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Ulf Poschardt über "DJ Culture": "Ich wollte Nachtleben und Tagestudien zusammenbringen"

Bevor er als Journalist Karriere machte, schrieb Ulf Poschardt mit "DJ Culture" ein Standardwerk über die Musikszene, das jetzt neu aufgelegt wird. Im Interview spricht er über seine musikalische Sozialisation, Irrtümer und eine besondere Pointe.

Ulf Poschardt

Dr. Ulf Poschardt ist stellvertretender Chefredakteur der "Welt"-Gruppe

Wer sich in den 90er Jahren für Musik interessierte, kam an diesem Buch nicht vorbei: "DJ Culture", Ulf Poschardts Dissertation, war damals Pflichtlektüre für alle Studenten und Großstadtmenschen, die mehr über den Sound der Gegenwart erfahren wollten. Der heutige stellvertretende Chefredakteur der "Welt"-Gruppe beschreibt darin den Aufstieg des Discjockeys vom reinen Plattenaufleger bis hin zum eigenständigen Künstler und Fortschrittsträger der modernen Musik, der Musikstile wie HipHop, House, Techno oder TripHop entwickelte. Zum 20-jährigen Jubiläum bringt der Verlag Klett Cotta das Buch neu heraus, um ein Nachwort von DJ Westbam ergänzt.


Herr Poschardt, Sie haben vor 20 Jahren Ihre Dissertation über das Thema DJ Culture geschrieben. Woher kam das Interesse - von der akademisch-theoretischen Seite, oder aus der gelebten Subkultur-Erfahrung?
Beides. Was man dem Buch hoffentlich anmerkt, ist eine Fasziniertheit von zwei Seiten. Das eine ist das Thema selbst: der Discjockey, analysiert und theoretisiert von jemandem, der viel ausgegangen ist. Als Popnerd und Philosophiestudent hatte ich den Eindruck, hier findet in der Musik ein Paradigmenwechsel statt. Da ich nicht nur ausgegangen bin, sondern am Tag auch wie besessen gelesen und Philosophie studiert habe, wollte ich Nachtleben und Tagestudien in einer neuen Art von Intellektualität und Gedankenführung zusammenbringen.

Sie haben dann bei dem berühmten Medientheoretiker Friedrich Kittler promoviert. Wie kam es dazu?
Kittler wollte damals keine Doktoranden mehr annehmen, weil er so überflutet war von der sogenannten "Kittler-Jugend". Ich bin dann nach Bochum gefahren und habe ihm gesagt: "Ich weiß, Sie nehmen keine Doktoranden mehr, aber Sie haben in Ihrem Buch 'Film Grammophon Typewriter' etwas über DJs  geschrieben, das falsch ist. Ich erkläre in meiner Dissertation, warum es falsch ist." Daraufhin nahm er mich an.

Mitte der 90er Jahre, als Ihr Buch erschien, sah es tatsächlich so aus, als habe die neue Kultur das Konzept von Gitarrenbands abgelöst. Sie schreiben: "Der DJ Culture gehört die Zukunft der Popmusik". Doch dann kamen Britpop und die US-Band The Strokes - und brachten ein Revival von Gitarrenmusik. Warum ist es anders gekommen?
Es ist gekommen, wie ich gedacht habe. Das ist eine ganz logische dialektische Schwingung: Nach einer so disruptiven Digitalisierung durch Künstler wie M/A/R/R/S mit "Pump up the Volume" oder Jeff Mills muss es auch den Pendelschlag in die andere Richtung geben. Es ist sehr bezeichnend: Je zukünftiger die elektronische Musik wurde, umso historistischer klang die Gitarrenmusik. Die Strokes lärmen und sehen aus wie eine Garagenband aus den späten 60er Jahren. Neben diesem historistischen Trend gab es eine zweite Richtung, eine, die Scheinehen eingeht: Crossover-Geschichten wie Limp Bizkit, Anthrax oder Linkin Park. Eine genuin neue Art von Gitarrenmusik ist aber nicht mehr aufgetaucht.

Aber ist diese Retromanie nur ein Phänomen in der Gitarrenmusik - oder ist nicht auch die elektronische Musik davon betroffen?
Westbam schreibt im Nachwort zur Neuauflage des Buches sehr ketzerisch: 1995 war die Kulturgeschichte der DJ Culture beendet. Danach gab es als Neuerung nur noch Dubstep und die Wirtschaftsgeschichte der DJ Culture. Ganz so krass würde ich es nicht sehen. Ich finde die ganzen Hybride, die entstanden sind, spannend. Gitarrenbands, die wie Hercules and Love Affaire mit Acid-House experimentieren. Oder Hot Chip, die einen Weg zwischen Gay Disco, Pop und Dance gehen. Die Art und Weise, wie Timbaland den HipHop weiterentwickelt hat, oder Pharrell Williams. Aber ich gebe Ihnen recht: Nach House, Techno, HipHop und dem weiten Feld Electro ist jetzt nicht nochmal etwas ganz Neues hinzugekommen.


Ist die Fortschrittsgeschichte der Musik also vorbei?
Nein, DJ-Musik bleibt eine Art Fortschrittstreiber. Vielleicht entsteht in dem Moment, wo wir gerade reden, etwas ganz Neues. Der Grund, das Buch "DJ Culture" nach 20 Jahren wieder aufzulegen, war: Es hat erstaunlicherweise gar nicht so viel an seiner Gültigkeit verloren.

Ist Musik vielleicht gar nicht mehr das Hauptmedium, in dem sich die Minderheiten ausdrücken, die für die DJ Culture laut Ihrem Buch ganz entscheidend sind? Vielleicht sind sie in die digitalen Medien abgewandert.
Als ich das Buch geschrieben habe, gab es kein Internet. Natürlich hat das extrem viel verändert. Andererseits hat jeder CSD, jeder Autonomen-Umzug, eine musikalische Begleitung zumiest mit beeindruckender Bassline. Diese Funktion ist nach wie vor da. Aber das Emanzipationspotenzial der Gruppen, die Techno und Love Parade und Gay Parade genutzt haben, ist geschrumpft. Jeder hat sich dran gewöhnt. Die CDU fährt mit dem größten Wagen auf dem CSD zu Technomusik, da ist es schwer von Underground oder Subkultur zu reden.

Gruppieren sich heute Subkulturen nicht mehr in erster Linie um Musik?
Heute ist es mikropolitischer. Die in Deutschland noch uneingelöste Emanzipationsfrage ist: Wie geht radikale Individualität? Wie geht maximale Unangepasstheit? Was hat das mit Verantwortung fürs  eigene Leben und für andere zu tun? Nach wie vor ist das Nachtleben eines der wichtigsten Sozialisationsumfelder für Jugendlichen in der westlichen Welt. Ich, zum Beispiel, bin mehr durch mein Nachtleben geprägt worden als durch meine akademische Karriere.

Sie selbst verorten sich in Ihrem Buch folgendermaßen: "Ich bin männlich, heterosexuell und links." Würden Sie sich heute noch so beschreiben?
Nein. Männlich und heterosexuell bin ich noch immer. Ansonsten hat sich doch einiges geändert. Ich habe Anfang der 90er Jahre in New York einschneidende Erfahrungen gemacht: Ich war Zeuge einer durch AIDS verwüsteten schwarzen Schwulenkultur und plante die Diss als Rodney King Opfer rassistischer Polizeigewalt wurde. Damals war dieses zum Teil Hardcore-marxistische Theoretisieren richtig. Heute würde ich mich eher als einen klassischen Liberalen verstehen. Ich hab aber kein Problem mit dem Buch und fände es auch albern, nachträglich meine Haltung umzuschreiben. Die Parteinahme für Minderheiten wollte ich nicht durch eine kühle, erwachsene Liberalität austauschen. Mein Buch kündet von Zuversicht, und ich finde, das linke Pathos macht das Buch nach wie vor so lesenswert. Es ist ein historisches Buch und gleichzeitig ein Zeitdokument.

In Ihrem Buch ist viel von gesellschaftlichem und musikalischem Fortschritt die Rede. Glauben Sie heute noch an den Fortschritt?
Ja klar, das sieht man insbesondere an der technologischen Entwicklung der letzten 20 Jahre. In der Musik aktuell müsste ich sehr genau hinsehen. Aber der Fortschritt rennt ja nicht immer gleich schnell. Vielleicht hat er einen derartigen Speed gehabt in den 20 Jahren, die ich im Buch beschreibe, dass er sich danach zum Kräftesammeln hinsetzen muss. Es gibt stets Phasen, wo ganz viel passiert, und Momente, wo es ruhig wird. Ich bin mir sicher: Es wird irgendwo anders weitergehen. Im Augenblick wüsste ich nicht, wie ich es fortschreiben würde.

Hätten Sie sich 1995 vorstellen können, dass Sie mal zeitweise Herausgeber von "Metal Hammer" werden?
Nein. Das ist eine sehr witzige Pointe. Wobei ich Metal immer interessant fand. Ein Konzert von Napalm Death kann einen genauso weghauen wie ein verrückter Abend mit den DJs von Undergorund Resistance im Tresor.  


"DJ Culture" ist bei Klett-Cotta erschienen, enthält 559 Seiten und kostet 26,95 Euro.

Interview: Carsten Heidböhmer
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