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Interview: "Das ist kein Buch für Thomas Brussig"

Der eine: Wessi. Aus Bremen. Der andere: Ossi. Aus Berlin. Beide: höchst erfolgreiche Bestsellerautoren. Gründe genug für ein stern-Gespräch zwischen Sven Regener und Thomas Brussig. Gut verstanden haben sie sich nicht.

Von Stephan Draf und Alexander Kühn

Herr Brussig, Sie haben einen Wende-Roman vorgelegt, in dem viele Figuren die zwölf Monate zwischen Sommer 89 und Sommer 90 aus verschiedensten Perspektiven betrachten. Ist die Wende für Sie nun abgearbeitet?

Brussig: Als Thema eines Romans bestimmt. Für mich - biografisch - so wenig wie vorher.

Und für die Deutschen?

Brussig:

Ich glaube nicht, dass die Aufarbeitung noch kommt, die nötig gewesen wäre. Die Chance ist vertan. Die Möglichkeit, noch Schmerz oder Scham zu empfinden, ist weg.

Regener:

Es werden aber bestimmt noch viele Romane über die DDR und die Wende geschrieben werden. Die DDR ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet, so heißt das bei Briefmarkensammlern. Da kommen keine Marken mehr dazu. Und deshalb wird dieses Gebiet für Sammler auch immer wichtiger.

Herr Regener, Frank Lehmann, auch in Ihrem neuen Roman die Hauptfigur, lebt seit 20 Jahren im Bremer Stadtteil "Neue Vahr Süd", der dem Buch auch den Titel gab. Lehmann hat nie die Kaserne wahrgenommen, die ganz in der Nähe ist...

Regener: Er hat sie schon wahrgenommen, er hat nur nie über sie nachgedacht.

So wenig wie die Bundesbürger über die DDR.

Regener:

Entschuldigen Sie, die DDR war in den 70er Jahren ein zentrales Thema der bundesdeutschen Politik. Erst später in der Kohl-Zeit hatte man sich damit abgefunden, dass das ein eigenständiger Staat war.

Das Interesse der Westdeutschen für die DDR war doch zu keiner Zeit vergleichbar mit dem Interesse der DDR-Bürger für die Bundesrepublik.

Brussig:

Ich weiß noch, wie meine Verwandten aus dem Westen gestaunt haben, dass ich wusste, wie der Innenminister von dem und dem Bundesland heißt.

Regener:

Auch in der DDR war es möglich, sich nicht für den Westen zu interessieren.

Brussig:

Dazu musste man aber schon einen offiziellen Auftrag haben (lacht). Neue Autos, Mode, Trends aus dem Westen - das alles war wichtig für uns.

Wenn sie nicht gesehen hätten, dass es den Menschen auf der anderen Seite der Mauer besser geht, hätten sich die DDR-Bürger dann womöglich nicht benachteiligt gefühlt?

Brussig:

Der Westen als Edelvergleich, das hat dem Osten wehgetan und Komplexe verursacht. Im Ausland erlebten wir uns immer als Deutsche zweiter Klasse.

Könnte es sein, dass dieses Gefühl jetzt, in den Zeiten von Hartz IV, wieder durchbricht?

Brussig:

Ich glaube, dass es tatsächlich für viele Ostler ein Problem ist, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Bei uns war klar: Du wirst nicht Millionär, aber du wirst auch nie ganz unten sein. Nie in der Situation sein, dass du deine Wohnung nicht mehr heizen kannst und mit 13, 14 Grad klarkommen musst.

Regener:

Ich finde es schwierig, den Leuten solch eine Kollektiv-Identität zu verpassen.Wie jetzt in Sachsen so, da haben neun Prozent NPD gewählt - und für die Öffentlichkeit ist es gleich der ganze Osten. Dabei hat der Rest ja was anderes gewählt.

Brussig:

20 Prozent der Erstwähler haben NPD gewählt. Das ist schon ein Schock.

Warum wählen die rechtsextrem?

Brussig:

Es gibt ein Ost-West-Gefälle bei der Vermögensbildung. Und die Arbeitslosigkeit ist im Osten doppelt so hoch wie im Westen. Das alles verursacht eine Existenzunsicherheit.

Regener:

Entschuldige, Thomas, das kann ich bald nicht mehr hören. Wo ich herkomme, war die Arbeitslosigkeit immer so hoch wie jetzt im Osten.

Brussig:

Ich weiß, das es im Westen auch Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit gibt.

Regener:

Aber gerade deshalb ärgert es mich, wenn jetzt alle drüben sagen: "Ich armes Schwein". Das ist dasselbe Kleinmachen, dieselbe Unselbstständigkeit wie früher. Wenn jemand NPD wählt, hüben oder drüben, ist er ein Arschloch, das muss man mal klar sagen. Die haben das Wahlrecht, und damit sind sie verantwortlich. Ist doch so.

Herr Brussig?

Brussig:

Die deutsche Einheit ist missraten. Und entsprechend sehen die Wahlergebnisse aus.

Aber Sie haben das Jammern der Ostdeutschen auch schon mal zum Thema gemacht. In Ihrem Einakter "Leben bis Männer" beschwert sich ein ostdeutscher Fußballtrainer, dass der DFB sehr lange gebraucht hat, bis er die Spiele der DDR-Nationalmannschaft in die offizielle Statistik übernommen hat.

Brussig:

Ja, das war schon merkwürdig: Da "debütierte" ein Matthias Sammer in der Nationalmannschaft - und hatte doch schon 23 Spiele für die DDR gemacht.

Regener:

Nee, stopp. Man darf nun auch nicht vergessen, dass sich die DDR schon früher vehement dagegen gewehrt hat, in diese Statistik aufgenommen zu werden.

Brussig:

Aber doch nicht die Spieler. Fakt ist, dass die Ostspieler lange überhaupt nicht auftauchten.

Regener:

Ist ja auch eine DFB-Statistik. Und der DFB hatte in der DDR nichts zu sagen. Ich würde den Ball mal flach halten. Ich meine, die DDR ist zugrunde gegangen, nicht die Bundesrepublik.

Brussig:

Dann kam aber etwas, was "Wiedervereinigung" hieß.

Regener:

Das "wieder" ist eh problematisch. Wir hatten doch 40 Jahre lang zwei Staaten - 1974 haben wir sogar gegeneinander gespielt. Hätte man sofort nach der Wende gesagt, "So, jetzt legen wir das alles mal zusammen", hätte der Osten doch sofort geschrien: "Der Westen vereinnahmt uns durch seine Statistik."

Brussig:

Ich weiß nur, dass immerhin drei DDR-Spieler mehr als 100 Länderspiele hatten. Die hätten in der Statistik vor berühmten Westspielern gestanden. Und da muss einer beim DFB gesessen haben, der gesagt hat, das kriegen wir schon irgendwie hin.

Regener:

Oh ja, da hat der Westen wahrscheinlich gezittert vor euren wahnsinnig tollen Dauerspielern.

Brussig:

Immer wenn ich mich mit Westlern unterhalte, komme ich dahin, den Osten zu verteidigen. Das ist mir ungemütlich.

Regener:

Immer wenn ich mich mit Ostlern unterhalte, habe ich das komische Gefühl, dass sich beklagt wird.

Einigen wir uns doch auf Unentschieden. Herr Brussig, Ihr Buch heißt "Wie es leuchtet". Was leuchtet am hellsten?

Brussig:

Dieses Wendejahr war ein ganz besonderes: voller Höhepunkte, voller neuer Eindrücke. Ein leuchtendes Jahr.

Es tauchen, kaum verschlüsselt, Personen der Zeitgeschichte auf. Wollten Sie einen Wiedererkennungswert für Leser in 20 Jahren schaffen?

Brussig: Mir ging es mehr darum, Haltungen und Zustände zu illustrieren, die jene Zeit zu etwas Besonderem machten. Beim Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski hat mich die Flucht interessiert. Der war ja tatsächlich ein paar Tage verschwunden, und keiner wusste, wo er steckte. So etwas qualifiziert ihn natürlich als Romanfigur.

Der Roman endet mit dem friedlichen Tod eines Oppositionellen, der von der Stasi radioaktiv bestrahlt worden ist. Im Buch kommt der Mann nicht besonders sympathisch rüber. Warum?

Brussig:

Ich habe immer eine besondere Sensibilität für diese Leute gehabt, die sind nach der Wende allzu fix vergessen worden. Dass sie mitunter verbohrt waren und nicht besonders sympathisch, ist eine Sache. Dass sie trotzdem eine Würdigung verdienen, eine andere. Da bin ich Moralist und vielleicht doch ein bisschen der Nachwelt verpflichtet.

Herr Regener, wollen Sie mit den Lehmann-Büchern auch etwas bewahren?

Regener:

Für die Nachwelt? Nee.

Wird man Lehmann auch noch in 20 Jahren lesen?

Regener:

Ich bin ganz dafür, dass man die Bücher in 500 Jahren noch liest. Vor allem, wie ein Mann sein Verhalten in Krisensituationen schult: bei der Bundeswehr, wo alle nur rumbrüllen. Seine Eltern schmeißen ihn raus, seine WG ist auch eher merkwürdig. Aber Frank Lehmann bewahrt trotzdem Haltung. Das finde ich wichtig. Aber so etwas wie: "Der Zustand des Menschen in der westlichen Welt am Ausgang des 20. Jahrhunderts" ist mir völlig wurscht.

Herr Brussig, haben Sie den Lehmann in Regeners Sinne gelesen?

Brussig:

Ich fand, dass "Herr Lehmann" ein klasse Buch darüber war, wie es ist, 30 Jahre alt zu werden.

Aber bei "Neue Vahr Süd" muss es für Sie doch merkwürdig gewesen sein, über kommunistische Gruppen zu lesen...

Brussig:

Das war schon schräg. Wer sich so etwas freiwillig antut, kann nur Wessi sein. Aber der Lehmann gehört ja nicht dazu, seine Freunde sind da drin.

Regener:

Aber die Gruppen gab's, ich war selber drin, da gibt's nichts zu beschönigen. Der heutigen Jugend wirft man vor, sie sei nicht politisch genug - aber solch einen Scheiß würden die nicht machen.

Herr Brussig, Sie haben immer gesagt, dass Sie erst bei der Armee einen richtigen Hass auf das System entwickelt haben...

Brussig:

Und nicht nur, weil die gemein waren und rumgebrüllt haben. Sondern, weil es da so faschistoid zuging und die wussten, das wird von oben gedeckt. Da wurde mir klar: nicht so. Zu erkennen, dass man in zwölf Jahren Schulzeit nur Stuss gelernt hat - ich bezweifle, dass Westler solch eine Erfahrung gemacht haben.

Aber Ihre Bundeswehrzeit war doch auch heftig, Herr Regener?

Regener:

Nicht vergleichbar. Trotzdem war es in einer liberalen Gesellschaft wie der Bundesrepublik ein ziemlicher Schock, dass man da irgendwo eingesperrt und angebrüllt wird. Und dann wirst du ins Wochenende geschickt und kommst zurück in die normale Welt. Frank Lehmann in dieses Wechselbad zwischen brutal heiß und brutal kalt zu schmeißen - das ist der Treibstoff des Buches.

Die Lehmann-Bücher sind ja mitunter sehr lustig - fürchten Sie, dass sie unterschätzt werden, gerade weil sie witzig sind?

Regener:

Ist mir völlig egal, ob die unterschätzt werden. Ich schreibe so einen Roman doch nicht für die deutsche Literaturgeschichte. Ich hatte von vornherein die Idee, drei Bücher über Lehmann zu schreiben. Fehlt nur noch eines - daran mache ich mich jetzt.

Brussig:

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich habe meine Zweifel, ob der Frank Lehmann wirklich über drei Bücher trägt.

Warum?

Brussig:

Ich weiß nicht, worin sich der Frank Lehmann aus der Neuen Vahr Süd vom Kreuzberger Lehmann unterscheidet - er ist nur zehn Jahre jünger. Ich habe dieses Alter auch ganz anders in Erinnerung. Damals haben mich monströse Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit beschäftigt. Die haben wir nicht so wegdiskutiert, wie das in der Lehmann-WG passiert.

Regener:

Halten wir fest: Das ist kein Buch über Thomas Brussig, als er 20 war. Und es ist, glaube ich, auch nicht für ihn geschrieben.

Brussig:

Das finde ich schade.

Regener:

Schade finde ich, dass du so argumentierst: Ich war anders - und deshalb ist es nichts für mich. Ich war mit 20 auch anders als Lehmann.

Brussig:

Und warum schreibst du es dann nicht, wie du's erlebt hast?

Regener:

Weil ich nicht über mich schreibe. Wenn ich etwas anders erlebt habe, kann es mich ja trotzdem interes-sieren.

Brussig:

Ich glaube, dass man beim Lesen das, was man da vor sich hat, immer mit eigenen Erfahrungen abgleicht. Und wenn es auf zu wenig Resonanz trifft, beginnt das Buch zu langweilen.

Regener:

Würde ich argumentieren wie du, müsste ich sagen: Brussigs Buch "Wie es leuchtet" - ohne mich, Freunde, ich bin ja kein Ostler. Die Frage ist doch, ob alle Leser so denken wie du. Ich mag dieses Generalisieren nicht. Die Menschen lesen unterschiedlich - was der eine langweilig findet, ist für den anderen wahnsinnig interessant.

Brussig:

Wann interessieren uns Bücher, die in Indien oder im Mittelalter spielen? Wenn wir uns in ihnen spiegeln können. Aber fragen wir doch mal anders: Welche Bücher findest du langweilig?

Regener:

Kann ich nicht sagen. Es gibt Bücher, die finde ich langweilig, und dann nehme ich sie ein halbes Jahr später in die Hand - und plötzlich sagen sie mir was.

Brussig:

Weil sie sich mit Fragen beschäftigen, die dich in dem Moment umtreiben.

Regener:

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Nimm doch mal, 80er Jahre, den Roman "Watership Down", ein Welterfolg. Da geht es um eine Familie von Kaninchen, die wegziehen müssen, weil ihr Wald abgeholzt wird. Liebe Leute: Hier geht es um Kaninchen! Und trotzdem haben es die Menschen verschlungen.

Aber die Kaninchen standen doch für Menschen...

Regener:

Aber oberflächlich geht es um Kaninchenkram. Welches Gras besser schmeckt und so.

Brussig:

Kann ich mir vorstellen, dass man das interessant findet - Kinder diskutieren doch auch, was zum Nachtisch besser schmeckt.

Regener:

Was lernen wir daraus? Jeder Mensch kann sich prinzipiell für alles interessieren. Für jedes Buch, für jede Geschichte. Jetzt habe ich dich, Thomas Brussig: Jeder Mensch kann sich für alles interessieren!

Brussig:

Und ich habe dich, Sven Regener, weil ich dich beim Generalisieren erwischt habe.

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