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Jamie Shea: "Eine Front war genug"

Während die Bomber der Allianz Jugoslawien angriffen, kämpfte er an der Heimatfront: Nato-Sprecher Jamie Shea. stern.de sprach mit ihm über Kollateralschäden der Kriegs-PR und was er seinen Kindern damals erzählte.

Mr. Shea, derzeit arbeiten Sie im politischen Planungsstab der Nato. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Wir versuchen die wichtigsten Herausforderungen darzustellen, über die eine Organisation nachdenken sollte. Entscheidend ist natürlich, dass wir die Probleme nicht nur benennen, sondern die politischen Entscheider davon überzeugen, sie auf die Tagesordnung zu setzen.

Was war in Ihrer Zeit als Nato-Sprecher schwieriger – den Journalisten den Jugoslawien-Krieg zu erklären oder Ihren Kindern?

Ich habe das Glück gehabt, dass meine Kinder zum Zeitpunkt der Kosovo-Krise noch zu jung waren, um mich intellektuell in Schwierigkeiten zu bringen. Das Problem war eher, dass ich so lange von zu Hause und von der Familie weg war. Aber wenn ich heute an meine 17-jährige Tochter denke, die Politikwissenschaften studiert, und an ihre Fähigkeit, jede politische Nachricht zu hinterfragen, dann sollte ich dankbar sein, dass der Kosovo-Konflikt 1998 und nicht 2006 stattgefunden hat. Ein Konflikt an nur einer Front - mit den Journalisten - war auch wirklich genug.

Vermissen Sie die "Bühne", die sie als Sprecher hatten?

Manchmal schon, ich wäre unehrlich, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Wenn man im Rampenlicht steht, fließt das Adrenalin und man ist auf eine positive Art und Weise gezwungen, auch politisch auf Zack zu sein. Andererseits bezahlt man einen Preis: Man ist nicht immer Herr der Lage, und manchmal ist die Nachricht, die du verkünden musst einfach keine gute, auch wenn die Absichten die besten der Welt sind. Außerdem können die Medien dich in eine Karikatur deiner selbst verwandeln: In Großbritannien zum Beispiel erinnert man sich an mich eher wegen meines Akzentes als wegen der Nachrichten, die ich übermittelt habe. [Bei Shea hört man, vor allem wenn er müde ist, seinen Cockney-Akzent durch, der in upper class Englands als vulgär gilt; d. Red.]

Man assoziiert Sie mit dem Begriff "Kollateralschaden". Wissen Sie, wer ihn erfunden hat?

Ehrlich gesagt nein, ich war es definitiv nicht. Ich war lediglich die Person, die den Begriff einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Aber ich habe auch festgestellt, dass Arnold Schwarzenegger "Kollateralschaden" zum Titel einer seiner Filme gemacht hat. Das hat den Begriff wahrscheinlich noch viel populärer gemacht als meine Pressekonferenzen.

Wie haben die Menschen reagiert als sie zum ersten Mal vom "Kollateralschaden" gesprochen haben?

Zunächst haben wohl nur sehr wenige Menschen den Begriff registriert; das passierte erst, als er mit Fernsehbildern vom Ernstfall verknüpft wurde, also mit Bildern von Opfern, die aufgrund von miliärischen Fehlern unabsichtlich getötet wurden. Erst wenn abstrakte Sprache der körperlichen Realität gegenübergestellt wird, zeigt sich, ob eine Ausdrucksweise passend ist.

In Deutschland wurde "Kollateralschaden" zum Unwort des Jahres 1999 gewählt, da der Begriff den Tod von Zivilisten verschleiert. Würden Sie dieser Bewertung zustimmen?

Ja. Ich denke der Kosovo-Krieg hat uns gelehrt, dass wir keine Fachsprache benutzen sollten. Militärische und diplomatische Insider mögen sie zwar wunderbar verstehen, aber die Öffentlichkeit empfindet sie als taktlos oder gar als Versuch, die grauenvolle Realität zu übertünchen. Ich glaube deshalb, Pressesprecher sollten künftig offen über das Leid sprechen, das der Zivilbevölkerung unabsichtlich zugefügt wird. Ehrlichkeit und Transparenz sind sehr wichtig, um die Glaubwürdigkeit einer jeden Nachricht zu gewährleisten. Dennoch bin ich der Meinung, dass sich die Medien nicht auf die Sprache versteifen sollten, sondern die Verantwortung haben, die volle Wahrheit einer Situation herauszufinden. Während des Luftangriffes im Kosovo haben Milosevic und seine paramilitärischen Truppen gezielt Zivilisten vertrieben und getötet. Taten sprechen immer noch eine deutlichere Sprache als Worte.

Sie sagten bereits kurz nach dem Krieg, sie würden nicht mehr von "Kollateralschäden" sprechen. Ein Grund dafür war sicherlich das PR-Desaster nach der versehentlichen Bombardierung des Flüchtlingskonvois bei Djakovica im Kosovo. Was ist da genau passiert?

Das war natürlich sehr schmerzhaft, und das hatte zwei Gründe: Es hofft doch jeder, der an einem militärischen Konflikt beteiligt ist, dass dieser schnell und ohne unglückliche Zwischenfälle zu Ende geht. Nach der Bombardierung des Konvois war klar, dass diese Hoffnung eine Illusion bleiben würde. Der zweite Grund war, dass wir lange brauchten um diesen Vorfall zu analysieren. Die Medien hatten den Verdacht, dass wir etwas vertuschen wollten, und machten deshalb noch viel schärfer Jagd auf uns. Das waren natürlich sehr unangenehme Tage für uns. Nachfolgende schwierige Vorfälle haben wir professioneller bearbeitet.

"Kollateralschäden" spielen auch im Völkerrecht eine Rolle - zivile Opfer sind gerechtfertigt, wenn sie nicht zu verhindern sind. Haben Sie jemals von einer Armee gehört, die angeklagt wurde, weil sie zu viele "Kollateralschäden" anrichtete?

Bis jetzt nicht. Ich glaube wir haben es da mit zwei Entwicklungen zu tun. Einerseits haben militärische Technologien mittlerweile eine Genauigkeit, von der die Bomber des Zweiten Weltkriegs unendlich weit entfernt waren. Damals bestand kaum Hoffnung das Ziel zu treffen, oder gar massive Schäden an Zivilisten zu vermeiden. Außerdem wurden die internationalen Gerichtshöfe geschaffen. Dieses Zusammenspiel von Technologie und Rechtszwängen hat bewirkt, dass westliche Armeen viel stärker darauf bedacht sind, Verluste auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Während der Luftangriffe im Kosovo wurden über 50 Prozent der Ziele gar nicht angegriffen, weil das Risiko, Zivilisten zu schädigen, einfach für zu hoch befunden wurde.

Zivile Opfer sind ein PR-Trumpf in der Hand des militärischen Gegners. Welche Bedeutung hat es, die Medien des Gegners zu zerstören?

Eine Militäraktion gegen Medieneinrichtungen kann eindeutig nur als letztes Mittel und in Extremsituationen ausgeführt werden. Was zählt ist, dass die eigene Botschaft auch von der Bevölkerung des Gegners gehört wird. Während der Luftangriffe im Kosovo konnte sich Milosevic der Medien der Nato-Länder bedienen, aber die Nato hatte keinen Zugriff auf die Menschen in Belgrad oder sonst wo in Serbien - es war also eine einseitige Geschichte. Ich erinnere mich, dass die Nato mal vier Fernsehsendeanlagen besetzte, während der Fernsehsender "Bosnian Serb TV" , der unverblümt Rassenhass propagierte, von der internationalen Gemeinschaft wiederaufgebaut wurde.

Umso wichtiger ist es vermutlich, zumindest die eigenen Medien zu kontrollieren. Aber unterminiert das nicht die demokratischen Idee der Pressefreiheit?

Ich kann mich an kein Beispiel in den vergangenen Jahren erinnern, wo ein westlicher Staat in einen Krieg gezogen ist und dabei die volle Kontrolle über seine Medien oder die öffentliche Meinung hatte. Man bedenke die lebhaften Debatten, die in den amerikanischen Medien während des Korea- und Vietnamkrieges geführt wurden. Der Plan, in unserer heutigen vernetzten Informationsgesellschaft die guten Nachrichten drinnen und die schlechten Nachrichten draußen zu lassen, ist einfach nicht durchführbar.

Gibt es überhaupt eine angemessene Sprache, Kriege zu beschreiben?

Immer nur von Kriegen zu sprechen ist irreführend. Wenn sie stattfinden, ist das Medieninteresse riesig; aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kriege immer seltener werden. Ich denke, die Politiker stehen vor der Herausforderung, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass die Streitkräfte das tun müssen, was sie heute hauptsächlich leisten: Nämlich friedensstiftende und stabilisierende Maßnahmen an Orten wie Bosnien, dem Kosovo, Afghanistan oder dem Sudan. Die Öffentlichkeit ist oft nicht gewillt, den Preis oder die Risiken zu akzeptieren, die solche Einsätze mit sich bringen. Dennoch ist Stabilität in einem Land wie Afghanistan zweifellos in unserem Interesse, wenn wir verhindern wollen, dass die Trainingscamps für Terroristen, die vor dem 11. September 2001 das Land durchzogen, wieder aufgebaut werden. Manchmal kann es für Politiker schwieriger sein, Argumente für die Friedensmaßnahmen in weit entfernten Ländern zu liefern, als für tatsächliche Kriege, bei denen Emotionen, der Aspekt der Gefahr und die nationalen Interessen sich viel stärker offenbaren.

Mr. Shea, als NATO-Sprecher wurden sie zu einer Art Popstar. In vorangegangenen Interviews haben Sie berichtet, dass sie vor allem von deutschen Frauen viel Fanpost bekamen. Warum haben ausgerechnet deutsche Frauen so positiv auf Sie reagiert - und nicht spanische oder französische Frauen zum Beispiel?

Das wüsste ich auch gerne. Auf jeden Fall war es ein Ansporn, mein völlig unzureichendes Deutsch aufzubessern.

Das Interview führte Lutz Kinkel