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Martina Hill aus der "Heute Show" Wohldosierter Wahnsinn


Trotz Flugangst reiste sie nach China, spielte eine Gastrolle und schrieb ein Buch darüber. Im Interview spricht Komikerin Martina Hill über Frauenhumor, gute Vorbereitung und die Magie des Spiels.

Ein plüschiges Hotel in Köln, Martina Hill bittet selbst zum Interview, bestellt den Reportern erst einmal einen frisch gepressten Orangensaft, keine Widerrede. Am 30. Mai ist ihr erstes Buch erschienen, "Was mach ich hier eigentlich?". Darin erzählt sie, wie sie sich die Gastrolle in einer chinesischen Comedyserie erspielte, warum ihre Sketche dort millionenfach geklickt werden - und Studenten ihre Sketche rezitieren können.

Frau Hill, in Ihrem Buch bringen Sie uns Eigenheiten des chinesischen Alltags nah. Wenn Sie mit Ihren dortigen Kollegen abends zusammensaßen, was wollten die denn von Ihnen wissen?


Ob in Deutschland wirklich alle Haushalte eine Bierstandleitung in der Küche haben, die direkt mit einer Brauerei verbunden ist. Kein Witz. Und tatsächlich haben mir einige der chinesischen Kollegen gestanden, dass sie bis zu den „Knallerfrauen“ dachten, ‚deutsch‘ sei ein Synonym für 'ernst'.

Und jetzt glauben die chinesischen Zuschauer, dass alle Frauen in Deutschland so sind wie Sie?

Dann müssten sie ja jetzt denken, dass wir alle einen an der Klatsche haben, viel Bier trinken und unsere Kinder vom Fahrradsitz kicken. Nein, natürlich ist denen schon klar, dass die Sketche abstrakt gemeint sind.

Abstrakt, und manchmal auch ein bisschen hämisch Frauen gegenüber, oder?

Hämisch würde ich das jetzt nicht nennen, eher selbstironisch. Ich schreib die Sketche ja auch nicht alleine, wir sind ein ganzes Autorenteam. Und da fließen viele verschiedene Ideen, Ansätze und Erfahrungswerte zusammen, die ich dann sammle und für die Sketche in unterschiedliche Figuren ausarbeite.

Trotzdem: Sie spielen Frauen, die zwar keine Klischees bedienen, aber schon bestimmte Frauentyp erkennen lassen.

Ist das so? Ich hab da kein Repertoire, keine Kategorien. Die Situationen sollen immer möglichst alltäglich daherkommen, die Charaktere darin auch. Wir machen die Sketche ja extra nicht an Berufsfeldern fest, damit es nicht in Richtung Politessensketch geht.

Stattdessen das Thema: Frauen. Warum eigentlich?

Ich bin ja nunmal eine, was soll ich machen? Auch wenn ich mich in den Sketchen nicht immer unbedingt ‚ladylike‘ verhalte. Ich kann ja nur aus mir schöpfen. Da liegt es nahe, dass die Sketche frauenaffiner sind, auch wenn der „Knallerfrauen“-Humor ja recht geschlechtsunabhängig ist.

Frauenaffin heißt: Können Frauen eher verstehen?

Ja, ich dachte immer, das sei so. Aber es geht ja nicht ausschließlich um Schminken, Stillen und Kinder kriegen. Sondern Alltagsproblemchen - und da finden sich dann alle wieder, Frauen, Familien, Männer und witzigerweise auch Kinder, die meine Sketche nachspielen und mir Videos davon schicken. Selbst in der verbotenen Stadt in Peking wollten chinesische Kids Selfies mit mir machen.

Aber es gibt auch wenig kindgerechte Charaktere wie die Biermama. Die spielen Sie schon gern.

Ja, ich mag die Figur weil sie für mich schauspielerisch reizvoll ist. Sie hat ja auch durchaus eine tragische Seite, weil auch sie echt ist.

Denken Sie solch eine Botschaft denn mit?

Nicht direkt. Ich will nicht vordergründig mit einer Botschaft um die Ecke kommen. Es ist und bleibt eine Unterhaltungssendung. Aber wenn nur einer aus dem Team sagt, er findet den Sketch zu derb, dann kommt er nicht mit.

Ihre Sketche funktionieren, weil man binnen weniger Sekunden einen Charakter erkennt. Wie genau bereiten Sie sich vor?

Ich lese den Sketch und im Idealfall sehe ich direkt die Figur oder habe zumindest schon eine Idee, welche Haltung die Figur haben könnte. Ich sehe aber nie Tante Erika oder meine Nachbarin in den Figuren, ich mach auch niemanden Spezielles nach.

Auch nicht Dinge, die Sie beobachtet haben?

Naja, mir sind die Figuren bestimmt schon mal im Alltag begegnet, die hab ich dann wohl abgespeichert und teilweise überspitzt. Tatsächlich passiert das aber meistens auf der unterbewussten Ebene. Auch bei einer Parodie kann ich nur bis zu einem bestimmten Punkt sagen, wie man sich vorbereitet. Der magische Moment, wenn ich zur Figur werde, das ist eine energetische Geschichte.

Ihre Figuren heißen ja auch oft Martina.

Kommt immer darauf an. Die Martinas in den Sketchen sind ja dann auch Figuren, die mal mehr, mal weniger was mit mir zu tun haben. Eine Mutter, die mit ihrem Neugeborenen chinesisch spricht, würde nie Martina heißen. Sobald es um Unsinn oder normale Beziehungssketche geht, darf durchaus mein Name fallen. Das entscheide ich dann vorher.

Ist das jetzt ein Eingeständnis: So bin ich auch ein bisschen?

Ich glaube ja, dass alles in einem steckt - in jedem von uns. Auch ein bisschen Wahnsinn. Ist halt die Frage, inwieweit du ihn rauslässt. Bestimmte Facetten kann man im Alltag einfach nicht ausleben, und dann ist es natürlich ein Geschenk, wenn du dich als Schauspieler auf solch einer Spielwiese wie „Knallerfrauen“ austoben darfst. Manchmal denk ich mir auch einfach gar nichts dabei.

Ein Porträt von Martina Hill...

… lesen Sie im aktuellen stern, der als E-mag und am Kiosk erhältlich ist.

Stephan Draf/ Vivian Alterauge

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