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Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Literaturpapst mit Jahrhundert-Biografie

Er überlebte den Holocaust, zog aus Liebe zur deutschen Sprache dennoch ins Land der Täter und avancierte dort zum unumstrittenen Literatur-Papst. Jetzt ist Marcel Reich-Ranicki gestorben.

Von Michael Stoessinger

Sein letzter öffentlicher Auftritt liegt eineinhalb Jahre zurück. Es war der 27. Januar 2012, der Auschwitz-Gedenktag, als Marcel Reich-Ranicki an das Podium des Deutschen Bundestages trat. Mehr trippelte als ging, begleitet und geleitet von den Spitzen der Republik. 91 Jahre alt war er da schon, hinfällig. Als er dann aber sprach, über Warschau, das Getto, über Auschwitz und die Todeszüge dorthin, da gewann die Statur durch die Stimme und den Ausdruck von Minute zu Minute an Stabilität, an Präsenz. "Die Aussiedlung aus Warschau", sagte Reich-Ranicki an diesem Tag in Berlin, "sie hatte nur einen Sinn: den Tod."

Mehr als eine Stunde legte Marcel Reich-Ranicki an dem Ort, wo die erste deutsche Demokratie scheiterte, Zeugnis ab vom größten Verbrechen der Geschichte: dem Holocaust, dem Tod von Millionen Menschen. Die Deutsch-Stunde im Berliner Reichstag dokumentierte an jenem Januartag, was uns künftig fehlen wird: Die lebendige Erinnerung an die furchtbarste Phase der deutschen Geschichte. Erinnerung in Person, die gleichzeitig ein Symbol der Aussöhnung war: Das Leben eines polnischen Juden, dessen Liebe zur deutschen Sprache und Literatur selbst von den Nazis nicht getötet werden konnte. Der 13 Jahre nach dem Krieg mit seiner Frau Teofila und dem Sohn Alexander nach Deutschland zog; der Literatur wegen. Nach Deutschland zog, obwohl er hatte miterleben müssen, wie seine Eltern im Warschauer Getto zum Umschlagsplatz gebracht wurden. Dorthin, von wo die Züge nach Treblinka gingen.

Seine Mutter trug einen hellen Regenmantel, den sie aus Berlin mitgebracht hatte. "Ich wusste, dass ich sie zum letzten Mal sah. Und so sehe ich sie immer noch: meinen hilflosen Vater und meine Mutter in dem schönen Trenchcoat aus einem Warenhaus unweit der Berliner Gedächtniskirche." Wen diese wenigen hier zitierten Sätze berühren, der sollte zu Reich-Ranickis Biografie greifen - und "Mein Leben" lesen.

Die Kunst der sprachlichen Zuspitzung

Es ist das Los des Literaturkritikers, vielleicht gar sein Glück, dass er nicht besser zu machen braucht, was er verreißt. Mit Lessings Diktum lebte die eitle Branche bestens, bis einer kam, der auch diese Gewissheit schleifen wollte. Und: es konnte. Als Marcel Reich-Ranicki 1999 seine sprachgewaltige, seine dramatische Biografie vorlegte, da war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zum Papst beförderter Literaturkritiker, gefeiert von den einen wegen seiner öffentlichkeitswirksamen Pointiertheit. Von den anderen gefürchtet, ja verachtet - wegen eben dieser Gnade und Kunst der sprachlichen Zuspitzung. Etwa dieser: "Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr, als ein Vogel von der Ornithologie."

Reich-Ranicki hat die Literatur aus den kleinen elitären Zirkeln in die Mitte der Gesellschaft geführt. Im "Literarischen Quartett", im ZDF, wurde ab 1988 und für 13 lange, kurzweilige Jahre gerichtet. Misstrauisch beäugt von der schreibenden Kritiker-Konkurrenz und den Schriftstellern, gefeiert vom deutschen Buchmarkt. E-Book, Kindle und Online-Präsenz waren da noch weit entfernt, eine Rezension, eine gute gar, Geld wert. Aber nicht nur materiell, auch ideell war dieses Sendeformat ein Segen: Wichtige Bücher wie "weiter leben", die Auschwitz-Biografie der Ruth Klüger, fanden ein nach Hunderttausenden zählendes Lesepublikum.

Sein Leben lang polarisierte er

Kritik am Format, dem Vorwurf der Oberflächlichkeit, begegnete Reich-Ranicki mit fundamentaler Gegenkritik: "Gute Kritiker haben immer um der Verdeutlichung willen vereinfacht, sie haben oft das, was sie mitzuteilen wünschten, auf des Messers Schneide gebracht und auf die Spitze getrieben, damit es einsichtig und klar werde. Was immer mir man vorwerfen mag, die Unlust, JA oder NEIN zu sagen, gehört wohl nicht dazu."

Sein Leben lang polarisierte Marcel Reich-Ranicki, legte sich mit allen an: Mit Grass, mit Walser, den beiden deutschen Großschriftstellern. Mit dem deutschen Fernsehen. Er gehörte zu den Köpfen dieser Republik - und gehörte doch nie dazu. So sah er sich, ein Heimatloser, dessen Passion die Literatur war: "Hatte meine Passion mit meiner Sehnsucht nach Heimat zu tun, jener Heimat, die mir fehlte und die ich in der deutschen Literatur gefunden zu haben glaubte? Ja." Am Ende war es nicht die Furcht vor dem Tod, die ihn umtrieb, sondern "das Nicht-Mehr-Existieren". Es gelang ihm, dieses schiere Entsetzen in ein heiteres Gewand zu kleiden: "Was mich am Tod vor allem schreckt, ist die Gewissheit, nicht mehr die Zeitungen des nächsten Tages lesen zu können."

Marcel Reich-Ranicki ist in Frankfurt am Main im Alter von 93 Jahren gestorben.