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Sprache der Politik (I): Jamie Shea und der Kollateralschaden

Zivile Opfer nennt man im Militärjargon "Kollateralschäden". Jamie Shea, ehemaliger Nato-Sprecher, machte den Begriff während des Kosovokrieges populär - was er heute bereut.

Von Lutz Kinkel

Es ist der 30. Mai 1999, ein warmer Frühlingssonntag. In der serbischen Kleinstadt Varvarin tummeln sich die Menschen auf dem Markt oder feiern das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Der Krieg, den die Nato gegen Jugoslawien führt, ist nur als Hintergrundrauschen wahrnehmbar. Die nächste Kaserne ist 22 Kilometer entfernt, der Kosovo rund 65 Kilometer. Was sollte die Nato in Varvarin bombardieren?

Die Brücke am Ortsrand - auch wenn bis heute niemand genau weiß, warum. In zwei Wellen greifen Kampfbomber zwischen 13 und 14 Uhr an. Sanja Milenkovic, 15, und ihre beiden Freundinnen stehen in der Mitte der Brücke als die Raketen einschlagen. Die Mädchen werden durch die Luft geschleudert und stürzen mit den Trümmern in den Fluss. Sanja stirbt, ebenso wie neun weitere Menschen, die in der Nähe waren, 30 werden schwer verletzt. Die Opfer sind ausnahmslos Zivilisten.

Popstar der Nato

Das Adjektiv "kollateral" leitet sich vom lateinischen "latus" ab, was so viel wie "Seite" oder auch "Flanke" bedeutet. Unter Medizinern und Biologen ist der Begriff gängig, die Querverbindungen zwischen Blutgefäßen etwa heißen "Kollateralgefäße". Es ist nicht klar, wer auf die Idee kam, dieses Wort beim Militär einzuführen. Aber es schmiegte problemlos sich in einen Jargon, der versucht, menschliches Leid mit abstrakten, medizinisch kalten Begriffen zu beschreiben. Wenn Kampfbomber "chirurgische Eingriffe" durchführen können, ist es logisch, von "Kollateralschäden" ("Seitenschäden") zu sprechen, wenn etwas schief geht. Gemeint ist der Tod von Zivilisten, zum Beispiel derer, die an der Brücke von Varvarin starben.

So jedenfalls reportierte es Jamie Shea, promovierter Historiker und so etwas wie der Popstar der Nato während des Jugoslawien-Krieges. Als Sprecher informierte er die Journalisten täglich über die Kampfhandlungen, aber er nutzte die Bühne auch, um sein Publikum mit Eloquenz, Ironie und Scharfsinn zu beeindrucken. Das Resultat war, dass neben den Kriegsberichten zahlreiche Porträts über Shea publiziert wurden, viele von offener Sympathie getragen. Eines jedoch verzieh ihm kaum einer - dass Shea den Begriff "Kollateralschaden", der zuvor nur Militärs bekannt war, öffentlich nutzte.

"Wahnsinnige Distanz"

Die Empörung erreichte über die Presse auch die Bevölkerung. "Das war der einzige Fall, in dem die Zahl der Zusendungen alle anderen Vorschläge bei weitem überwog", erinnert sich der Linguist Horst Dieter Schlosser von der Universität Frankfurt, der die Wahl zum "Unwort des Jahres" betreut. 1999 fiel das Votum folglich auf "Kollateralschaden", die Jury schrieb in ihrer Begründung: "Dieser in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff aus der NATO-offiziellen Berichterstattung über den Kosovo-Krieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch NATO-Angriffe. 'Kollateralschaden' lenkte mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab und verharmloste - auch und gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt - die militärischen Verbrechen in diesem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeit."

Natürlich trifft der Vorwurf der Verharmlosung auch auf andere Begriffe zu. "Gerade in der Kriegsberichterstattung werden negative Dinge immer heruntergespielt", sagt Schlosser im Gespräch mit stern.de. Einige Beispiele dafür hat die Unwort-Jury bennant: "Frontbegradigung" meint Rückzug, "Luftkampagne" ist die zynische Beschreibung eines Bombardements, "Völkerverschiebung" bedeutet Vertreibung. Die erhoffte Wirkung solcher Tarnbegriffe ist Experten zufolge immer eine doppelte. Zum einen soll die Öffentlichkeit an der Heimatfront beruhigt und über die Grausamkeit des Krieges hinweggetäuscht werden. Zum anderen dient diese Sprache der psychischen Stabilisierung der Soldaten. Wer auf dem Videoscreen ein "Ziel" erfolgreich zerstört, mag sich darüber freuen; wer im Bewusstsein lebt, mit der letzten Rakete eine harmlose Brücke gesprengt und Kinder umgebracht zu haben, wird vielleicht unsicher. "Der moderne Krieg hat eine wahnsinnige Distanz zwischen den Soldaten und seinen Opfern hergestellt", resümiert Schlosser.

Unterwegs im Gräueltaten-Bus

Sie lässt sich nur nicht konsequent durchhalten. Denn die sprachliche Verhüllung verrät dem Gegner, was er enthüllen sollte - und so spiegelt sich die Propaganda im Vexierbild der Gegenpropaganda. Während des Jugoslawien-Krieges wurden westliche Journalisten nach Bombardements in einem "Gräueltaten-Bus" (Ex-Nato-Sprecher Walter Jertz) an den Ort des Geschehens gefahren. Dort konnten sie tote und verletzte Zivilisten fotografieren.

Auch wenn bei der Attacke niemand umgekommen war, sorgte die jugoslawische Regierung nach Angaben der Nato für Bildmotive: Angeblich transportierte sie Leichen in Tiefkühlwagen von Ort zu Ort und drappierte sie als Bombenopfer. Die Reporter, kaum in der Lage, eventuelle Inszenierungen zu überprüfen, fütterten die Medien mit ihrem Material - meist schneller, als die Nato reagieren konnte. Ihre Bilder von weinenden Müttern und blutenden Kindern erregten Mitleid und Empörung, die nachgeschobenen Analysen der Nato und ihr Verweis auf "Kollateralschäden" klangen nur noch zynisch. "Überall, wo Menschen die Realität mit dem Begriff vergleichen können, stellt sich der Begriff ein Bein", sagt Schlosser. Der PR-Trick der Nato entwickelte sich noch während des Krieges zum PR-Gau.

Kein Prozess

Das Humanitäre Völkerrecht, das den Umgang Krieg führender Staaten miteinander regelt, kennt das Wort "Kollateralschaden" nicht - den Sachverhalt hingegen schon. Der Tod von Zivilisten ist demnach zu vermeiden, aber unter vier Bedingungen gerechtfertigt: der Angriff muss rechtmäßig sein; die Bedeutung des militärischen Ziels muss im Verhältnis zur Zahl der Opfer stehen; die eingesetzten Waffen müssen steuerbar sein und derjenige, der die Waffe führt, muss damit auch zielen wollen. Diese Definition ist mittlerweile weitgehend anerkannt. "Im Statut des internationalen Strafgerichtshofs ist der unverhältnismäßige Schaden seit dem 17. Juli 1998 als Straftatbestand festgeschrieben", sagt Horst Fischer, Präsident des Europäischen Zentrums für Menschenrechte und Demokratie an der Universität Bochum. "Das Statut ist aber erst am 1.7.2002 in Kraft getreten." Ein Prozess wegen eines "Kollateralschadens" hat bislang noch nicht stattgefunden - und er wäre laut Fischer auch schwer zu führen: Die Abwägung der Verhältnismäßigkeit funktioniere im Extremfall, "und nur dort". Die Nato jedenfalls betrachtet das Bombardement der Brücke von Varvarin nach wie vor als legitim.

Die Serbin Vensna Milenkovic, die ihre Tochter Sanja bei dem Angriff verlor, versuchte im Jahr 2003 dennoch vor Gericht zu ziehen. Sie scheiterte - allein schon deshalb, weil nach dem Humanitären Völkerrecht nur Staaten gegeneinander klagen können. Jamie Shea, der Mann, der den "Kollateralschaden" ins Bewusstsein von Millionen Menschen gehoben hat, bedauert heute, den Begriff jemals angewandt zu haben. "Pressesprecher sollten künftig offen über das Leid sprechen, das der Zivilbevölkerung zufällig und unbeabsichtigt zugefügt wird", sagt er im Gespräch mit stern.de. Horst Dieter Schlosser, der Linguist, ist mit seiner Arbeit zufrieden. Seitdem "Kollateralschaden" zum Unwort gewählt worden sei, würde der Begriff in der Presse nicht mehr im militärischen Sinne verwendet, sondern vorwiegend als ironischer Seitenhieb in anderen Zusammenhängen. Diese "Entmilitarisierung" des Begriffs macht zwar keinen getöteten Zivilisten wieder lebendig, aber er hilft vielleicht, den modernen, vermeintlich "chirurgischen" Krieg wieder klarer als das zu sehen, was er eigentlich ist: das Elend aller Menschen.