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Nachruf

Zum Tod des Schriftstellers: Von Gott einen Pullover leihen? Unmöglich. Erinnerungen an Philip Roth

Glück, Wut, Verzweiflung, Liebe, Sex, meistens alles zusammen: Es gibt in Philip Roths Büchern nur die Vollkommenheit von Lebensbrüchen. Mit 85 Jahren ist der Schriftsteller gestorben. Jochen Siemens traf ihn vor Jahren in New York.

Von Jochen Siemens

Philip Roth

Philip Roth ist mit 85 Jahren gestorben.

DPA

Ich finde diesen kleinen leider nicht mehr. Er wird irgendwo sein, es war einer dieser gelben Post-it-Zettel, schon ein paarmal geknickt und auch verblasst. "P. Roth" hatte er darauf geschrieben, dann eine Postleitzahl und einen Ort auf dem Land, sein Sommersitz und der Ort, an dem er völlig einsam seine Bücher schreibe. Dahin solle ich ihm die stern-Ausgabe schicken, in der das Interview sein werde.

Und dann schrieb er noch einen Satz auf den Zettel: "One page a day", eine Seite am Tag. Das sei seine Regel beim Bücherschreiben, eine Seite am Tag, mehr nicht. Eine Seite sei ein Gedanke, ein Rhythmus eine Geschichte so zu erzählen, dass die Wörter und Sätze nicht nur hintereinander stehen, sondern etwas ergeben, das sich im Kopf des Lesers einnistet, das Denken tränkt und immer dort bleibt.

Jetzt, wenn ich das hier schreibe, nehme ich irgendeines seiner Bücher, "Empörung" zum Beispiel und schlage es irgendwo auf: "Denn die Schwäche anderer Menschen kann dich ebenso besiegen wie ihre Stärke. Schwache Leute sind nicht harmlos. Ihre Schwäche kann gerade ihr Stärke sein", sagt da eine zu ihrem Sohn um ihn vor einer Frau zu waren, die er heiraten will. "Ich bin stolz darauf, dass du ein Gewissen hast, aber dieses Gewissen kann auch dein Feind sein."

Das giftige Wesen der Lüge auf einer Seite

Wenn man, wie ich, Texte schreibt und diesen Moment kennt, dabei steckenzubleiben, das Wort um das es geht, nicht zu finden oder verzweifelt versucht, ein Verb in einem Satz nach vorne zu schieben; wenn es also blockiert, dann gab es immer wieder Momente, ein Philip-Roth-Buch aufzuschlagen um zu sehen, wie er es gemacht hat.

Und das war Masochismus, denn man überlegte, es sein zu lassen und Bäcker oder Koch zu werden. Weil man zwei Seiten brauchte um das zu sagen, was in einem Absatz konnte. Und auch besser. Dabei, er hatte auch nur 26 Buchstaben zur Verfügung. Und mit diesen nur 26 beschreibt er in "Jedermann" das wirklich giftige Wesen der Lüge auf genau einer Seite. Kalt, schneidend und bis heute nicht zu übertreffen.

Februar vor vielen Jahren in New York, nachmittags, 15 Uhr bei Philip Roth. Auf dem Weg zu ihm ein Wolkenbruch, kein Schirm dabei, pitschnass. Es ist seine Stadtwohnung, ein Studio, zwei Zimmer, ein Hometrainer, ein Schreibtisch, eine kleine Küche. Philip Roth öffnet, sieht einen an und holt ein Handtuch. "Wollen sie einen trockenen Pullover oder sowas?" Nein, danke, geht schon. 

"Es ist Literatur"

Unvorstellbar, sich von Gott einen Pullover auszuleihen. Er macht Kaffee, in Bechern, schwarz und stark. Und sitzt vor einem, sehr konzentriert, die Augen blicken intensiv. Es war ziemlich sinnlos mit Philip Roth über die Interpretation seiner Bücher zu sprechen oder ihn zu fragen, was er hiermit oder damit sagen wollte. "Nichts", meinte er, "es ist ." Es sei das, was er an anderen Menschen beobachte und an ihnen spüre.

Glück, Wut, Verzweiflung, Liebe, Sex, meistens alles irgendwie zusammen, es gibt in Roths Büchern nur die Vollkommenheit von Lebensbrüchen und es wird selten laut gelacht. Leise schon, denn auch in der unausgesprochenen Ironie war er ein Weltmeister. Ich habe mir unser Gespräch jetzt noch einmal angehört, es ist auf einer Tonbandcassette, der Ton schon schrammelig, aber man hört immer noch die Entschlossenheit eines Burgherren, seine Burg, die Literatur, zu verteidigen.

Ob denn sein Buch "Mein Leben als Sohn" einerseits die Bewältigung des Todes seines Vaters gewesen sei; andererseits aber auch ein kolossales Porträt des Altwerdens ist, war so eine Frage. "Das weiß ich nicht, deshalb habe ich es nicht geschrieben. Literatur sollte nicht stellvertretend sein, sie sollte nicht etwas anderes sagen wollen, als sie sagt. Dann wird sie unscharf."

Philip Roth konnte irritierend persönliche Fragen stellen

Wir sprachen eineinhalb Stunden, genau die Tonband-Cassette lang. Es wurde auch ein persönliches Gespräch. Philip Roth erforschte mich, er konnte irritierend persönliche Fragen stellen, fast wie ein Therapeut. Aber man konnte auch sehr persönlich zurückfragen, die Antworten waren aber immer literarische. Oder besser gesagt, er konnte sich selbst als literarische Figur erzählen, so wie sein Held vieler Bücher, Nathan Zuckermann.

Heute kommt mir das Gespräch mit ihm wie einer der Dialoge mit Zuckermann vor, der eigentlich Philip Roth war, so wie Goethe auch sein Werther war, Literatur eben. Roth war groß und seine Stimme war deutlich und jedes Wort präzise, kein einziges "äh". Und ja, er schreibe seine Bücher mit der Schreibmaschine, das habe den Vorteil, Wörter und Sätze vorher genau zu überlegen und nicht, wie mit dem Computer, sie einfach erstmal hinzuschmeißen und dann wieder wegzuschmeißen. Schreiben, aber so hat es Roth nicht formuliert, hatte für ihn noch etwas mit Gebären zu tun, aber wie gesagt, bestimmt nicht seine Worte, jedwedes Feminine im Empfinden war nicht seines.

Das tägliche Spiel oszillierender Dualitäten

2012 hatte Roth erklärt, dass er keine weiteren Bücher mehr schreiben wolle, er habe das Gefühl, seine besten Arbeiten getan zu haben, alles was noch kommen könne, würde sicher schwächer sein. Es hat unter den vielen Roth-Büchern schon ein paar schwache gegeben, "Nemesis", sein letztes gehört dazu. Wie immer großartig erzählt wirkt es ziellos, ich haben keinen Satz gefunden, den ich aufbewahren wollte. Den Literatur-Nobelpreis, den er längst und lange und mehrfach verdient hätte, hat er nie bekommen. Was ihn aber auch nicht interessierte.

Anfang des Jahres wurde Roth gefragt, woran er denke, wenn er auf die Jahre als Schriftsteller zurückblicke und die Antwort war wieder ein Philip Roth, der aus 26 Buchstaben sowas herausholt: "Heiterkeit und Geächze. Frustration und Freiheit. Inspiration und Unsicherheit. Überfluss und Leere. Entflammt voranschreitend und sich durchwurstelnd. Das tägliche Spiel oszillierender Dualitäten, das jedes Talent aushält - und auch eine enorme Einsamkeit. Und die Stille: 50 Jahre in einem Raum so still wie der Boden eines Pools, in dem ich mir, wenn alles gutging, mein tägliches Minimum an brauchbarer Prosa erkämpfte." Eines hatte er vergessen: One page a day.


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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo