HOME

Weiter massive Kritik am Nobelpreisträger: Grass relativiert seine Israel-Kritik

Günter Grass rudert in der Debatte um sein Israel-Gedicht zurück. Er habe die aktuelle Regierung, nicht das Land anprangern wollen. Der Historiker Raphael Gross nennt Grass' Lyrik einen "Hassgesang".

Nach massiver Kritik hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass Formulierungen in seinem Israel-Gedicht relativiert. "Ja, ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden", antwortete Grass in einem Interview auf die Frage, ob er den Text inzwischen anders schreiben würde. Zudem würde er nun deutlicher machen, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung von Benjamin Netanjahu wende, sagte er der "Süddeutschen Zeitung" weiter.

"Die kritisiere ich", konkretisierte Grass das Ziel seiner Angriffe. "Eine Politik, die gegen jede UN-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert." Netanjahu sei nach seiner Einschätzung der Mann, der Israel zurzeit am meisten schade, "und das hätte ich in das Gedicht noch hineinbringen sollen", sagte der 84-Jährige.

Netanjahu gehört zu den schärfsten Kritikern des Textes, in dem Grass Israel wegen eines drohenden Militärschlags gegen den Iran eine Gefahr für den Weltfrieden nennt. Der Ministerpräsident warf Grass vor, die Verhältnisse zu verdrehen. Nicht der jüdische Staat, sondern der Iran bedrohe mit seinem Atomprogramm den Weltfrieden, sagte Netanjahu am Freitag. Auch Politiker von Union, SPD und Grünen hatten sich empört über die Aussagen von Grass geäußert.

Intellektuelle kritisieren Grass massiv

Aller Relativierung zum Trotz hat der Schweizer Historiker Raphael Gross das Israel-kritische Gedicht Grass' als "Hassgesang" bezeichnet. Dennoch sei es nicht leicht, den Schriftsteller als Antisemiten zu bezeichnen, schrieb Gross in einem Gastbeitrag in der "Berliner Zeitung". Der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff des Antisemitismus sei von Anfang an äußerst unklar und eng gefasst gewesen. "Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die ihren Judenhass offen als Antisemitismus bezeichnen würden und die, die es tun, sind meist politisch irrelevant", schrieb Gross.

Der Leiter des Leo-Baeck-Instituts in London sowie des Jüdischen Museums Frankfurt am Main verwies darauf, dass aus der NS-Zeit stammende moralische Urteilsformen weiter wirkten. "Diese schreckliche Mentalität - nicht der offene Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933 und 1945 erwachsene 'Moral der Volksgemeinschaft' ist es, deren Echo wir leider immer und gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören", schrieb Gross.

Der israelische Historiker Tom Segev warf dem Literaturnobelpreisträger Grass vor, seine Kritik an Israel sei substanzlos. Auch habe Grass keineswegs ein Tabu gebrochen, indem er das israelische Kernwaffen-Arsenal thematisiere. In Israel werde seit Monaten über einen präventiven Militärschlag diskutiert, "Grass fügt dem nichts hinzu", schrieb Segev in der "Berliner Zeitung". Auch Segev nahm Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. "Sie haben ein ziemlich erbärmliches Gedicht geschrieben", wandte sich Segev direkt an Grass, "aber Sie sind nicht antisemitisch. Sie sind nicht einmal anti-israelisch."

Hochhuth an Grass: "Deine anmaßende Albernheit"

Der Autor und Dramatiker Rolf Hochhuth schrieb in einem an Grass gewandten Beitrag für den "Münchner Merkur", er schäme sich "als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen, das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden!"

Grass hatte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Gedicht "Was gesagt werden muss" der israelischen Regierung vorgeworfen, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Dabei ging es vor allem um die Möglichkeit eines Angriffs Israels auf iranische Atomanlagen.

dho/Reuters/AFP / Reuters