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Neuer Roman "Limit" von Frank Schätzing: Eine quälend langsame Reise zum Mond

"Der Schwarm" war ein Mega-Bestseller. Jetzt kommt Frank Schätzings neuer Roman "Limit", der bereits 350.000 Mal vorbestellt wurde. Ein Schätzing-Fan hat das Buch gelesen. Es war keine Freude.

Von Tobias Schmitz

Er hatte mich ziemlich schnell auf seiner Seite. Und das nicht nur mit diesem Monstrum von Buch, mit diesen eintausend Seiten über das Meer, das sich gegen die Menschheit erhebt. Das war 2004, als "Der Schwarm" erschien. Jenes Buch, das sich allein als Hardcover mehr als 900.000 Mal verkaufte und Frank Schätzing - nicht nur ein guter Autor, sondern auch ein brillanter Vermarkter seiner Ideen - zum mehrfachen Millionär machte.

Ich mag auch den Menschen Frank Schätzing - seit ich ihn vor fünf Jahren für ein Interview zum "Schwarm" in seiner Kölner Dachgeschosswohnung besucht hatte. Nach nicht einmal 15 Minuten wusste ich: guter Typ! Mir gefiel seine Selbstsicherheit, die nie ins Arrogante verfiel, sein Humor, seine Offenheit. Vor allem imponierte mir, wie Frank Schätzing mit fast kindlicher Begeisterung von seinem Buch erzählte. Wie er mir die Batterie weißer Aktenordner zeigte, in denen er die Recherchen zum "Schwarm" mit wissenschaftlicher Akribie archiviert hatte. Es war, als zeige mir ein kleiner Junge mit leuchtenden Augen sein neues Spielzeug.

Der Erdtrabant als Energielieferant

So wurde ich zum Schätzing-Fan. Und empfand es als Privileg, vorab sein neues Buch "Limit" lesen zu dürfen, das vor Erscheinen schon mehr als 350.000 mal vorbestellt worden war und für den Verlag Kiepenheuer & Witsch die wohl wichtigste Veröffentlichung des Jahres ist. 1328 Seiten diesmal. Es verwirrt mich, froh darüber zu sein, sie hinter mir zu haben. Wieso empfand ich die Lektüre von Schätzings Opus Maximum über weite Strecken als Arbeit und nicht als Vergnügen?

Vielleicht, weil Schätzing in "Limit" allein vom Umfang her an die Grenzen dessen geht, was er zu erzählen imstande ist. Weil er für seine große, riesenhafte Geschichte über mehrere hundert Seiten einen so langen Anlauf nimmt, dass die Spannungsbögen irgendwo im Weltall verschwinden, und ich als Leser der Handlung nicht mehr folgen mag. Auch nach über 300 Seiten hatte ich für "Limit" kein Gefühl. Weder für das Ziel der Story, die sich in äußerstem Detailreichtum für mich quälend langsam fortentwickelt, noch für die vielen, vielen Personen, die an dieser Reise ins Ungewisse teilnehmen.

"Limit" spielt in der nicht mehr fernen Zukunft der Jahre 2024 und 2025. Es geht um die Ausbeutung des Mondes als Rohstoffquelle. Dort wird Helium 3 (gibt es wirklich!) abgebaut, das vom Weltraum auf die Erde mittels eines Aufzugs transportiert wird, der an einem rasierklingendünnen Seil befestigt ist. Science Fiction eben. Prominente Menschen jedenfalls reisen im Aufzug ins All und in ein Mondhotel, in dem man unter anderem Tennis spielen kann. Dort angekommen droht die Gefahr - in Gestalt einer geklauten Atombombe, die zuvor, getarnt als Satellitenfracht, vom Territorium eines afrikanischen Schurkenstaates dorthin befördert worden war.

Tokio Hotel rocken als Mittdreißiger die Bühne

Auf dem Mond geht dann alles schief: Es brennt, qualmt und der Sauerstoff wird knapp. Dazwischen führt mich Schätzing - zweiter großer Handlungsstrang - nach China, wo ein Privatdetektiv eine junge, attraktive Dissidentin sucht. Er findet sie, beide überleben Mordanschläge, nach ungefähr 700 Seiten kommt diese Mond-Sache ins Spiel, und noch immer ist der wahre Feind nicht enttarnt: Ist es China, die CIA oder ein ominöser Geheimbund?

Viele Menschen sterben jedenfalls. Und viele Seiten beschriftetes Papier führen zu einer Auflösung, die viel, viel unspektakulärer ist als der irrsinnige Einsatz von Technik, mit dem der verspielte, fantasiebegabte große Junge Frank Schätzing sein selbst geschaffenes Universum ausgerüstet hat: Es gibt senkrechtstartende Flugtaxis, fliegende Autos, Helden und Schurken verfolgen sich auf fliegenden Motorrädern, Fahrzeuge ändern auf Knopfdruck ihre Größe und Gestalt. Menschen tragen Brillen mit eingebauten Personen-Scannern, erscheinen einander als Holografien in 3D-Technik oder werden gleich ganz durch sprechende Computer ersetzt. Das Wissen der Welt ist in zuckerstückähnlichen "Gedächtnis-Kristallen" abgelegt, Sitzmöbel bestehen nicht mehr aus Kissen oder Matratzen, sondern aus mit Nanorobotern gefüllten Elementen.

All das darf und soll und muss Science Fiction dürfen. Wie aber Schätzing seine Zukunftswelt immer wieder mit der Gegenwart des Jahres 2009 koppelt, wirkt auf mich unglaublich bemüht: In der Welt der Jahre 2024/2025 mit ihren fliegenden Motorrädern und Menschen, die bei Psychologiecomputern seelischen Beistand suchen, treten Tokio Hotel und der hochbetagte David Bowie auf. Und man geht in Berlin noch immer ins "Borchardt", um ein Schnitzel zu essen.

"James Bond"-Skript als Vorlage?

Die China-Story und die Mond-Story wären eigene Bücher. So wie Schätzing sie zusammenführt, wird die Geschichte unübersichtlich, entwickelt sich das Drama in zu kleinen Schritten. Lasse ich mich auf Schätzings Mondfantasien ein, gerät mir sein China-Plot aus dem Blick, bin ich gerade halbwegs wieder in China angekommen, werde ich zurück auf den Mond geschossen.

Und immer wieder bremsen Einschübe, psychologische Betrachtungen, Vermittlung von Wissen à la Volkshochschule über Siedepunkte, Temperaturverhältnisse und anderes meine Neugierde. Immer wieder Längen. Ich ertappte mich beim Überblättern, sprang zurück, nahm wieder Anlauf, überblätterte erneut. Das kannte ich schon von früher, als ich beim "Schwarm" manch Passage überflüssig fand. Bei "Limit" waren es noch viel mehr. Und diese Längen waren es, die mir die Lektüre so schwer machten.

Bis Schätzing mich wirklich packte, vergingen 500 Seiten. Da genoss ich eine rasante Verfolgungsjagd in einer chinesischen Industriebrache, die der Autor mit ebenso brillantem Timing erzählte wie viele Seiten später ein Showdown auf der Berliner Museumsinsel. Das Finale auf dem Mond wirkte dagegen wie ein längst bekanntes James Bond-Script, wie "Moonraker" reloaded. Danach: Noch ein Finale. Wieder Psychologie. Geplänkel. Und noch ein Finale. Und die Auflösung. Und das Ende. Ich stelle mir vor, es hätte jemand gewagt, den überbordenden Erfindungsreichtum Frank Schätzings in etwas geordnetere Erdumlaufbahnen zu lenken. Ich stelle mir vor, ich wäre Schätzing-Fan geblieben.