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Comic-Biografie "Sisi": Hören wir "Sisi", denken wir an Romy Schneider – doch die echte Kaiserin war deutlich cooler

Dass das Leben bei Hofe nicht einfach ist, sehen wir jedes Jahr zu Weihnachten wieder im Fernsehen – wenn wir wollen. Doch wer die echte Sisi einmal kennenlernen möchte, der sollte diese wunderschöne Comic-Biografie lesen.

Sisi und Graf Andrassy küssen sich

Sisis Liebe zu Ungarn gab auch dem Gerücht Aufwind, sie unterhalte eine Affäre mit Graf Andrássy, die beiden hatten sich 1866 bei einer Audienz kennengelernt. Die Leidenschaft fürs Reiten und für Pferde verband sie, er wurde ihr engster Freund.

Die Kaiserin von Österreich-Ungarn begegnet uns alljährlich zu Weihnachten im Fernsehprogramm. Vermutlich aus zwei Gründen: Der 24.12.1837 war ihr Geburtstag und die "Sissi"-Trilogie aus dem 1950er Jahren mit Romy Schneider in der Hauptrolle enthält genug Schmalz und Würze, um es mit dem Gänsebraten aufzunehmen. Liebe und Leidenschaft, Glück und Familiensinn – und dann dieses furchtbare Asthma – dürften die Pfeiler sein, die unsere Erinnerungen an den sentimentalen Kostümfilm stützen. Und natürlich Josef Meinrad als Gendarmerie-Major Böckl, das komische Element.

Dass die romantische Herz-Schmerz-Geschichte, die Ernst Marischka uns in "Sissi" erzählt, wenig mit der Realität zu tun hat, haben wir natürlich immer befürchtet. So eindimensional ist das Leben eben nicht. Doch dass unser endgültiges Aufklärungsbuch in Form einer Graphic Novel daherkommt und "das wahre Leben" der Kaiserin so viel aufregender, moderner und interessanter ist als die Schmonzette, das ist nun wahrlich eine Überraschung. Giorgia Marras, gebürtige Italienerin mit französischer Wahlheimat, stellt uns in "Sisi" eine Frau vor, die selbstbewusst, politisch begabt und mutig war, sich jedoch bei Hofe nicht durchsetzen konnte. Die verzweifelt versuchte, ihre persönlichen Interessen sowie ihre Freiheit durchzusetzen – was ihr Mitte der 1860er Jahre schließlich allmählich gelang – indem sie möglichst selten in Wien präsent war.

Kaiserin Sisi sitzt im Stuhl, ihre Haare sind zur Entlastung in Strähnen aufgehängt

Zur Entlastung ihres Kopfes lässt Sisi ihr Haar in Strähnen aufhängen. So stolz sie auf ihr dichtes, langes Haar ist, so anstrengend ist es auch zu tragen.

Haar und Diäten, Reiten und Reisen, die Leidenschaften der Kaiserin

Der Kult, den Sisi um ihr sehr langes und sehr dichtes Haar betrieb, nahm viel Zeit in Anspruch. Die Pflege und das Frisieren dauerte Stunden. Doch sein Gewicht führte auch dazu, dass die Kaiserin unter Migräne litt – und manchmal eine Pause von der Last brauchte. Ebenso nahm sich Sisi Zeit für Sport. Sie war besessen von ihrer Figur, hielt ihr Leben lang eine strenge Diät und unterstrich ihre schmale Taille noch mit einem eng geschnürten Korsett. Sie machte endlose Spaziergänge, die ihre Hofdamen ermüdeten und besaß Turngeräte wie Ringe, an denen sie sich in Form brachte.

Die Kaiserin turnt an Ringen

Mitte des 19. Jahrhunderts war es noch extrem selten, dass Menschen Sport treiben – vor allem an so coolen Turngeräten wie Ringen

Vom kaiserlichen Hof floh sie so oft wie möglich und ging auf Reisen. Wegen ihrer diversen Krankheiten waren es oft Kuren, aber sie liebte es offenbar auch, die Welt zu entdecken. Sisi mochte die strengen Regeln und Zwänge ebensowenig wie sie die Ansichten ihrer Schwiegermutter teilte. Sisi bekam insgesamt vier Kinder, von denen sie jedoch zwei verlor. Ihre Erstgeborene, Sophie Friederike, die Sisi mit 17, ein knappes Jahr nach der Hochzeit, zur Welt gebracht hatte, starb mit zwei Jahren nach einer Reise, auf der sie krank geworden war. Und ihr Sohn Rudolph, ein sensibler Junge, der schon von klein auf als Kronprinz erzogen wurde, nahm sich mit 30 das Leben, weil er nicht mit der Frau zusammen sein konnte, die er liebte. Ihr viertes Kind, Marie Valerie, hatte einen besonderen Status in Sisis Leben, sie wurde 1868 in Ungarn geboren. Für sie nahm Sisi sich mehr Zeit als für Gisela und Rudolf, was zu Eifersucht führte. Die Gerüchte, dass Marie eine Tochter von Graf Andrássy sei, hielten sich lange.

Ihre letzte Reise unternahm Sisi 1898 inkognito an den Genfersee. Als sie mit dem Schiff weiterreisen wollte, fiel sie einem Attentäter zum Opfer, der ihr eine spitze Feile ins Herz rammte. Sisi nahm die Verletzung zunächst nicht wahr, brach jedoch kurz darauf zusammen. Sie wurde zurück in ihr Hotel gebracht, konnte jedoch nicht mehr gerettet werden.

Eine Illustration vin Sisi im Garten mit Sonnenschirm

"Sisi – Frau, Rebellin, Kaiserin", Comic-Biografie von Giorgia Marras, Knesebeck, 222 Seiten, 28 Euro, hier bestellbar

Ein Buch, dass so spannend ist, dass man sich schwer davon trennt

Für Giorgia Marras, 1988 geboren, ist "Sisi" die vierte Graphic Novel, die sie gestaltete. Auf 222 Seiten stellt sie uns eine Kaiserin vor, die wir so noch nicht kannten. Sportlich und wild, leidenschaftlich und leidend. Elisabeth von Österreich-Ungarn hätte sich in den Zeichnungen von Marras wohl durchaus wiedererkannt. Ihre "rebellischen" Ansichten, die sie etwa für die Erziehung von Kronprinz Rudolf durchsetzen wollte, ihre Sehnsucht nach Freiheit. Die liebevollen, wunderschönen sowie zum Teil lustigen Zeichnungen bringen dem Leser eine Sisi nahe, von der er sich am Ende des Buches nur schwer trennen kann. Als Schmankerl hat Marras noch eine Biografien-Sammlung angehängt, in der sie die Bedeutung und Beziehungsgeflechte der wichtigsten Personen noch einmal zusammenfasst. Sie laden dazu ein, den Inhalt noch einmal Revue passieren zu lassen und sich in Ruhe von dem fesselnden Buch zu verabschieden. Man muss kein Fan von Königshäusern sein, um sich für diese Sisi zu begeistern.