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Verbal-Protest: Wie Hartz IV Wortakrobaten beflügelt

Das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" sagt kaum jemandem etwas, unter Hartz IV erregt das Gesetz dagegen die Gemüter. Der Ärger bricht sich in Dutzenden Wortspielen und Verballhornungen Bahn.

Zeitungen schreiben von "hartzlosen Bürokraten", Billig-Brötchen werden in Berlin schon mal "Hartz IV-Schrippen" genannt, und Demonstranten bekunden trotzig: "Ich lass mich nicht verhartzen". Während ihre Auswirkung auf den Jobmarkt noch umstritten ist, beweist die Reform auf einem anderen Feld längst durchschlagende Kraft: Sie belebt die politische Wortproduktion wie kaum ein anderes rot-grünes Projekt zuvor.

"Marx statt Hartz"

In Berlin verlangte eine linke Gruppe "Marx statt Hartz", in Leipzig spielte ein Spruchband mit der Angst vor dem Kollaps: "Hartz-Infarkt ist tödlich". Der Slogan "Nieder mit Hartz IV - das Volk sind wir" erinnert an die Montagsdemonstrationen in Leipzig von 1989. Zu Wortspielen waren auch die Demonstranten aufgelegt, die dichteten: "Wir wollen kein Hartz IV - Arbeitsplätze wollen wir", "Har(t)z - das war einmal ein Ferienziel" oder "Hartz ist nur Käse".

Die "Süddeutsche Zeitung" bietet auf ihren Wirtschaftsseiten die Rubrik "Hartz-Lexikon" an und schreibt über den "Homo Hartziensis". Vier Wochen auf "Hartz-Diät" schickt das Wirtschaftsmagazin "markt" im NDR Fernsehen eine Lübeckerin. Und die Berliner "tageszeitung" bereicherte die deutsche Sprache in einer Überschrift um die neue Steigerungsform "Hart, Härter, Hartz".

Eine Reform macht Sprachkarriere

Wie ist sie zu erklären, die ungeahnte Sprachkarriere der Reform, die eigentlich sehr nüchtern nach dem VW-Personalvorstand Peter Hartz benannt ist? "Das hängt natürlich damit zusammen, dass der Name Hartz sehr kurz ist. Das kommt dem generellen Prinzip der Sprachökonomie entgegen. Außerdem ist eine große Zahl von Menschen betroffen", sagt Horst Dieter Schlosser, Sprachwissenschaftler an der Universität Frankfurt und Mitglied der "Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres".

"Eine Rolle spielen auch die Personalisierung in der Politik und das Bestreben, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen", sagt Schlosser, "die SPD hatte sich Hartz ja ursprünglich als Hoffnungsträger und als Werbung gedacht." Mittlerweile scheint "Hartz" dagegen zur Chiffre für die sozialen Ängste geworden zu sein.

Sauer-Land 1 statt Hartz IV

Vor einigen Tagen sagte SPD-Chef Franz Müntefering denn auch der "Bild"-Zeitung, es sei kein Zufall, dass er und Bundeskanzler Schröder das Wort "Hartz" für die Reform nicht mehr verwendeten. Regierungssprecher Béla Anda räumte ein, "Hartz IV" sei zwar ein kalter und technokratischer Begriff. Das Synonym für die Reformen am Arbeitsmarkt sei aber nun einmal eingeführt. "Bild" nahm den Ball trotzdem auf und ließ einige Leser Alternativvorschläge machen wie zum Beispiel "Sauer-Land 1".

Auch wenn der Name der Reform der Regierung jetzt in allen erdenklichen Varianten um die Ohren fliegt, sieht der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem darin nichts Bedenkliches. "Die Verballhornung von Namen ist Teil von politischen Witzen. Das gab es immer schon, zu Zeiten von Helmut Kohl hieß es "Wir lassen uns nicht verkohlen", und gegenwärtig gibt es in den USA das "Bush-Bashing" (Herziehen über Bush)", sagt der Experte von der Universität Wuppertal. "Gerade in schlechten Zeiten ist die Suche nach einem Ventil stärker, und der politische Witz blüht." Eine Gefahr sei jedoch, dass hinter dem Schlagwort die Inhalte verschwinden.

Reelle Chance auf 'Unwort des Jahres'

Angesichts der zahlreichen Negativ-Schlagzeilen, hinter denen die eigentlichen Reforminhalte und -auswirkungen oft bedenklich zurückstehen, räumt der Deutsche Journalisten-Verband "Hartz IV" eine zweifelhafte Zukunft ein: Der Begriff habe eine "sehr reelle Chance", Unwort des Jahres zu werden.

Der Mann freilich, der derzeit keine Zeitung aufschlagen kann, ohne eine Verulkung seines Namens darin vorzufinden, hält sich bedeckt. Im Mai hatte Peter Hartz in einem Interview lediglich auf ein für Philosophen uraltes Ärgernis hingewiesen - die Unterschiede zwischen Sprache und Wirklichkeit: "Nicht überall", sagte er, "wo Hartz draufsteht, ist auch Hartz drin."

Iris Auding, dpa / DPA