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Psychologie: Vorsicht, Chill-out-Falle!

Wohlfühlmusik und Lounge-Gesummse soll uns rausbeamen aus unserer Alltagswelt voller Stress und Pflichten. Unser Autor findet: falsch! Wir brauchen dringend Be- statt Entschleuniger.

Von Jochen Siemens

Wabernde Klangsuppen,  denen  wir nicht wirklich  zuhören – das  kann auch in  die Irre führen

Wabernde Klangsuppen,
denen
wir nicht wirklich
zuhören – das
kann auch in
die Irre führen

Es gab mal Zeiten, da war so was ein heißes Datum. Da standen wir Kinderhippies, nachdem wir aufgewacht waren, also mittags, vor unserem Plattenladen. Wir konnten es kaum abwarten, zerknüllte Zehn- oder Zwanzigmarkscheine, aus denen Tabak herauskrümelte, für die neue "Atom Heart Mother", "Meddle" oder "The Dark Side Of The Moon" von Pink Floyd hinzulegen.

Dann gingen wir nach Hause, legten uns wieder hin und hörten die Platten. Mehrmals. War wirklich so, ich war dabei. Heute heißt dieses Datum 7. November und ist mir so was von egal. Da erscheint nach 20 Jahren mal wieder ein Pink-Floyd-Album, das "The Endless River" heißen wird. Es wird musikalisch nicht erwähnenswert sein, weil es aus unveröffentlichten Resten des 20 Jahre alten "The Divison Bell"-Werks zusammengemischt sein wird. Nichts Neues also, "Dudum pleeeuuung"-Gitarrenkitsch von David Gilmour eben, und so überflüssig wie Facebook-Freundschaftsanfragen von Leuten, die in der Schule drei Reihen hinter einem saßen und nun meinen, man sollte sich unbedingt mal wieder hören.

Aber es wird verkaufen, jede Wette. Weil "Endless River" so klingen wird, wie viele um mich herum denken. Um mich herum heißt: Ü 50, Ehepartner, Kind, Hund, Haus, Auto, das ganze Programm, bei manchen größer, bei anderen kleiner, bei mir so mittel. Ich lebe mitten in der Pink-Floyd-Gegend. Nachts, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe, kann ich Pink Floyd sozusagen durch die Fenster sehen, in diesen Ensembles aus Designmöbeln, Induktionsherden, warmem Licht, großen Bildern an den Wänden, Freunden, die zu Lammbraten und Rotwein um Tische sitzen, und SUVs vor der Tür, in denen dann Pink Floyd läuft, wenn es am Wochenende ins Haus aufs Land geht, um Bücher von Paulo Coelho zu lesen.

Hier hört keiner, sagen wir mal, Metallica. Pink Floyd ist die akustische Bestätigung, doch alles richtig gemacht zu haben und angekommen zu sein. Angekommen, denkt man sich mit dem Hund auf der Straße. Und nun?

Wir sind entschleunigt genug

Man könnte Pink Floyd boshaft mit dem weitläufigen Genre der Chill-out-Musik überschreiben, dieser Sorte Sound, die man hört, der man aber nicht zuhört. Weil sie einem so egal ist wie die Duftkerze, Hauptsache, es wabert und duftet etwas im Hintergrund. Und Hauptsache, man fühlt sich: wohl! Heute gehört zu den höchsten Zielen meiner Umgebung, die Ruhe zu kultivieren und die Unruhe zu verteufeln. Entschleunigung, Oasen, zu sich finden, mal die Uhr anhalten, abschalten und ja, auch Tucholsky muss immer wieder herhalten, "die Seele baumeln lassen". Das muss man aber, auch wenn es so friedlich und gesund klingt, nicht mögen. Ich mag es nicht.

Ich mag es so wenig wie Pink Floyd oder irgendein anderes Lounge-Gesummse. Ich bin sogar der Meinung, dass wir nicht Ent-, sondern Beschleunigung brauchen. Viele Probleme, von denen ich jeden Tag in der Zeitung lese, haben damit zu tun, dass gar nicht oder zu langsam, zu langwierig oder zu "sowohl als auch" entschieden wird. Wir schaden uns selbst, wenn wir in Zeitlupe leben wollen. Ich habe Freunde, die um ihren Job fürchten, weil die Firmen, in denen sie arbeiten, den Anschluss verloren, weil sie zu langsam nichts entschieden haben. Die Baustellen auf den Straßen dauern Monate, am Hafen in meiner Stadt steht einer der teuersten entschleunigten Rohbauten, aus dem mal die Elbphilharmonie werden soll. In derselben Stadt hausen Flüchtlinge monatelang in Notquartieren, bis sie endlich in ordentliche Unterkünfte dürfen.

Sie fragen, was hat das jetzt mit Musik zu tun? Eine Menge. Die Musik, die wir hören, egal, ob auf CD, wer das noch tut, bei Spotify oder im Radio, wenn wir lauter stellen, ist das EKG unserer Befindlichkeit. Sie zeigt, was wir denken, oder andersherum, wir hören hin, wenn wir irgendetwas vom Rhythmus in uns selbst finden oder eine gesungene Zeile unsere ist. Musik ist "bestimmte Antworten auf all meine Fragen", wie Gustav Mahler einmal sagte.

Man darf die Macht der Musik nicht abtun, sie ist neben der Malerei das älteste Medium der Kulturgeschichte, sie war das emotionale Feuer aller Umwälzungen und Erneuerungen, bevor es Zeitungen und Fernsehen gab. Und sie war auch das Feuer, das mich, meine Freunde, meine Generation einmal nach vorn katapultierte.

Musik muss einen in den Hintern treten

Die Psychologen Peter J. Rentfrow und Samuel D. Gosling gingen der musikalischen Psyche des Menschen auf den Grund und fanden ein paar feine, aber entscheidende Unterschiede in akustischen Vorlieben. So seien Anhänger reflektiver und komplexer Musik, also die Chiller, intelligent und tolerant und an ästhetischen Erlebnissen interessiert; die Freunde rebellischer Musik dagegen neugierig, risikofreudig und sportlich aktiv, auf Deutsch: ruhelos. Zu einem ähnlichen Befund kam vor ein paar Jahren der britische Psychologe Stuart Cadwallader, der nachwies, dass junge Anhänger von Heavy- Metal-Musik eben nicht tumber, sondern oft intelligenter als ihr Umfeld seien, weil sie Stress mit ihrer Musik besser kompensieren können als etwa Freunde besinnlichen Gitarrenspiels.

Nun mag man sagen, früher war alles anders, und wir waren jung. So wie ein Freund einmal sagte: "Als das erste Kind da war und die Hypothekenraten fällig wurden, war mir nicht mehr nach AC/DC, sondern nach Diana Krall", einer sehr guten, aber irgendwie langweiligen Jazzpianistin. Ich konnte den Mann verstehen, auch ich war schon mit dem Babyfon in der Hand zu irgendeiner Norah-Jones-CD in den Schlaf gedämmert. Wenn das Leben nicht mehr eine Aussicht ungeahnter Möglichkeiten ist, sondern eine Liste von Pflichten, will man sich von der Musik, die man hört und die einen einst gelenkt hat, nicht mehr in den Hintern treten lassen. Man hat wortwörtlich genug um die Ohren. Musik von Metallica passt da nicht mehr hinein.

Dabei ist andersherum alles doch viel sinnvoller. Musik muss einen in den Hintern treten, und sie muss es umso mehr, je wohler man sich fühlt. Wie Stuart Cadwallader sagt, den Krach im Leben übersteht man besser mit Krach im Ohr. Dieser Quatsch der Entschleunigung und die schamanischen Soundschleifen dazu haben doch auch damit zu tun, dass manche nicht lernen wollen, mit der Beschleunigung zu leben. Und die Nestbauer-Landlust-Latte-macchiato- Bewohner schon tot sind, bevor sie sterben, wenn sie in Chill-out-Klangteppichen genauso herumdösen wie zwischen ihren Induktionsherden, Paulo-Coelho-Büchern und Fahrradhelmen.

Und deshalb sollten wir von der Kuscheldecke wieder auf das Nagelbrett wechseln, musikalisch meine ich. Wir waren da schon mal, als wir jung waren – damals, als wir kapierten, dass wir mit Pink Floyd nicht weiterkamen und die Band am eigenen Manierismus zerbrach. Es ist wie morgens unter der Dusche das Wasser auf blaukalt zu drehen. Man mache mal selbst den Versuch, egal, womit, Ramones, Rolling Stones, Eminem, Green Day, The Killers oder, noch früher, Grand Funk Railroad, wirklich ganz egal, Hauptsache, Krawall, Hauptsache, in den Beinen. Und laut.

Ich vergesse nie einen Nachmittag in einem Londoner Kaufhaus, aus den Lautsprechern kam ganz leise "Someone Like You" von Adele, dann drehte es irgendjemand lauter, und alle hörten auf einzukaufen, blieben stehen, hörten zu, sangen leise mit, selbst die Kassiererinnen. Zugegeben, nicht mein Lied, aber die Wucht war sagenhaft. Es war nur Musik. Aber es waren Ausrufe- und nicht Fragezeichen. Wunderbar. Hallo Leben, da bin ich wieder.

Dieser Artikel ist übernommen aus dem stern, Heft Nr. 44

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