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GEBURTSTAG: Martin Walser feierte seinen 75.

Als »großen Dichter der kleinen Leute«, scharfen Beobachter und Chronisten deutscher Befindlichkeit würdigen Literaten den deutschen Gegenwartsautor Martin Walser.

Er hätte es leichter haben können, als Intendant oder Professor etwa wäre er längst pensioniert. Doch Martin Walser, der am 24. März 75 Jahre alt geworden ist, denkt nicht an den Ruhestand. Schreiben, das ist für den ebenso geschätzten wie unbequemen Autor Passion - spannend und irgendwie riskant. Und so arbeitet der vielfach mit Preisen gedachte Schriftsteller auch derzeit wieder an einem neuen Roman. Ende des Jahres soll der Krimi über einen Autor im feinen Bogenhausener Milieu von München herauskommen. Und weitere Projekte stehen bereits in Walsers Notizbüchern.

Als »großer Dichter der kleinen Leute«, scharfer Beobachter und als Chronist deutscher Befindlichkeit wird Walser gewürdigt. Doch einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsautoren belässt es nicht beim Zuschauen. Sprachgewaltig mischt er sich immer wieder in aktuelle Diskussionen ein. Und wundert sich, wenn er dafür - wie nach seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels - heftige Hiebe bekommt.

In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat Walser ein ebenso umfangreiches wie vielseitiges Werk geschaffen. Die Gesamtausgabe seiner Werke im Suhrkamp Verlag zählt zwölf Bände, Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele Essays, Aufsätze und Übersetzungen. In seinen Büchern beschreibt der Autor mit Vorliebe den Alltag angepasster Normalbürger und Versager. Die Walserschen Antihelden kämpfen mit Minderwertigkeitsgefühlen und Identitätsproblemen.

Fabulierlust und feine Ironie kennzeichnen seinen Stil, der Intimitäten, aber auch Grausamkeiten gleichermaßen diskret und gnadenlos darstellen kann. So etwa in dem 1993 herausgekommenen Roman »Ohne einander«, in dem die Heldin nach einer Vergewaltigung und dem Tod des Geliebten findet: »Das Gute an den gewöhnlichen Entsetzlichkeiten dieser Welt ist, dass sie gegeneinander konkurrieren.« Dafür, dass der »Epiker der Alltagswelt« wie kein anderer die Befindlichkeiten der deutschen »Volksseele« einfängt, hat Walser fast alle großen Literaturpreise bekommen, seien sie nun nach Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Friedrich Schiller oder Georg Büchner benannt.

Der Autor wurde als Sohn eines Gastwirts in Wasserburg am Bodensee geboren und studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Regensburg und Tübingen. Seine Dissertation, die auch als Buch veröffentlicht wurde, schrieb er über Franz Kafka. Von 1949 bis 1957 arbeitete Walser beim damaligen Süddeutschen Rundfunk als Reporter, Regisseur und Hörspielautor. Sein Aufstieg zum weithin bekannten Schriftsteller begann 1955 mit dem Preis der legendären »Gruppe 47« für die Geschichte »Templones Ende«. Für den Roman »Ehen in Philippsburg« erhielt er 1957 den Hesse-Preis.

Als Glanzstück deutscher Prosa wird von Kritikern die Novelle »Ein fliehendes Pferd« (1978) gelobt. Zu Walsers bekanntesten Werken zählen außerdem die Romane »Seelenarbeit« (1979), »Das Schwanenhaus« (1980), die »Brandung« (1985) und die auf einer wahren Affäre der hessischen Staatskanzlei basierende Geschichte »Finks Krieg« (1996). Als einer der ersten Autoren legte Walser mit dem Band »Die Verteidigung der Kindheit« (1991) einen Roman zur Wiedervereinigung vor. Als Meisterwerk wurde auch der autobiografische Roman »Ein springender Brunnen« bezeichnet, in dem der Autor seiner »jugendlichen Gewesenheit« in Wasserburg während der Nazi-Zeit nachspürt.

Eine heftige Kontroverse löste Walser 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels aus. In seiner Rede wandte er sich gegen die »Instrumentalisierung« von Auschwitz und die ständige Thematisierung des Holocaust als »Moralkeule«. Bei Lesereisen kommt es deshalb noch heute manchmal zu Tumulten. Der Autor, plötzlich als »Scharfmacher« in eine bestimmte Ecke gestellt, fühlt sich missverstanden. Überhaupt wehrt er sich dagegen, immer wieder von »Platzanweisern« eingeordnet zu werden. Mal galt er als Linker - Walser unterstützte in den 60er Jahren die SPD im Wahlkampf und galt sogar einige Zeit als DKP-Sympathisant -, dann nach seinem frühen Eintreten für die deutsche Einheit als Rechtskonservativer.

Der Autor selbst fühlt sich als Zeitgenosse, der alles zur Sprache bringt. Als Provokateur und als einer, der den Glücksanspruch nicht aufgibt, zeigt sich Walser in der im vergangenen Jahr erschienenen Gesellschaftssatire »Der Lebenslauf der Liebe«. Die Ehe wird darin als Bedingung formuliert, die andauernd bestanden oder verfehlt wird. Walsers selbst ist seit über 50 Jahren verheiratet. Mit seiner Frau Käthe, mit der er vier Töchter hat, lebt er in Überlingen am Bodensee.