Horst Dieter Schlosser Professor Unwort und sein Wächterrat


Seit 1992 geißelt der Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser jährlich "sprachliche Missgriffe" und dekoriert sie mit dem Titel "Unwort des Jahres". Von Helmut Kohl bis Martin Walser - sie alle hat der Bannstrahl von Schlosser und seinem Wächterrat schon mal getroffen. Die Suche für 2009 ist bereits im Gange.
Von Wolfgang Röhl

Über Leben, Werk und Wirkung von Horst Dieter Schlosser ist nicht allzu viel bekannt. Der Sprachwissenschaftler war lange (1972-2002) Professor für Deutsche Philosophie in Frankfurt am Main, kürzer auch mal Vizepräsident der dortigen Goethe-Universität. Sicher hat ihm sein Titel bei Tischreservierungen in gediegeneren Restaurants gelegentlich geholfen. Einer breiteren Öffentlichkeit fiel Schlosser erst auf, als er ab 1991 regelmäßig das "Unwort des Jahres" kürte. Eine von ihm zusammengetrommelte Jury filtert seither ein verdammenswürdiges Wort aus hunderten von Vorschlägen heraus, welche von allzumal gut gesinnten, um die politisch-korrekte Sprachkultur besorgten Menschen eingeschickt werden. Als idealtypischen Schlosser-Zuträger darf man sich einen Leserbriefeverfasser aus dem Lehrermilieu von Freiburg im Breisgau vorstellen.

Gesucht, gefunden und gegeißelt werden „sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“. Die Menschenwürde! Urheber fieser Wörter oder Formulierungen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien müssen sich warm anziehen. Unwortes Leben wird entschieden bekämpft. Schlosser wacht! Wer den sprachlichen Missgriffel schwingt (wie "Peanuts"-Kopper, Unwortgeber von 1994), wird an den Pranger von Presse, Funk und Fernsehen gestellt. Vielen Medien - allen voran die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten - sind Schlossers Verdikte eine Meldung wert.

Vorschläge, was auf den Unwörter-Index muss, kommen auch von Schlossers akademischen Kollegen aus diversen Elfenbeintürmen der Republik. Oder auch nur von der Gender-Mainstreaming-Beauftragten von Oberholzklau - mitmachen darf jeder. Welcher Bös-Sprech schließlich das Rennen macht, entscheiden dann Schlosser und sein Wächterrat nach Gusto.

Querdenker Schlosser hält tapfer dagegen

Manche Schlimmwörter wurden keinen speziellen Autoren zugeschrieben. Doch ahnt man gleich, welche Täter in Frage kommen, wenn die von uns allen ja permanent benutzten Begriffe "Ausländerfrei" (1991), "Überfremdung" (1992), "Rentnerschwemme" (1996), "Humankapital" (2004) oder "Freiwillige Ausreise" (2006) aufs Siegertreppchen steigen. "Notleidende Banken" schaffte es im Vorjahr, Begründung: "Das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise wird rundweg auf den Kopf gestellt".

Wer hätte das gedacht? Die Deutschen zerfließen ja seit Herbst 2008 schier vor Mitleid ob der Not, welche die Banken erleiden müssen. Haben es Banken und Banker nicht letzthin zu den Sympathiebolzen der Nation gebracht? Gut, dass ein Querdenker wie Schlosser mal dagegen hält. Dass aber das "Sozialverträgliche Frühableben" (Unwort-Sieger von 1998) nichts anderes war als eine ironische Volte aus einem Radiointerview des damaligen Ärztekammernpräsidenten Karsten Vilmar, dürfte sogar dem gänzlich spaßresistenten Sprachpfarrer Schlosser gedämmert sein. In seiner Begründung schob er nach, Vilmars Formulierung wirke irgendwie "zynisch".

Neben dem Hit des Jahres wählen Schlösser und sein Sprach-CIS zusätzlich auch noch ein paar Unter-Unwörter aus. Etwa "Kollektiver Freizeitpark" (Sie wissen schon, wer das gesagt hat!), "Gesundheitsreform" (in Wahrheit doch immer Sozialabbau!) oder "Entartet" (ein Wort, das in den Feuilletons bekanntlich inflationär gebraucht wird, wann immer es um moderne Kunst geht). Die "Moralkeule" des Martin Walser traf Schlossers Bannstrahl ebenfalls hart. Moralisch keulen, und zwar Wörter, darf allein der Herr Professor.

Unwörterbuch des Gutmenschentums

Schlossers liebste Unwörter haben etwas gemeinsam: Sie befinden sich gar nicht im öffentlichen Umlauf. So gut wie keiner kennt sie, niemand benutzt sie, kein Schwein zitiert sie, außer Schlosser selber. "Altenplage" (Unwort-Vize des Jahres 1995) - schon mal irgendwo gehört? Klar, wenn ein einzelner, dem "biologischen Abbau" ("Zynismus für Ausscheiden aus dem Arbeitsleben", Unwortnummer drei von 1995) zum Opfer gefallener Akademiker wie Schlosser hartnäckig mit seinem Unwörterbuch des Gutmenschentums wedelt, dann mag das schon eine gewisse Plage darstellen. Geht aber auch vorbei.

Was bestimmte Medien dazu treibt, die Erbsenzählerei eines semantischen Kleingartenvereinsvorsitzenden länglich zu kommunizieren, ist nicht wirklich ersichtlich. Andererseits - ist der Umstand nicht auch irgendwie beruhigend? Es kann nicht gar so schlecht stehen um unser Land, wenn die Nachrichtenlage noch Raum für nichtige Unwortklaubereien lässt.

Jetzt steht wieder einmal die Wahl des aktuellen Unworts an. Eingegangen sind bereits mehr als 500 tolle Vorschläge. Zum Beispiel "Beiboot-Lösung" (der doch überall verwendete, schönfärberische Begriff für das hierzulande total unbekannte Wort "Bad Bank") oder "Halteprämie" (für Zahlungen an Manager kurz vor dem Ruhestand). Vorschläge dürfen noch bis zum 11. Januar eingereicht werden.

Hier mein Favorit: Top-Unwort dieses Jahres soll Sarrazins "Kopftuchmädchen" werden! Gefolgt von "Westberliner Schlampfaktor" und "Klasse statt Masse". Wie? Alle drei sind längst in der Ziehung? Hätte ich mir auch denken können.


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