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Stephen King: "Bush hat mich das Fürchten gelehrt"

In fast jedem Haushalt steht ein Buch von ihm, aber kaum einer kennt sein Gesicht. Im stern.de-Interview spricht Stephen King über sein neues Buch "Love", aufdringliche Fans - und seine schlimmste Horrorvorstellung.

Eigentlich hasst Stephen King Vorlese-Reisen, die langen Warteschlangen und kreischenden Fans. Er sei doch kein Rockstar, sagt er, und der ganze Trubel um seine Person erinnere ihn zu sehr an die Panik, wenn ein Monster wie Godzilla durch eine Großstadt stampfe. Doch für sein neues Buch "Love" machte er eine Ausnahme, las vor tausenden Zuhörern in London und stellte sich den Fragen der Journalisten im altehrwürdigen "Club der Auslandspresse".

Mr. King, was ist das Besondere an Ihrem neuen Buch?

Es ist einfach das Beste, was ich jemals geschrieben habe. Es kommt direkt aus meiner Seele. Wenn ich schreibe, dann sind alle Bücher wie meine Kinder. Und es gibt welche, die du sehr liebst, obwohl du weißt, dass sie nicht perfekt sind. Aber als ich mit "Love" am Schreibtisch saß, war es anders: Die Ideen wurden immer besser, meine Sprache immer präziser. Es war großartig. Und das wollte ich die Welt wissen lassen.

Was ist die wichtigste Idee, die Sie in diesem Buch verarbeiten?

Als ich nach meinem Unfall vor sieben Jahren mit einer schweren Lungenentzündung und mehreren Knochenbrüchen im Krankenhaus lag, dachte ich an die Ehefrauen, die fast unsichtbar hinter den berühmten Männern, den Autoren, Politikern und Künstlern, stehen. Ich dachte an die Frau von Robert Louis Stephenson, die als erste von ihm sein Manuskript "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" vorgelesen bekam - und die über diesen Text so schockiert war, dass sie ihn in den Kamin warf. Stephenson schrieb die Geschichte neu. Und wir werden nie wissen, ob die erste Version besser oder schlechter war. Mir ging es um das Leben dieser Frauen, die einen solchen Einfluss haben.

Wie viel steckt denn von Ihrer Frau Tabitha im Charakter von Lisey, der Protagonistin in dem Buch?

Als ich Tabby "Love" vorlas, war sie zunächst sehr ruhig. Und dann sagte sie: Sie werden alle glauben, dass das Buch von uns handelt. Und ich habe ihr versichert, dass ich klarstellen werde, dass es keine Autobiografie ist. Aber natürlich glaubt nun jeder, er lese in dieser Geschichte von Lisey und ihrem Schriftsteller-Gatten Scott über unsere Ehe. Und natürlich sind Teile meines Lebens in das Buch eingeflossen. Auch ich lese meine Manuskripte meiner Frau vor. Und Scott hat ein Arbeitszimmer, das meinem eigenen sehr ähnelt. Meine Frau hat die Teppiche und Regale während meines Krankenhausaufenthaltes reinigen lassen. Als ich nach Hause kam, war mir das leere Zimmer unheimlich. Aber noch unheimlicher war der Gedanke daran, was passieren wird, wenn ich irgendwann sterbe. Dann muss Tabby auch meine Schreibtisch-Schubladen aufräumen, mit all den angefangenen und fertigen Manuskript-Seiten. All diese Gedanken sind auch in das Buch eingeflossen. Aber Lisey ist nicht meine Frau. Meine Frau hat drei Kinder geboren, sie hat selbst sechs Bücher geschrieben. Lisey lebt nur durch ihren Mann. Das ist ganz anders.

Sie haben oft erzählt, wie Ihre Frau Ihr erstes Manuskript "Carrie" aus dem Mülleimer gefischt hat - und so ihre Karriere als Schriftsteller begann. Wie viel Einfluss hat Ihre Frau auf Ihre Bücher?

Sie hat einen großen Einfluss. Die Szene, in der Carrie beispielsweise die ganze Turnhalle in Brand setzt - das war die Idee meiner Frau. Ich wusste damals nicht, wie ich Carrie in einer Turnhalle größeres Unheil anrichten lassen konnte. Und während wir zu zweit in der Badewanne lagen, hat meine Frau vorgeschlagen, dass Carrie die Wasserleitungen in der Wand zum Platzen bringen könnte, sodass Kurzschlüsse in den Verstärkern den Brand auslösen. So habe ich dann die Turnhalle niederbrennen lassen. Meine Frau ist eine Art Architektin für einige meiner Bücher.

Ihr neues Buch handelt von der Liebe - ist es trotzdem ein typischer Stephen-King-Roman?

Mein Job ist es, den Leser mit meinem Buch auf einen Flug von London nach New York zu schicken - und dieser Leser sollte traurig sein, wenn das Flugzeug landet und er aufhören muss zu lesen. Ich habe gewonnen, wenn er nachts glaubt, etwas unter dem Bett gespürt zu haben. Aber ich habe mich nie nur als Horror-Autor gesehen. Als Schriftsteller möchte ich die Gefühle der Leser manipulieren. "Love" soll den Leser anrühren, ihn traurig machen. Es ist ein Buch der Gegensätze: Wo es Liebe gibt, existieren auch dunkle Seiten, gibt es Abhängigkeit. Von daher steht die Geschichte sehr stark in der Tradition meiner Bücher.

Im Buch kämpft Scott mit verrückten Fans. Er wird am Ende sogar von einem Fan erschossen. Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Ich glaube, jeder, der berühmt ist, kennt diese Menschen. Bei mir hat ein Mann kurz nach dem 11. September 2001 ein Paket auf der Türschwelle abgestellt - und als die Polizei es in die Luft gesprengt hat, ist mein Buch "Es", das darin versteckt war, als Konfetti über die ganze Straße geflogen. Ein anderes Mal hat meine Frau einen Mann in unserer Küche angetroffen, der ein Paket in der Hand hielt und fragte: "Wo ist er?" Sie ist rückwärts aus der Küche heraus geschlichen, und hat die Polizei gerufen. Das Paket war voller Stifte. Also, es gibt sehr viele Verrückte da draußen.

Was ist Ihre schlimmste Horror-Vorstellung?

Das Unheimlichste in meinem Leben war bis gerade George W. Bush. Ich bin unglaublich erleichtert, seitdem ich den Ausgang der Kongresswahlen erfahren habe und noch mehr, seit ich vom Rücktritt des Verteidigungsministers Donald Rumsfeld weiß. Der kindische Glaube von Bush an seine Gottgesandtheit - das hat mich wirklich das Fürchten gelehrt. Und ich kann noch immer nicht glauben, dass jetzt wohl endlich die Zeit für eine Art Heilung in Amerika gekommen ist.

Haben Sie bereits Pläne für neue Bücher?

Ich habe gerade ein Manuskript von 1973 in einer Kiste gefunden - noch geschrieben auf einer alten Schreibmaschine, die meine Frau in die Ehe mitgebracht hat. Sie hat damals immer Witze darüber gemacht, dass ich sie nur wegen dieser Schreibmaschine geheiratet habe. Auf jeden Fall ist dieses Manuskript eine sehr spannende Verbrechens-Geschichte aus meiner Bachman-Serie mit dem Namen "Blaze". Und diese Geschichte werde ich jetzt überarbeiten.

Interview: Cornelia Fuchs

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo