aufgeschrieben.

Haben Sie Ihre Lebensweisheiten hauptsächlich aus Büchern?

Habe ich Lebensweisheiten? Bücher zeigen mir nur: Ich bin nicht die Einzige. Das tröstet mich. Susan Sontags "Krankheit als Metapher" hat mir geholfen, vieles zu verstehen. Sie hatte ja auch Krebs und macht klar, wie seltsam wir mit Krankheit umgehen. Dass wir Schuldgefühle entwickeln. Und was für eine Unverschämtheit das ist.

Sie haben eine Vorliebe für Bücher, in denen Sie Ihr eigenes Leben wiedererkennen.

Muss nicht sein, ist aber schön. Das ordnet ein, das relativiert. Ich denke dann: Mein Gott, was mache ich für ein Geschiss um ein kleines Problem in meinem schönen Leben? Als ich im Krankenhaus lag und es mir wirklich schlecht ging, habe ich "Abbitte" von Ian McEwan gelesen. Die Geschichte dieses Mädchens, das mit einer schlimmen Lüge das Leben von ganz vielen Menschen zerstört, hat mich abgelenkt und beschäftigt. Ich lag da mit dieser Kanüle im Arm und habe gelesen und war gerettet.

Sie haben keine Kinder. Sind Sie vor lauter Lesen nicht dazu gekommen?

Sonst werde ich immer gefragt, ob meine Katzen Kinderersatz sind. Dann sage ich: Nein, Kinder wären für mich ein Katzenersatz. Im Ernst: Ich habe nie welche gewollt. Ich liebe Kinder und schreibe auch Kinderbücher, aber ich wollte keines kriegen. Ich wollte keinen dicken Bauch und wollte es nicht säugen und nicht großziehen, wollte keine Handarbeitsbeutel nähen und keine Schultaschen packen.

Hat Ihre Krankheit Ihr Leben verändert?

Nee, ich war mein Leben lang eigentlich immer krank. Mickerig. Das mickerige Kind sitzt immer in der Ecke und liest. Ich arbeite ein bisschen weniger, und ich schlafe ein bisschen mehr.

Sie haben im September bei Biolek das erste Mal erzählt, dass Sie krank sind.

Die "Bild"-Zeitung schrieb am nächsten Tag: "Die tapfere Elke." Alles Lüge. Ich war überhaupt nicht tapfer. Ich habe gehadert und gezetert.

Wenn Sie wüssten: Das ist das letzte Buch in meinem Leben. Wonach würden Sie greifen?

Nach etwas Altem. Ich wäre sicher nicht mehr neugierig auf was Neues. Gedichte. Hermann Hesses "Stufen". Darin heißt es: Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde/Uns neuen Räumen jung entgegen senden:/Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden./Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde! Aber wenn es wirklich zu Ende geht, glaube ich nicht, dass ich lesen werde. Ich würde alle meine Freunde um mich versammeln. Und meine Katzen und mein Geld verteilen.

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