HOME

Lady Bitch Ray: Was machst du denn da?

Sie ist 27 Jahre alt, Akademikerin, Rapperin, hochbegabt, Kind türkischer Eltern aus Bremen, und all die Obszönitäten, die ihr unentwegt aus dem Mund purzeln, wollen gar nicht so recht passen zu ihrem mädchenhaften Lachen. Ein Gespräch mit Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray über Koitus, Kant und Kanaken.

Lady Bitch Ray, Sie bezeichnen sich gern als Hure, Schlampe, Nutte. Ist das vorauseilende Notwehr - Sie nennen sich Hure, bevor andere dies tun?

In gewisser Weise ja. Aber es ist mehr. Ich nenne mich Bitch. Eine Bitch - das meint Hure, Schlampe, Nutte - ist vulgär, frech, rotzig, aufmüpfig, intelligent und schnell. Sie tut Dinge, die bei Frauen gesellschaftlich tabuisiert sind, bei Männern aber stillschweigend akzeptiert werden. Eine Bitch steht zu ihrer vaginalen Selbstbestimmung und macht sich nicht von Männern abhängig.

Sie benutzen Begriffe wie Stecher, Flittchen, geile Hengste. Das sind so Altmännerwörter aus den 50er Jahren.

Wirklich? Für mich als Sprachwissenschaftlerin ist das eher ein Unterschichtenvokabular, das sich bis heute gehalten hat. Einem Gentleman - ich liebe Gentlemen - würde ich natürlich anders begegnen.

Wie?

Ganz bezaubernd.

Haben Sie schon mal stundenlang aufs Telefon gestarrt, um auf den Anruf eines Mannes zu warten?

Nein. Ich bin doch kein Tussi-Opfer.

Neulich sagten Sie, Sie wollten nicht mehr von Frauen interviewt werden. Nur noch von Männern. Warum?

Weil ich den Eindruck habe, dass Frauen meines Alters mit mir Probleme haben. Aber Sie sind älter als ich.

Stimmt. Damit sind wir beim Thema. Dazu eine kleine Geschichte. In meiner Wohngemeinschaft, vor 25 Jahren - wir waren vier Frauen und vier Männer -, fingen wir Frauen plötzlich an, mit Ficken, Fotze, Schwanz rumzuprotzen, während die Männer entsetzt verstummten. Und jetzt kommen Sie, reden von Ficken, Fotze, Schwanz und erwarten von mir, dass ich diese alten Kamellen als Tabubruch honoriere. Oder muss das jede Generation für sich neu entdecken?

Nein. Wenn Ihre Generation sich damals wirklich durchgesetzt hätte, wäre das Problem bis heute nicht so brisant. Das haben die 68er verkackt. Es gibt viel zu wenig selbstbewusste Frauen.

Was haben Obszönitäten mit Selbstbewusstsein zu tun?

Ganz, ganz viel. Die Freiheit der Ausdrucksform, auch in der Fäkal- oder Vulgärsprache, ist immer extrem, und alle extremen Dinge haben mit Freiheit zu tun, auch Sexualisierung.

Die ewigen Four-Letter-Words bei Ihnen sind unelegant und ermüdend...

...keine Revolution ist elegant. Außerdem: Man muss darauf achten, dass bei den Freiheiten, die Frauen wie Alice Schwarzer dankenswerterweise erkämpft haben, nicht plötzlich neue Schranken entstehen, und das sind immer noch die ewigen Klischees. Darum gibt es ein Problem mit Frauen, die so reden wie ich und in keine Schublade passen wollen: Türkin, Akademikerin, Doktorandin, vulgär. Aber dazu steh ich.

Sie stilisieren sich als Hure und Schlampe. Wenn Sie einen Mann treffen, müssen Sie doch total unter Stress sein, um dieses Image einzuhalten.

Gar nicht. Ich bin absolut natürlich, eine hübsche, selbstbewusste Frau. Ich bin eher die, die sich zurücklehnt und genießt. Ich will auch keine Groupie-Proleten, die kurz mal Lady Bitch Ray ficken wollen.

Haben Sie derzeit eine feste Beziehung?

Nein.

Kinder?

Nein. Cunnilingus und Fellatio sind noch nicht geboren.

???

Na ja, mit zweitem Namen würden sie so heißen.

Sie haben mal gesagt: Meine Waffe war Bildung. Ich war immer gut in der Schule. Ist also Ihre Botschaft an die türkischen Mädchen: Seid gut in der Schule, dann dürft ihr auch "ficken" sagen?

Überspitzt gesagt: Ja. Die einzige Rettung für Frauen aus der Unterschicht oder einer anderen Kultur oder beidem ist Bildung. Und Migranten mussten sich schon immer mehr anstrengen. Mein Vater hat stets zu mir gesagt: Du bist ein Mädchen. Du wirst es schwerer haben. Du musst studieren.

Ihr Vater war Schweißer. Ihre Mutter Mutter. Und alle drei Kinder haben studiert. Sind Ihre Eltern stolz auf Sie?

Ich hab sie auch dazu erzogen. Sie wissen, was ich mache.

Und dennoch möchten Sie nicht, dass Papa den Film "Chiko" sieht, der gerade angelaufen ist, weil Sie eine Prostituierte spielen. Warum diese plötzliche Prüderie?

Möchten Sie denn, dass Ihr Vater Sie ficken sieht, wenn auch nur im Film? Ich hab gesagt: Papa, da gehst du nicht rein. Er: Was machst du denn da? Ich: alles Politik. Im Übrigen - es ist ein Gangsterfilm, der meine Eltern eh nicht interessiert. Sollen sie lieber zur Uni-Feier kommen, wenn ich meinen Doktortitel kriege. Als Tochter muss man den Eltern die guten Dinge im Leben zeigen.

Wer regt sich mehr über Sie auf - die Deutschen oder die Türken?

Die Deutschen. Das hat mit der Türkinnenrolle zu tun. Nehmen Sie nur das Beispiel Sibel Kekilli. Die türkische Schauspielerin wurde fertiggemacht, weil sie in einem Pornofilm mitgespielt hat. Und das nur, weil sie Türkin ist.

Stimmt nicht. Der Freund der Schauspielerin Katja Riemann wurde auch fertiggemacht, weil er in Pornos mitgespielt hat. Und der ist kein Türke. Wann kommt Ihr erstes Album?

Im Sommer. Es heißt "Aufklärung", nach Immanuel Kant, dem großen philosophischen Aufklärer. Es wird ein feuchtes, aufregendes Album, mit gesellschaftspolitischen Songs, die viel mit Kant und mir zu tun haben, mit einer in Deutschland lebenden Kanakenbraut.

Die Türkinnen ...

... lieben mich. Ich bin ihr Idol. Meine Philosophie: Vagina-Style, Pussy de luxe. Ich bin nicht so eine Öko-Tussi wie Charlotte Roche: untenrum nicht waschen, keine Achselhaare rasieren und so. Ich liebe ästhetische Weiblichkeit...

... das ist ja auch netter als die Hämorrhoiden bei Charlotte Roche. Lieben Sie Frauen?

Nein. Obwohl ich das mal gesagt habe. War so 'n Schnack. Ich steh auf Schwänze.

Ihre Tochter, sagten Sie, würden Sie konservativ erziehen. Denn Glück definiere sich nicht über immer mehr Beziehungen. Aber glaubt man Ihnen, dann ist Ihre Koitusfrequenz verblüffend. Alles Show?

Nein. Aber das heißt doch nicht, dass ich Frauen dazu animieren will, wild durch die Gegend zu ficken. Sondern dazu, selbstbewusster zu werden.

Schaffen viele Männer auf der Liste Selbstbewusstsein?

Auf keinen Fall. Im Gegenteil. Frauen, die zu viel auf der Suche sind, haben sogar weniger Selbstbewusstsein. Mir geht es darum, dass Frauen nicht immer in der Opferrolle sind. Ich hasse billige Pornos, in denen Frauen immer diejenigen sind, die blasen müssen. Wir müssen nicht ewig Everybody's darling sein.

Neulich bei Harald Schmidt und Oliver Pocher trugen Sie eine eigene Kreation, schwarz, vorn Dekolleté, hinten ein herzchenförmiges Chiffonteil ...

... sagen Sie ruhig arschfrei...

...und die beiden Herren schienen sehr verhalten. Haben Männer Angst vor Ihnen?

Die Herren Schmidt und Pocher schon. Sie fürchteten, ich sei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unberechenbar und würde gleich die Peitsche rausholen.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Doktor haben, Rap machen, Mode machen, Bücher schreiben. Und bei meiner Sprache bleiben. Die habe ich mir im Bremer Arbeiterviertel angeeignet und hart erarbeitet. Auch wenn ich die Wissenschaftssprache beherrsche, muss ich doch nicht immer nur gebildet reden. Wer das von mir erwartet - fuck you.

Interview: Gerda-Marie Schönfeld / print
Themen in diesem Artikel