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Sprachkolumne "Man spricht Deutsch": Worte auf Wanderschaft

Auch in der Sprache ist Deutschland Exportweltmeister: Rund 10.000 deutsche Wörter werden weltweit verwendet, darunter Klassiker wie "Kindergarten" und "Autobahn". In der stern.de-Sprachkolumne "Man spricht Deutsch" stellt Sven Siedenberg die spannendsten Auswanderer vor.

"Ich spreche Spanisch mit Gott, Italienisch mit den Frauen, Französisch mit den Männern und Deutsch mit meinem Pferd." Das hat nicht Joseph Ratzinger und auch nicht John Wayne gesagt, sondern der ebenso bibel- wie sattelfeste römisch-deutsche Kaiser Karl V., dessen Reich sich bis zu den spanischen Kolonien in Amerika erstreckte.

Damals, vor gut 500 Jahren, haftete dem Deutschen in den Nachbarländern noch der Stallgeruch einer bäuerlichen, ungeliebten Sprache an. Erst mit Luthers Bibelübersetzung und später mit Goethes Schaffenskraft fand die Sprache auch internationale Anerkennung.

Selbst in Europa nur Nebensprache

Deutsch, die Sprache mit den paarungswilligen Substantiven und trennfreudigen Verben, wäre einem an Stammtischen immer wieder gern kolportierten Gerücht zufolge in den Vereinigten Staaten Ende des 18. Jahrhunderts beinahe Landes- und damit Weltsprache geworden. Doch das gehört ins Reich der Mythen: Nie wollten die Amerikaner dem Deutschen mehr zubilligen als den Rang einer Minderheitensprache. Selbst in der EU ist Deutsch nur eine von 23 den Amtssprachen, wichtige Brüsseler Dokumente werden bis heute nur ins Englische und Französische übersetzt.

Trotzdem sind geschätzte 10.000 deutsche Sprachexporte international in Umlauf. Amerikaner treffen sich zum "Kaffeeklatsching", Briten lieben die "Wanderlust", Franzosen diskutieren über den "Börsenkrach" und "Übermenschen", Japaner "jodeln", Russen essen "Butterbrot", Schweden rümpfen die Nase über die "Besserwisser", Türken rasen auf der "Autobahn", Australier trinken "Lagerbier" und haben anschließend "Katzenjammer".

Oft dauert es Jahrzehnte

Nicht immer lässt sich genau ermitteln, wann und über welche Grenze die Exportschlager einmal ausgewandert sind. Oft dauert es viele Jahrzehnte, bis ein Wort auch schriftlich in der neuen Sprachheimat angekommen ist. Oft nimmt es mehrere Wege, und oft verwandelt es sich auch - aus Pudel wird "Franse poedel", aus Schnorchel wird "Snorkkeli", und aus Christkind wird "Kriss Kringle".

Angesichts solcher Perlen des Schönklangs und Tiefsinns war der badische Schachmeister und Esoteriker Emil Josef Diemer (1908-1990) davon überzeugt, im Himmel werde Deutsch gesprochen. Und zumindest für Gottes Stellvertreter auf Erden stimmt das ja schon mal.

Ab morgen beginnt auf stern.de eine Serie, in der wir die Geschichte von ausgewanderten Wörtern erzählen.