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Grass' "Beim Häuten der Zwiebel": Ein literarisches Meisterwerk

Der Nobelpreisträger Günter Grass ist durch die Enthüllung seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS in die Diskussion geraten. Seit Mittwoch ist seine Kindheits- und Jugend-Autobiografie im Handel erhältlich - früher als erwartet.

Der Pulverdampf der politisch-moralisierenden Medienschlacht um Günter Grass ist noch nicht verzogen, doch jetzt kann gelesen werden. Der Göttinger Steidl Verlag zog den ursprünglich für den 1. September geplanten Verkaufsbeginn der Kindheits- und Jugend-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" vor. Die Startauflage beträgt 150.000 Exemplare, die Weichen zum Bestseller sind gestellt - und das längst nicht nur, weil der Nobelpreisträger nach 61 Jahren seine Einberufung zur Waffen-SS kurz vor Kriegsende in dem Buch erstmals öffentlich macht. Um es vorwegzunehmen: Grass ist ein literarisches Meisterwerk gelungen - thematisch packend, stilistisch kunstvoll, schonungslos offen.

In seinem Erinnerungsbuch, wie Grass es selbst nennt, schält der bald 79-jährige Autor wie bei einer Zwiebel Schicht um Schicht, um seine Jugendjahre zu erzählen: vom Kriegsbeginn 1939 bis zum Erscheinen des Weltbestsellers "Die Blechtrommel", der Grass den internationalen Durchbruch als Schriftsteller brachte. Nachgezeichnet wird die Entwicklung eines knapp Zwölfjährigen in Danzig, der in der NS-Zeit sozialisiert wurde und sich verführen ließ, bis zur erwachsenen, gereiften Künstler-Persönlichkeit.

Grass' Jugend als Hitlerjunge

"Ich war als Hitlerjunge ein Jungnazi. Gläubig bis zum Schluss (...) Kein Zweifel kränkte den Glauben, nichts Subversives", schreibt Grass. Und über seine damals naive Sicht der Waffen-SS als Elite-Einheit europäischen Zuschnitts mit Freiwilligen aus vielen Ländern heißt es: "Und doch habe ich mich über Jahrzehnte hinweg geweigert, mir das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen. Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern (...) Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu häufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiss."

Grass Jugend ist exemplarisch für eine ganze Generation, die nach dem Krieg Mühe hat, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Zugleich werden zwei wichtige Dekaden deutscher Geschichte, des Umbruchs von der Nazi-Diktatur zur demokratischen Bundesrepublik, wieder lebendig: Hunger, Währungsreform, die "miefig-katholische" Adenauer-Ära, erste Auslandsreisen per Autostopp nach Italien und Frankreich.

Der alte Grass betrachtet den jungen Grass

Stilistische Vielfalt zeichnet das Buch aus. Mal schaut der alte Grass irritiert auf den Jungen "meines Namens". Dann beschreibt er fast im Reportagestil, wie er mehrfach nur knapp dem Tod entronnen ist während der letzten Kriegswochen, und zitiert Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues". Sein rund 60 Seiten umfassendes Kapitel über seine eigenen Kriegserlebnisse ist für sich allein schon ein mindestens ebenbürtiges Anti-Kriegsbuch. Die Geschossflut einer Stalin-Orgel überlebt Grass, unter einem Jagdpanzer Deckung suchend: "Drei Minuten, eine Ewigkeit lang mag die Orgel spielen. Von Angst besetzt, pisse ich mir in die Hose. Dann Stille. Zähneklappern, vielstrophig."

Auch Grimmelshausen zitiert Grass, und manche humorvollen Passagen lassen an den "Simplicissimus" im 17. Jahrhundert denken. In Kriegsgefangenschaft knobelt Grass mit seinem gleichaltrigen "Kumpel Joseph", in einem Erdloch bei Regen unter einer Zeltplane sitzend, um die Zukunft und spricht mit ihm über Gott und die Welt: Grass, katholisch erzogen, aber im Krieg völlig vom Glauben abgefallen, und der erzkatholische Joseph, von dem er annimmt, dass es der heutige Papst Joseph Ratzinger gewesen sein müsse. Ein anderes Beispiel für köstlichen Humor ist die unglaubliche Geschichte über einen skurrilen Kochkurs ohne Zutaten im Kriegsgefangenlager - alle litten Hunger. Ein Chefkoch leitete den Kurs. "Seine Augenbrauen waren so lang, dass man sie hätte kämmen mögen."

Ein pralles Buch, das Vieles ist

Von den sexuellen und pubertären Nöten des Jünglings erzählt Grass ohne Tabus, vom Onanieren bis zur ersten Frauenerfahrung. Polemisch kann der Autor werden, nicht nur wenn es um die restaurative Adenauer-Zeit geht. Er spießt die gegenstandslose Kunst auf, die philosophische Moderichtung des Existenzialismus mit all ihren Attitüden - damals wurde Grass Raucher - und kritisiert Auswüchse des Wirtschaftswunders. Über einen Besuch in Bayreuth heißt es: "Sonst ist mir von Bayreuth und dem widerlichen Getue des neureichen Pöbels im Umfeld der monströsen Kultscheune nur den Lachnerv reizender Ekel geblieben."

Grass hat ein pralles Buch geschrieben, das vieles ist: Kriegs- und Antikriegsbuch, Entwicklungs- und Heimatroman, Autobiografie und literarische Annalen einer Zeit des historischen Umbruchs. Dabei benutzt Grass seine schon im "Treffen in Telgte" und im "Butt" entwickelte Technik der "Vergegenkunft", also der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese Verknüpfungen laufen denn auch bis in die Zeit nach der deutschen Einheit. "Eine Fortsetzung des Buches wird es definitiv nicht geben", sagt Grass im Gespräch, so sehr sie sich mancher Leser wünschen dürfte. An eine Verfilmung möchte er noch nicht denken, schließt sie aber nicht aus.

Matthias Hoenig/DPA / DPA