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Zensur im Film: "Zerschnittene Filme"

"Zensur ist so alt wie der Film selbst", sagt Filmhistoriker Frank-Burkhard Habel - und beschreibt in seinem Buch, wie die Zensurschere "Spartacus", "Stirb langsam" und die "Olsenbande" erwischte.

'Casablanca' gilt als Klassiker schlechthin. Gerade der politische Hintergrund des Films verleiht der unglücklichen Liebe zwischen Humphrey Bogart als Rick und Ingrid Bergman als Frau eines von den Nazis verfolgten Widerstandskämpfers ihre besondere Tragik. Die Geschichte spielt während des Zweiten Weltkriegs im marokkanischen Casablanca - dem letzten Fluchtpunkt all jener, die vor dem NS-Regime geflüchtet waren.

Doch als der Film 1952 in Deutschland anlief, war er seiner antifaschistischen Tendenz völlig beraubt. Der Widerstandskämpfer und frühere KZ-Häftling Victor Laszlo, eine der drei Hauptfiguren, mutiert in der Synchronfassung zum norwegischen Atomphysiker, der wegen einer Formel gejagt wird. Aus dem Weltkriegs-Drama wird ein simpler Agentenplot. Erst 1975 produzierte die ARD eine authentische deutsche Version.

'Casablanca' ist einer der legendären Fälle von Verstümmelung, die der Filmhistoriker Frank-Burkhard Habel in seinem in diesem Herbst erschienenen Buch 'Zerschnittene Filme' beschreibt. Eingriffe wurden aus vielfältigen Gründen vorgenommen, politischen, moralischen oder wirtschaftlichen. Es traf Filme aus der frühen Zeit des Kinos wie Sergej Eisensteins 'Panzerkreuzer Potemkin' (1925), ebenso wie Stanley Kubricks 'Spartacus' (1960) oder den Hollywood-Blockbuster 'Stirb langsam' (1988) mit Bruce Willis in der Hauptrolle. "Zensur ist so alt wie der Film selbst", sagt Habel.

Filme sahen nicht immer so aus wie heute

Sein schmales Bändchen ist zwar kein Lexikon, und auch nicht vollständig, aber kurzweilig allemal. "Ich wollte mit markanten Beispielen illustrieren, dass viele Filme, die im Kino zu sehen sind, nicht immer so aussahen wie heute", sagt Habel.

Dabei findet sich allerlei Kurioses auf 126 Seiten. So wurde selbst einer der unpolitischen, aber populären 'Olsenbande'-Filme für die Aufführung in der DDR "bearbeitet". "Es ist die reinste Tragödie. Nur Alkohol und Marxismus im Kopf!" - So ein Satz durfte selbst in einer Komödie nicht vorkommen. Stattdessen hieß es: "Nur Alkohol und Weiber im Kopf!" Der französische 'Dschungel in Paris' wurde noch stärker geändert. Im Original spielt Lino Ventura den Kleinganoven Paul, der sich nur widerstrebend mit dem Geheimdienst einlässt. In der DDR-Fassung wird er zum politischen Widerstandskämpfer, der es als seine patriotische Pflicht ansieht, für die Klandestinen zu arbeiten.

Der Kalte Krieg hinterließ Spuren

Doch Fälle verzerrender Umsynchronisation beschreibt Habel auch aus anderen Ländern. 'Der schweigende Stern' - der erste Science-Fiction-Film der DEFA aus dem Jahr 1959 - schaffte es zwar bis in die amerikanischen Kinos. "Vermutlich haben sich die Polen, die den Film koproduzierten, darum bemüht", sagt Habel. Allerdings hinterließ der Kalte Krieg deutliche Spuren in der Synchronfassung. Die Weltraummission zur Venus führte nun nicht mehr der Sowjet-Bürger Arsenjew, sondern der Amerikaner Harringway. Dafür wurde die grüblerische Figur des amerikanischen Atomwissenschaftlers Hawling zu einem Russen. Deutlich weniger Auftritte bekam die japanischen Ärztin Sumiko. Sie hatte mehrmals die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki erwähnt.

Noch drastischer wurde die Rolle des afrikanischen Technikers Talua beschnitten - eine Figur, mit der der Expeditionsleiter im Original ohne Rassendünkel zusammenarbeitet. Doch in der amerikanischen Fassung bekam der "Weiße nun eine Synchronstimme, mit der er den Schwarzen regelrecht anherrschte", heißt es im Buch. In der gleichen Fassung kam der Film im Jahr 2000 in den USA auf DVD heraus.

Hendrik Klein, AP / AP