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Wolfgang Mommsen: Großer Historiker mit sozialer Verantwortung

Mit Wolfgan Mommsen schied einer der profiliertesten deutschen Geschichtswissenschaftler aus dem Leben. Der 73-Jährige starb bei einem Badeunfall in der Ostsee.

Wolfgang Mommsen hat als Historiker die Geschichtswissenschaft in Deutschland über Jahrzehnte mitgeprägt. Erschüttert bestätigte sein Zwillingsbruder Hans Mommsen - ebenfalls ein bedeutender Historiker -, dass sein Bruder am Mittwoch 73-jährig bei einem Badeunfall in der Ostsee starb. Die genaue Todesursache soll eine Obduktion ergeben. Mit seinen engagierten Stellungnahmen und Analysen aus einer sozial-liberalen Grundhaltung heraus trug Mommsen zum Selbstverständnis der Bundesrepublik bei. Und er fand klare, aber ausgewogene Worte über das Versagen führender deutscher Historiker in der NS-Zeit. Er hatte bei dem Wissenschaftler Theodor Schieder promoviert und sich habilitiert.

"Er war ein außerordentlich vitaler Mann, intellektuell, aber auch als Persönlichkeit", sagte der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler. Wolfgang Mommsen hinterlasse eine Lücke, die so schnell niemand anderer ausfüllen könne.

"Einer der bedeutendsten Historiker Deutschlands"

"Als langjährigem Direktor des Deutschen Historischen Institutes in London (DHIL) und in vielen anderen herausragenden fachlichen und wissenschaftspolitischen Funktionen war es ihm immer besonders wichtig, das internationale Ansehen und den internationalen Dialog der deutschen Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wiederherzustellen und zu fördern", würdigte der Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes, Prof. Manfred Hildermeier (Göttingen), den Gestorbenen. Mommsen "war einer der bedeutendsten und international bekanntesten Historiker Deutschlands".

Kritische Haltung gegenüber Deutschlands Vergangenheit

Wolfgang Mommsen führte zur Zeit der Wende (1988-1992) als Vorsitzender den Verband der Historiker Deutschlands. Beim Historikertag 1990 in Bochum widersprach er entschieden dem Vorwurf, die deutschen Historiker hätten nach 1945 die nationale Tradition vernachlässigt und zu einer verhängnisvollen Schwächung des nationalen Gedankens beigetragen. Er verwies darauf, dass ohne ihre kritische Haltung gegenüber Deutschlands Vergangenheit die neue Einheit nicht möglich gewesen wäre.

Streitbarer Historiker

Ähnlich wie sein berühmter Urgroßvater Theodor Mommsen, der 1902 für seine "Römische Geschichte" mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, hatte sich Wolfgang stets als konfliktfreudig und mit pointierter Schärfe präsentiert. Im "Historikerstreit" Mitte der 80er Jahre bezog Wolfgang wie sein Bruder Hans entschieden Position gegen Ernst Noltes These vom "kausalen Nexus" (Zusammenhang) zwischen den bolschewistischen und den NS-Verbrechen.

Wolfgang Mommsen setzte sich auch kritisch mit dem stark beachteten, Deutschland entlastenden Buch des englischen Historikers Niall Ferguson über den Ersten Weltkrieg, "Der falsche Krieg", auseinander. Im Fragebogen des einstigen Magazins der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nannte er bei der Frage nach der am meisten bewunderten militärischen Leistung - meist mit "keine" beantwortet - ganz unkonventionell: "Die Abwehrschlachten an der Somme 1917".

Fachgebiet Kaiserreich und Imperialismus

Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit war die Geschichte des deutschen Kaiserreichs und das Thema Imperialismus. Den Weg des Kaiserreichs in den Ersten Weltkrieg analysierte der Historiker in seinem 2002 erschienenen Werk "Die Urkatastrophe Deutschlands". In der renommierten Propyläen Geschichte Deutschlands ist Wolfgang mit den Bänden von 1850 bis 1918 vertreten. Die Publikation "Das Ringen um den nationalen Staat" (1991) galt bald als Standardwerk. In seiner gesamten Laufbahn widmete er sich dem Soziologen Max Weber und gehörte zu den Herausgebern der Max-Weber-Gesamtausgabe. Anfang 2002 leitete Mommsen die Arbeitsstelle Düsseldorf der Max-Weber-Gesamtausgabe.

Die Karrieren der in Marburg geborenen Söhne des Historikers Wilhelm Mommsen verliefen auffallend parallel: Beide promovierten 1959, Hans in Tübingen, Wolfgang in Köln. Sie habilitierten sich 1967, und beide erhielten 1968 ihren ersten Ruf als ordentliche Professoren, Hans nach Bochum, Wolfgang nach Düsseldorf. Dort haben sie bis zu ihrer Emeritierung 1996 gelehrt, allerdings mit bedeutsamen Unterbrechungen. Wolfgang leitete acht Jahre (1977-1985) das Deutsche Historische Institut in London.

Rudolf Grimm, DPA / DPA