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Katja Kessler: "Herztöne" schlägt im Klischeetakt

Katja Kessler und das Aschenputtel-Prinzip: In ihrem neuen Liebesroman "Herztöne" spielt sie mit alt bewährte Frauenroman-Klischees. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn komisch ist es trotzdem.

Von Nina Zeller

Mädchen verliebt sich in Jungen. Junge schläft mit Mädchen. Junge verlässt Mädchen. Mädchen hat Liebeskummer. So einfach gestrickt und doch ein so erfolgreiches Rezept für einen Liebesroman. Dazu noch ein bisschen "Der Teufel trägt Prada", eine Prise Ildikó von Kürthy und einen gesunden Batzen "Aschenputtel". Voilà: Ein klischeehafter und dennoch unterhaltsamer Liebesroman für die Frau von heute ist fertig.

Die Zahnmedizinerin Katja Kessler, bekannt geworden als "Bild"-Kolumnisten und Autorin der Dieter-Bohlen-Biographien, veröffentlichte vor kurzem ihren ersten Liebesroman auf 416 Seiten: "Herztöne". Im Zeitalter von fanatischen "Sex-and-the-City" Fans schreibt Kessler ein Buch mit viel Witz, Selbstironie und vor allem Menschlichkeit. Der Leser lernt das chaotische Liebesleben der 32-jährigen Protagonistin Elisabeth "Lissi" Lensen aus der Ich-Perspektive kennen.

"Was kann einer Journalistin passieren, wenn sie von ihrer frustrierten Chefin auf eine bescheuerte Mode-Party gescheucht wird? 1.) Sie tüdelt sich aus Frust einen an. 2.) Sie verliebt sich Hals über Kopf in den größten Spießer aller Zeiten. 3.) Sie wacht morgens auf - ohne Spießer, aber mit Abschiedsbrief."

Das alte Spiel von "Armes Mädchen verliebt sich in Traumprinzen"

Eine einfache Handlung, mit alt bewährten, Erfolg versprechenden Mitteln: Eine liebenswerte und charmante Romanfigur, lustige Dialoge und die volle Bandbreite an menschlichen Gefühlen. Das alte Spiel von "Armes Mädchen verliebt sich in Traumprinzen" ist damit gelungen aufgegriffen und modernisiert. Ort der Handlung ist Hamburg, Heimat von Katja Kessler. Die Redakteurin einer Frauenzeitschrift, Lissi Lensen, gibt dem Leser allen Anlass, sie zu mögen. Eine Normalsterbliche mit der sich jede(r) identifizieren kann: Tyrannisiert von der zickigen Chefin, betüdelt von der fürsorglichen Mutter, Single und unzufrieden mit dem Äußeren: "(Lissi) bückte sich nach vorne, um zu beobachten, wie sich ihre Bauchdecke gürteltierartig zu viereinhalb dicken Kringeln zusammenbuckelte." Unschön, aber Realitätsnah.

Auf einer Szene-Party verändert sich von heut auf morgen Lissis Leben: Ein Traumtyp schlechthin, der konservative und steinreiche Hamburger Reeder, Paul Joost Ingwersen, tritt in ihr Leben. Hals über Kopf verliebt sich Lissi und landet besoffen mit ihm in der Kiste. Der nächste Morgen: Traumtyp weg. Kater da. Ein altes Handlungsmuster, schon tausend Mal gelesen. Stimmt, doch neben dem zu erwartenden Liebeskummer kommt noch eine Überraschung: Lissi wird schwanger und ihr One-night-stand Paul ist bereits vergeben.

Sofalektüre für verregnete Herbstnachmittage

Was erwartet nun der Leser von einer Story, dessen Grundidee er schon bis zum Abwinken kennt? Ganz einfach: Sich unterhalten lassen und abschalten. Kesslers Roman ist keine anspruchsvolle Lektüre voll Poesie oder mit einer weltbewegenden These, sondern eine geeignete Sofalektüre im verregneten Herbst. Ob ein zerissenes Kleid, die drohende Kündigungsfrist des Vermieters oder der Arbeitsvertrag auf Zeit: Hamburgerin Lissi rennt von einem Unglück ins Nächste und rührt manch eine Frau mit ihrer naiven Art: "Lissi schnellte erschrocken hoch. Dabei blieb der Stuhl kleben, löste sich dann doch vom Hintern und fiel mit lautem Krachen wieder zurück gegen die dahinterliegende Schranktür. Lissi fühlte sich wie die Vorsitzende vom Behinderten-Club (...)."

Situationskomik, die man mögen muss. Eine tränenreiche Lissi, ihre wütende Chefredakteurin und Streit mit der besten Freundin. Kessler will Jeden mit ihrem Roman ansprechen. Allen voran die Vorstadt-Frau. Romanfigur Lissi verkörpert den Dauersingle, Pechvogel und unperfekten Typ von Frau um die 30, die sich nach mehr Liebe und Geld, aber zehn Kilo weniger sehnt.

Viele Partys und etliche Gespräche ohne Gehalt. Redakteurin Lissi bewegt sich jobbedingt meist in Kreisen der reichen "Bussi-Bussi-Gesellschaft." Anlass für Kessler, ihr gewohntes Metier sarkastisch zu verarschen: "Diese Blondine zu ihrer (Lissis) Rechten, von der sie seit zwanzig Minuten vollgetextet wurde und die an akutem "PUPS" litt - PR-Geilheit und Promi-Wichtigtuerinnen-Syndrom."

Roman in rosa-rot und glitzernd

Übelkeit am Morgen und ein ätzender Vorgesetzter. Ist nicht nur Katja Kessler schon passiert. Die dreifache Mutter saß etwa zwei Jahre an ihrem Debüt "Herztöne". Mit einem - wie könnte es anders sein - Happy End natürlich.

Was kann eine Frau wie Katja Kessler eigentlich dazu bewegen, aus ihrer Klatsch- und Biografie-Ecke herauszukommen und in das Romanmetier einzusteigen? Am Geld kann es sicher nicht liegen. Als Ehefrau von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann lässt es sich aushalten. Kindererziehung muss trotzdem sein - ob mit oder ohne Nanny. Dafür dankte sich die 38-jährige Autorin in ihrem Buch auch brav bei Dr. Oetker-Pizza für die monatelange Ernährung ihrer Familie.

Bunt bebildert, kursiv geschriebene Gedankengänge der Hauptperson Lissi, rosa-rotes Layout, Kesslers Name aus funkelnden Diamantensteinen. So blinkt und blitzt der Roman aus den Regalen. "Kauf mich!" Doch auch die Männerwelt kommt nicht zu kurz: "Wir teilen zwar mit euch Frauen unsere Rasierapparate und unsere Socken. Aber es gibt Dinge, die müssen Männer nicht erzählen", meint Kesslers männliche Hauptperson, Paul Ingwerson.

Unvollkommen und stolz darauf

Was sagt "Herztöne" denn nun aus? Benütz immer ein Kondom? Geh öfter ins Fitnessstudio? Kann sein. Wollte Kessler etwa das Phänomen Frau nur karikieren und einen Bestseller zusammenstricken? Mag man denken. Doch bei aller klischeehaften und doch gekonnten Schreibe erkennt man auch einen ganz anderen Gedanken: unvollkommen zu sein und stolz darauf. "Heutzutage durfte man als Mensch alles sein - Swinger, vorbestraft, ungewaschen. Aber bitte auf keinen Fall einsam." Perfektion ist also doch nicht alles heutzutage? Vielleicht nur begrenzt, denn Fehler machen erst menschlich - und liebenswert. Auch eine Chaotin wie Protagonistin Lissi bekommt ihr Leben geregelt. Es geht immer weiter. Vielleicht auch bald mit einer Fortsetzung.