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Interview Minh-Khai Phan-Thi: "Ich kämpfe mit beiden Kulturen"

Für ein Buch hat sich Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi auf Spurensuche in ihre Heimat Vietnam begeben. Im stern.de-Interview erzählt sie von ihrem Kampf zwischen den Kulturen, über ihr Baby-Projekt und warum Jammern Luxus ist.

Frau Phan-Thi, 2003 haben Sie schon einen Dokumentarfilm über das Heimatland Ihrer Eltern gedreht. Wie kam die Idee zu dem Buch, das eine Mischung auf ihrer Biografie und Bericht über Vietnam ist?

Das ist keine Autobiografie. Es hört sich albern an, mit 33 Jahren schon eine Biografie geschrieben zu haben. Eigentlich handelt es sich um ein erzähltes Sachbuch. Natürlich geht es auch um Teile meines Lebens, aber der Fokus liegt auf der Geschichte meiner Eltern: Warum sie hierher gekommen sind, was sie erlebt haben. Im Film hatte ich ja nur 60 Minuten Zeit, um einen kleinen Ausschnitt dessen zu erzählen, was ich erzählen wollte. Außerdem wurde ich während der Dreharbeiten vom Staat kontrolliert und hatte ständig einen Aufpasser neben mir. Außerdem liegt mir das Thema Integration sehr am Herzen. Es geht im Buch um beide Welten und darum, wie sich ein Mensch, der wie ich mit zwei Kulturen lebt, zurechtfindet.

Sie stehen für eines von Millionen Einwandererkindern in Deutschland. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Als Jugendliche haben mich vor allem diese üblichen Behördengänge geärgert. Man ist ja leider nicht automatisch deutsch, wenn man hier geboren ist, sondern man ist das, was die Eltern sind. Und meine hatten damals noch einen vietnamesischen Pass. Aber eigentlich habe ich im Gegensatz zu manch anderen wenig Diskriminierung erfahren. Meine Eltern haben viel Wert darauf gelegt, dass ich gut deutsch spreche und mich in zwei Kulturen zu Hause fühle. Sie haben sich nicht wie viele andere der deutschen Kultur verweigert. Denn das ist ja das eigentliche Problem vieler Einwandererkinder: Sie müssen komplett zwei Leben leben, weil ihre Eltern Angst haben, dass die deutsche Kultur überpräsent ist und die Kinder die Kultur der Eltern verlieren. Meiner Erfahrung nach wenden sich Kinder, wenn sie älter werden, so oder so der Kultur der Eltern zu. Aber gerade in der Pubertät ist Identität ist sehr wichtig und Eltern müssen begreifen, dass es sowohl eine deutsche Identität gibt, als auch eine türkische, vietnamesische oder kroatische.

Sie beschreiben auch, wie kompliziert es für Sie war, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Was sollte Deutschland im Umgang mit Migranten anders machen?

Wenn man möchte, dass die Menschen sich hier integrieren, dann muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, sich früher einbürgern lassen zu können. Und wenn man hier geboren ist, finde ich das erst recht wichtig. Dieser 100-Fragen-Fragenkatalog zum Beispiel, den Roland Koch vorgeschlagen hat - der ist einfach eine Frechheit! Die Fragen kann nicht einmal ein Deutscher komplett beantworten, warum sollte das dann ein Ausländer können? Aber Einbürgerung ist das eine. Das andere ist, dass Deutschland sich erst sehr spät zur Zuwanderung bekannt hat. Als die Gastarbeiter damals hierher kamen, dachte man wohl, man holt sie jetzt und schickt sie später wieder nach Hause. Dabei hat man übersehen, dass sich die Menschen hier wohl fühlen, Deutschland ihre Heimat geworden ist und ihre Kinder hier geboren sind.

Ist denn das Leben zwischen den Kulturen für Sie inzwischen eine Bereicherung?

Mit Mitte 20 habe ich gelernt zu sagen, dass ich nicht zwischen sondern mit den Kulturen lebe. Ich habe gemerkt, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss und keiner mir dabei helfen kann. Ich stehe jeden Tag vor der Entscheidung: Handle ich jetzt besonders vietnamesisch oder besonders deutsch? Das merke ich häufig in der Auseinandersetzung mit älteren Menschen. Ich habe einen unglaublichen Respekt vor ihnen, wenn es aber bestimmte Dinge gibt, die mir nicht gefallen, dann kann ich ihnen das ganz schwer sagen. Mir wurde aus der vietnamesischen Kultur mitgegeben: Je älter ein Mensch ist, desto mehr Respekt verdient er. Hinterher ärgere ich mich häufig über mich selbst. In Deutschland sagt man einfach, was man denkt.

In Ihrem Buch streuen Sie immer wieder Details zum Vietnamkrieg in die Dialoge mit Ihrer Familie ein. War es Ihnen wichtig, den Krieg aus Sicht der Vietnamesen dazustellen?

Ja, klar. Immer wenn über Vietnam gesprochen wird, werde ich mit dem Krieg konfrontiert. Aber Vietnam ist ein Land und kein Krieg. Ich wollte ein paar Dinge klarstellen, und es wäre falsch gewesen, das Thema komplett auszuklammern. Genauso wie Deutschland immer mit der Nazizeit in Verbindung gebracht wird, wird Vietnam den Krieg nicht abschütteln können. Für mich war es wichtig zu zeigen, dass die Vietnamesen trotz der Grausamkeiten, die passiert sind, wahnsinnig optimistisch sind. Für sie ist das Glas grundsätzlich halb voll. Und sie gucken nach vorne. Die Deutschen hingegen schauen oft zurück: Früher war alles besser. Vietnamesen jammern viel weniger. Sie müssen schauen, dass sie Geld verdienen und überleben. In Deutschland zählt immer die Persönlichkeit, das Individuum. Gegensätzlicher können zwei Länder kaum sein. Deswegen ist es für viele meiner Landsleute auch so schwer hier aufzuwachsen. Ich hoffe, dass viele das Buch lesen und sehen: Ich kämpfe bis heute jeden Tag mit beiden Kulturen. Aber es lohnt sich.

Sie schreiben "In Vietnam lernt man schnell, Demut vor dem Leben zu haben." Inwiefern?

Die Demut vor dem Leben ist in Vietnam allein schon durch die Philosophie geprägt, die dort gelebt wird. Und diese Demut fehlt mir hier oft. Gerade bei meinen Schauspielkollegen denke ich häufig: Mein Gott, wir können alle froh sein, dass wir das machen können, was wir wollen und so viel Geld damit verdienen. Hier wird viel gemobbt, sich beschwert und mit den Augen gerollt. Ich bin da keine Ausnahme, mir passiert das auch oft, aber zumindest versuche ich, mir das bewusst zu machen. Jammern ist immer Luxus. Wenn ich in Vietnam diese armen Menschen sehe, die trotz allem lächeln, dann schäme ich mich, weil ich mich frage: Worüber klagst du eigentlich? Du bist gesund und du wirst hier sozial komplett aufgefangen. Das geht mir hier wirklich auf den Geist!

An einer Stelle im Buch sprechen Sie an, dass Sie den religiösen Fanatismus mancher Einwanderer für verständlich halten. Warum?

Wenn man nicht weiß, wohin man gehört, sucht man sich Halt. Und viele suchen diesen Halt in der Religion. Das heißt nicht, dass ich das gutheiße, aber ich verstehe, woher dieser Fanatismus kommt. Wer sich nicht integriert, betreibt Religion und Kultur viel intensiver, als er es jemals in der Heimat machen würde. Es gibt ganz fanatische vietnamesische Protestanten und Katholiken. Die sind so moralisch, wie sie es in Vietnam nie gewesen wären, weil sie dort ganz klar wussten, wohin sie gehören. Der Fanatismus hat viel mit Zusammengehörigkeit zu tun. Sie treffen sich jeden Sonntag in der Kirche, gehören endlich irgendwo hin und haben etwas, an das sie glauben können. Ich denke, so ist es mit allen Religionen. Aber das ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern existiert auf der ganzen Welt. Wenn man irgendwo nicht richtig zu Hause ist, heroisiert man diese andere Kultur wahnsinnig und steigert sich in alles hinein, was damit zusammenhängt.

Momentan stehen Sie wieder für TV-Serien vor der Kamera und moderieren eine neue Kochshow. Haben Sie auch noch weitere Pläne in Sachen Vietnam?

Klar werden das Buch und die Doku nicht das Letzte gewesen sein. Diese Arbeit befriedigt mich ungemein - vielleicht manchmal viel mehr, als irgendetwas zu spielen. Ich bin gern auch Macher. Das Buch war ein gewagtes Experiment und ich habe oft verflucht, es überhaupt in Angriff genommen zu haben. Ich habe über ein Jahr daran geschrieben - mit Kind. Das war gar nicht so einfach. Und manchmal habe ich mir gedacht, ich würde jetzt lieber die Füße hoch legen, aber ich brauche auch solche Herausforderungen. Vielleicht wird es wieder einen Dokumentarfilm geben, aber dieses Jahr ist erst einmal voll mit Dreharbeiten. Und dann kommt irgendwann Experiment "Baby Nummer 2". Das will ich ja auch noch.

Interview: Christina Gest