HOME

Neue Jolie-Biografie: Angelina verzweifelt gesucht

Auf das Wort "Skandal" hat es Andrew Morton mit seiner unautorisierten Biografie von Angelina Jolie angelegt. Weil er damit nicht weit kommt, erklärt er den Hollywoodstar auf 512 Seiten für verrückt.

Von Sophie Albers

So eine wie sie gibt es nur alle paar Jahrzehnte: Angelina Jolie ist eine Leinwandgöttin in der Tradition von Marlene Dietrich, Marilyn Monroe und Audrey Hepburn. Ihr Stern funkelt heller als der Rest am Firmament der aktuellen Hollywoodprominenz. Die Heldin aus Filmen so unterschiedlich wie "Lara Croft" und "Der fremde Sohn" ist ein ganz eigener Typ und nicht nur Projektionsfläche für Männer-, sondern auch für Frauenträume, was selten genug vorkommt. Sie war das wilde Mädchen mit Tattoo- und Messerfetisch, jetzt ist sie die professionelle gute Frau mit sechs Kindern und Brad Pitt, ohne das wilde Mädchen auf dem Weg dorthin verraten zu haben. Eine außergewöhnliche Karriere - und in Buchform definitiv ein Verkaufsschlager.

Das hat sich wohl auch der britische Journalist Andrew Morton gedacht und nach seinen "Enthüllungen" über Lady Di, Monica Lewinsky, Madonna und Tom Cruise nun eine nicht-autorisierte Angelina-Jolie-Biografie vorgelegt. "In meinem neuen Buch frage ich 'Wer ist Angelina?' Sogar sie wird von den Antworten überrascht sein", verspricht der Autor vollmundig. Nach 512 mitunter ermüdend redundanten Seiten weiß man auch, warum.

Männer, Messer, Tattoos, Drogen

Sollten Sie bisher unter einem Stein gelebt und noch nie etwas von Angelina Jolie gehört haben, werden Sie sich nach der Lektüre dieses Buches in der Wahl Ihres Lebensentwurfs bestätigt fühlen und glücklich unter Ihren Stein zurückkehren. Sollten Sie aber mit dem Promi-Phänomen Angelina vertraut sein, werden Sie mit den Schultern zucken - denn das angeblich "brisante", "hautnahe" Porträt enthält keine skandalträchtigen Fakten, die die Klatschpresse in den vergangenen Jahren nicht schon erschöpfend durchgenudelt hätte: Männer, Messer, Tattoos, Drogen.

Das wäre alles nicht so schlimm, wäre Mortons Sicht auf Jolie nicht ein weiterer Beweis für die noch immer verbreitete Meinung, dass mit Frauen, die tun, was sie wollen, irgendetwas nicht stimmen kann. Vor allem, wenn sie damit auch noch Erfolg haben. Morton geht den traditionellen Weg, indem er "seine Patientin" für verrückt erklärt. Mit zuweilen unerträglichem Pathos und natürlich nur besten Absichten attestiert er ihr Neurosen, Zwänge und eine "gestörte Seele". Morton will mit ehemaligen Kindermädchen, Bekannten, Verwandten und anderen Wegbegleitern gesprochen haben, doch wenn es hart auf hart und zu Erklärungen kommt, lässt er Psychologen Ferndiagnosen stellen und entblödet sich nicht, Astrologen und Wahrsager zu Quellen zu machen.

"Hure oder Heilige"

Doch das Lächerliche verblasst angesichts des Ärgerlichen: Mortons reißerische Frage, ob Angelina Jolie denn nun "Hure oder Heilige" sei, kann sein Buch nicht beantworten, weil der Autor nie außerhalb dieses mysogynistischen Gegensatzpaares denkt. Zudem liegt der Verdacht nahe, dass er sich von seinen Mitarbeitern alle Klatschartikel seit Beginn der Karriere von Jolie ausdrucken ließ, um sie nacheinander unter jeweils eine dieser Zuschreibungen abzusortieren. Und natürlich hat die "Hure" gewonnen, das Buch soll sich schließlich verkaufen.

Eine Gleichung, auf die Morton immer wieder zurückkommt, ist diese: kaputte Familie (Jolies Mutter, Model Marcia "Marcheline" Bertrand, hat es nie verwunden, dass Jolies Vater, der Schauspieler Jon Voight, sie wegen einer anderen verließ, als Jolie noch ein Baby war) = Verlassensängste, Selbsthass = Männerverschleiß, gestörte Sexualität, Ritzen, Drogen. Gemäß Morton müsste es auf der Welt nur so von Angelina Jolies wimmeln.

Ein Mensch ist mehr als die Summe der Gerüchte

Nach etwa 400 Seiten - vollgestopft mit Anekdoten und Gerüchten zum Thema "Hure" (wobei sogar die gern zitierte Männerliste genau betrachtet größtenteils Spekulation bleibt) - schafft Morton gerade noch den U-Turn zur Schlussgeraden, um doch noch die Heilige unterzubringen. Jolie, die Hilfsbedürftigen Millionen von Dollar spendet, die unermüdlich in die Krisengebiete der Welt reist und unerwartet gewandt mit Staatsmännern und Experten diskutiert. Allerdings tut Morton das nur, um noch effektvoller zur "Hure" zurückzukehren: Es sei doch völlig klar, dass Jolie versuchen werde, sich Johnny Depp zu schnappen, mit dem sie gerade für "The Tourist" vor der Kamera stand.

Am Ende der Lektüre von Mortons Buch steht vor allem eines fest: Ein Mensch ist mehr als die Summe der Gerüchte, die über ihn kursieren. Das müssen jetzt nur noch Leute wie Andrew Morton begreifen.

Aber was macht eigentlich Jolie, das Objekt der Begierde? Zum Glück weiter mit dem, was sie will. Derzeit ist die 35-Jährige auf Werbetour für ihren neuen Film "Salt". Ein Agententhriller, der eigentlich für einen männlichen Helden geschrieben wurde.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla Bruni-Sarkozy, Michelle Obama und Co: Wo Promis 2010 Urlaub machen"