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Gregory David Roberts: Der Räuberhauptmann

Drogensüchtiger, Gangster, Ausbrecher, Robin-Hood-Verschnitt, falscher Doktor in Indien und jetzt Bestsellerautor. Der Australier Gregory David Roberts hat seine schillernde Lebensgeschichte zu dem autobiografischen Roman Shantaram verarbeitet. Der stern traf den 56-Jährigen in dessen Wahlheimat Mumbai.

Von Teja Fiedler

Hinten drauf sitzt die Prinzessin. Vorn auf dem Fahrersattel der Knacki. Der Bestsellerautor. Ihr offenes Goldhaar flattert im Wind, und auch sein sauber geflochtener Zopf mit den blondierten Strähnen steht fast waagrecht ab in Mumbais steifer, schwüler Meeresbrise. Shantaram ist zurück. Auf seiner chromglänzenden Oltimer- Enfield, Indiens kultigstem Motorrad, kurvt Gregory David Roberts mit seiner jetzigen Lebensgefährtin Françoise von Sturdza, blaublütig per Einheirat in ein rumänisches Fürstenhaus, durch den tobenden Verkehr der Stadt, der er sein Glück verdankt.

Denn mit dem rund 1000 Seiten dicken Roman "Shantaram" über sein bewegtes Leben in Indiens schillernder Metropole während der 80er Jahre ist der ehemalige Heroin-Junkie und langjährige Knastinsasse zum erfolgreichen Schriftsteller mutiert. Heute kennt der 56-Jährige Leute wie den abenteuernden Milliardär Richard Branson ("wir waren gerade bei ihm auf Necker Island"). Oder Johnny Depp, der die Filmrechte an Shantaram erwarb, aber vor Herbst 2009 nicht die Zeit zum Drehen findet, ("der ist für die nächsten zwölf Monate total ausgebucht"). Oder die stark spirituell angehauchte Madonna, die er in diesem Frühjahr durch den Bauch von Mumbai führte ("sie hat alles gegessen, was ihr vorgesetzt wurde").

Der "Gentleman Bandit"

So was nennt man Aufstieg. Der Aufstieg eines Mannes, der als Student nach einer gescheiterten Ehe und der gerichtlich verordneten Trennung von der dreijährigen Tochter dem Heroin verfällt. Der in seiner Heimatstadt Melbourne mit vorgehaltener Spielzeugpistole 24 Raubüberfälle verübt, mit seinen Opfern jedoch so schonend umgeht, dass die Medien ihn "Gentleman Bandit" nennen. Der 1978 zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Nach zwei Jahren Haft und Prügel bricht er aus und schlägt sich mit gefälschten Papieren über Neuseeland nach Mumbai durch. Dort legt er eine fiebrig zwischen Gut und Böse oszillierende Karriere hin: als selbst ernannter Doktor ("ich fuhr in meiner Studentenzeit Krankenwagen") in einem Slum ohne jede medizinische Betreuung - aber auch als Passfälscher. Als edler Ritter mit gezücktem Dolch zur Verteidigung hilfloser Touristinnen - und als Kurier für einen afghanischen Drogenbaron.

Dazu kommen Abstecher hinaus ins indische Landleben sowie ein bisschen weiter weg nach Afghanistan, wohin er Waffen liefert und wobei er fast erschossen wird. Noch immer von Interpol gesucht, nimmt ihn die Polizei bei einem Deutschlandbesuch 1990 fest. Er kommt in Auslieferungshaft nach Frankfurt-Preungesheim und erlebt dort sein Damaskus: Bereit, sich wieder abzuseilen ("ich war ein zweiter Houdini, ein Ausbruchkünstler"), erscheint ihm in meditativer Trance seine Mutter. Und da weiß er plötzlich: Ich muss zurück auf den Pfad der Tugend! Er wird nach Australien überstellt, sitzt seine restlichen Haftjahre ab und schreibt "Shantaram". Seither ist er Vegetarier, Abstinenzler und Autor. Shantaram heißt übrigens auf Marati, der Lokalsprache Mumbais, "Mann des Friedens." So weit das Leben des Shantaram gemäß Gregory David Roberts.

Ganz schön happig, was da zwischen zwei Buchdeckeln Platz finden soll. "'Shantaram' ist ein Roman, keine Autobiografie", sagt der Autor und nimmt damit Kritikern den Wind aus den Segeln, die daran zweifeln könnten, dass all die Messerstechereien, Liebeshändel und schicksalhaften Fügungen tatsächlich passierten, die sein Buch so prall mit orientalischer Exotik und Knastbrutalität füllen.

Er wird in den Slums lächelnd empfangen

Eins steht fest: Shantaram alias Roberts kennt und liebt "Bombay". "Ich weigere mich, die Stadt Mumbai zu nennen. Ich lasse mir das nicht von ein paar übereifrigen Nationalisten vorschreiben." Roberts spricht recht ordentlich Hindi und Marathi. Er kennt die Schattenseiten der wimmelnden Metropole, wo Drogenhandel, Prostitution und Korruption wuchern. In dem Slum an der Südspitze der Stadt, gleich neben dem Businessviertel, empfangen ihn die Menschen noch heute winkend und lächelnd, und er winkt und lächelt zurück. Hier betrieb er seine Einmann-Klinik, bevor er wieder ins Halbweltmilieu abrutschte. In einer der armseligen Hütten vergnügen sich drei junge Männer mit Carrom, einem populären Geschicklichkeitsspiel. Ob er das auch könne? "Nein, nicht so richtig", sagt Roberts. "ja, wenn es um Messerwerfen ginge!"

So hat er es halt gerne, der harte Brocken, den Zeit, Einsicht und Reue zum Gutmenschen wandelten. Und er weiß, dass die Aura von Gewalt und Geheimnis, die ihn noch immer umgibt, ein zusätzlicher Kick für den Leser ist. Da schreibt kein Karl May, der seine Abenteuerwelt sächsischen Gefängnisbibliotheken entnahm. "Wie bei Jean Genet", sagt Roberts.

Im brechend vollen Café Leopold, dem Epizentrum seiner indischen Abenteuer, begrüßt ihn der Geschäftsführer mit Handschlag und räumt einen Tisch frei. Zwei dunkeläugige Mädchen bitten ihn indischschüchtern um ein Foto - "Shantaram" ist auch in Indien ein Bestseller. Das macht Roberts gern, und dann fängt er an, von den alten Zeiten zu erzählen, damals, als die Nigerianer den Drogenhandel in die Hand kriegen wollten, damals, als er hier mit zwei Messern unterm Tisch sich stets strategisch zum Ausgang setzte. Wie Westernhelden es im Kino tun. Er ist ein großartiger Erzähler mit hohem mimischem Talent und würde live im Fernsehen weit präsenter sein als die meisten professionellen Nasen.

Manchmal geht ihm die Fantasie durch

Er ist auch ein starker Erzähler auf dem Papier. Mit Blick fürs Detail und Gefühl für spannende Inszenierung. Am besten schreibt er da, wo er die tausend Facetten und Absurditäten von Mumbai schildert und seine eigenen Irrwege und Begegnungen in diesem lächelnden, gleichzeitig bedrohlichen Chaos. Manchmal geht seiner Fantasie allerdings der Pegasus durch, besonders in der Abteilung Romantik/Psyche: "Ich ließ das Kanu meines Denkens in die unerforschten Gewässer seiner Ideen gleiten." Da wird nicht jeder mitpaddeln wollen.

Was der naive Leser als fesselnden Gaunerroman konsumieren mag, ziele höher, sagt Roberts. Da seien Bibelmotive aufgenommen und variiert, etwa die Kreuzabnahme Christi, da gebe es Parallelen zu Dantes "Göttlicher Komödie" und eine vielschichtige Struktur mit Leitmotiven und Farbsymbolik. Den nächsten schon weit fortgeschrittenen Band über seine Lebensodyssee, diesmal knapp unter 1000 Seiten, werde er am Gilgameschepos und Vergils "Aeneis" ausrichten. Außerdem habe er vor, drei Krimis zu schreiben, die dann nicht für die Ewigkeit. Bollywood wolle drei Filmskripte von ihm, auch mit Hollwood stehe er in Erfolg versprechenden Vertragsverhandlungen. Und hier vor Ort müsse er sich um "Happy Cycles" kümmern, eine Kette von bisher drei Fahrradgeschäften. Er betreibt sie mit einem indischen Partner, sein eigener Profit geht in gute Werke. Und um Argo, ein Medienunternehmen mit dem schönen Namen "Association of Retired Gangsters and Outlaws" (Vereinigung von Gangstern und Gesetzlosen im Ruhestand). Ob er auch mal schlafe bei so viel Kreativität? Vier Stunden, höchstens, sagt Roberts. "Der Politiker, der den 30-Stunden-Tag einführt, wäre mein Mann."

Roberts sitzt in seiner Suite im siebten Stock des Nobelhotels Oberoi mit Panoramablick auf die Bucht von Mumbai. Er gibt die Geschichte vom Hochsicherheitsknast in Australien zum Besten, als er die schweren Jungs in den Nachbarzellen zu Meditationssitzungen überredet und sie so von Selbstmordversuchen und Gewaltausbrüchen abgebracht habe. "Was soll ich machen? Masturbation?", habe einer anfangs gefragt. "Nein, Meditation", habe er zurückgerufen. Er erzählt die Story so gut, dass man gar nicht anders kann, als ihm zu glauben.

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