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Michel Houellebecq: Sekten, Sex und Science-Fiction

Wenn er zur Feder greift, geht es meist ordentlich zur Sache. Auch in seinem neuen Buch kommt der französische Autor Michel Houellebecq nicht ohne Sexszenen und Beschimpfungen aus.

Über Jahre hinweg war es etwas stiller um Michel Houellebecq, den umstrittenen französischen Erfolgsautor. Denn nach "Plattform" von 2002, dem wie immer äußerst offenherzigen Roman über Sextourismus, und seiner (gerichtlich verfolgten) Verunglimpfung des Islam als "blödeste" Religion schien das Enfant terrible der Pariser Szene wie verschluckt. War er noch in Irland oder schon in Spanien?

Einem üppig honorierten Verlagswechsel von Flammarion zu Fayard folgt jetzt das Ende des Schweigens: Der 47-jährige Houellebecq nimmt mit seinem vierten Roman "Die Möglichkeit einer Insel" sein bewährtes Lieblings-Sujet, die trostlose und elende Welt mit Sex als letzter Obsession, wieder auf - und spinnt den Faden dann als Science-Fiction bis zum Klonen von genetisch perfektionierten "Neo-Menschen" fort.

"Lutschpartien" und "Muschis"

Geschrieben mit seinem stilistischen Markenzeichen, einer spröden und bewusst flachen Sprache, garniert mit provozierenden Sex-Details um "Lutschpartien" und "Muschis", eröffnet Houellebecq ein selbst für ihn neues Tabufeld - das Klonen. Sein arg tragikomischer "Held" heißt "Daniel1". Er wird später als "Neo-Mensch" wieder auferstehen und lesen, was sein genetischer Urvater so zusammengeschrieben hat: seine Geschichte als politisch unkorrekter und depressiver Komiker.

Araber nennt der Komiker "Geschmeiß Allahs", die Juden sind "beschnittene Wanzen", und libanesische Christen werden zu "Marias Filzläusen". Wenigstens teilt der Provokateur vom Dienst und meistübersetzte zeitgenössische Franzose in alle Richtungen aus und sichert sich so ab. Frauen werden - bis auf eine, und die liebt den Sex nicht so sehr - auf "Muschis" reduziert, Männer sind meist von vorneherein traurige und kindische Wesen, immer auf Oralsex aus.

Schlaffe Geschlechtsteile auf allen Seiten

"Der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich je wirklich wohlgefühlt hatte, war in den Armen einer Frau, wenn ich tief in ihrer Scheide steckte", sinniert "Daniel1", der als zynischer und permanent entgleisender Unterhalter einer untergehenden Welt ganz die Züge des Autors trägt. Alternde, schlaffe Geschlechtsteile auf allen Seiten, die Unmöglichkeit des Glücks und der Zerfall einer zunehmend flachen Gesellschaft packt der Moralist Houellebecq in seine Romane - dabei lugt der Romantiker Houellebecq durch, dem wahre Liebe fehlt.

Die gewünschte Unsterblichkeit, aber möglichst bitte mit der genetisch machbaren Ausschaltung störender emotionaler Leiden, die wird ihm von der episch lang beschriebenen Elohim-Klon-Sekte möglich gemacht. Darüber vergisst "Daniel1" sogar seinen Karriere-Höhepunkt als Komiker, die Show "Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen". So ganz nebenbei ernennt Houellebecq dann Arthur Schopenhauer zu seinem philosophischen Ahnherren sowie Balzac zum literarischen Vorbild.

Doch auch das Klonen hilft nichts. Denn die "Neo-Menschen" leiden doch etwas darunter, dass ihnen "Menschlichkeit" verloren gegangen ist. Unterdessen sind die wirklichen Menschen, die also nicht als Klon auf die Welt kommen, nach Kriegen, Umwälzungen und ökologischen Katastrophen zu wilden Kannibalen verkommen und damit wieder in der Steinzeit angelangt. Mit der "Möglichkeit einer Insel" in einem Meer der postmodernen Ödnis ist es also so eine Sache. Für den Romanautor bleibt der Trost, dafür vielleicht endlich den höchsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, zu bekommen und das Buch verfilmen zu können.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA / DPA
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