PAULO COELHO Der gute Mensch aus Rio


Mit seinen Romanen, die eher Lebensratgeber sind, macht Paulo Coelho Millionen. Einen großen Teil davon stiftet er für brasilianische Straßenkinder.

Mit der Geschichte eines andalusischen Hirten, der auf der Suche nach einem Schatz im fernen Ägypten den Schatz des Lebens entdeckt, wurde Paulo Coelho weltberühmt. Elf Millionen Mal verkaufte sich »Der Alchimist«. Mit einer Gesamtauflage von 31 Millionen Exemplaren und Übersetzungen in 45 Sprachen wurde der Brasilianer so etwas wie ein Weltschriftsteller. Sein neues Buch »Der Dämon und Fräulein Prym« ist auf tragische Weise aktuell: Es erzählt von einem verstörten Mann, der durch Terrorangriffe seine Familie verliert und selbst zu einem Rachefeldzug aufbricht.

Herr Coelho, können Sie erklären, warum die halbe Welt Ihre Bücher - frei nacherzählte Legenden und Märchen - verschlingt?

Nein, und ich frage auch nicht danach, das wäre ja wie das Suchen nach einer Formel. Wenn ich das wüsste, würde ich das Wichtigste verlieren, das ein Autor besitzt: die Naivität, die Freiheit des Schreibens. Wenn man zu viel weiß, endet die Magie.

In Ihren Büchern erzählen Sie von Menschen, die »auf der Suche« sind, beschreiben das Leben als einen »Pilgerpfad«, das klingt alles sehr altmodisch. Halten Sie sich für einen modernen Menschen?

Natürlich. Ich benutze alle Werkzeuge der Moderne. Ich schreibe meine Texte auf dem Computer, habe eine Website, meine Kolumnen gehen täglich via Internet an Dutzende von Zeitungen, und ich unterhalte mich mit meinen Lesern via E-Mail.

Was sind Sie, ein Romanautor, ein Geschichtenerzähler?

Was ich gelernt habe im Leben, habe ich aus Geschichten gelernt und nicht aus theoretischen Texten oder Essays. Und so sind denn auch meine Bücher eine gigantische Kollektion von Geschichten geworden, viertausend habe ich schon geschrieben.

Es steht in der Macht jedes Einzelnen, sein Leben zu ändern, haben Sie immer wieder geschrieben. Glauben Sie daran wirklich?

Ich glaube jedes Wort, das ich geschrieben habe.

Sagen Sie mal jemandem in einem Slum in Rio, dem Mitglied einer Familie zum Beispiel, in der die Mutter Alkoholikerin ist, der Vater arbeitslos und die Kinder Drogen nehmen, dass es nur auf ihn selbst ankommt.

Diese Art von Misere gibt es doch überall, zerstörte Familien sind kein Privileg der Armen. Vor ein paar Tagen habe ich mit einer Französin der Oberklasse gesprochen, ihr Vater ist geisteskrank, die Mutter eine Trinkerin.

Versuchen Sie persönlich, etwas gegen diese Misere zu tun?

Fünf Autominuten von hier ist eine Favela, wo es alles das gibt, was Familien zerstört. Und dies ist auch der Ort unserer Stiftung »Meninos da luz« (»Kinder des Lichts«), um die sich vor allem Cristina kümmert, meine Frau. Wir nehmen Kleinkinder auf, betreuen sie, erziehen sie, bis sie volljährig sind. Dreihundert Kinder sind es im Augenblick. Die Kinder haben alles - Essen, Kindergarten, Schule, Erziehung, Sport -, die Eltern können in der Zeit arbeiten gehen.

Die Kinder gehen abends nach Hause?

Ja, es sind keine Waisen, sie haben ein Elternhaus. Die Idee ist, die Kinder zu Erziehern der Erwachsenen zu machen, ihren Einfluss im Elternhaus zu nutzen. Kinder werden mit der Liebe zum Leben geboren, sie sind von Natur aus verantwortungsbewusst, großzügig, lernbegierig. Und die Liebe, die sie bei uns erfahren, werden sie an das Zuhause weitergeben.


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