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Teofila Reich-Ranicki ist tot: Die Unbekannte an der Seite des Literaturpapsts

Sie stand fast 70 Jahre an der Seite und auch im Schatten ihres Mannes: Am Freitag ist Teofila Reich-Ranicki gestorben. Erst spät erhielt sie als Künstlerin öffentliche Anerkennung.

Fast sieben Jahrzehnte stand sie an der Seite von Deutschlands Literaturpapst: Teofila Reich-Ranicki, Malerin und Frau von Marcel Reich-Ranicki, ist tot. Tosia, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, starb am Freitag in Frankfurt im Alter von 91 Jahren. Dies bestätigte Marcel Reich-Ranicki (90) der Nachrichtenagentur dpa. Zuvor hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darüber berichtet, für die Reich-Ranicki bis heute tätig ist.

Zusammen mit ihrem Mann hatte Teofila Reich-Ranicki das Warschauer Getto überlebt. Beide heirateten dort 1942. Ein Jahr später gelang ihnen die Flucht aus dem Getto, kurz vor der Ermordung aller Insassen. Eigentlich wollte Tosia, die am 12. März 1920 in Lodz geboren wurde und aus einer großbürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, in Paris Kunst studieren. Der Ausbruch des Kriegs machte diese Pläne zunichte. Ihren späteren Mann lernte sie Anfang 1940 kennen - am Tag des Selbstmords ihres Vaters.

Die dramatische Geschichte beschrieb Marcel Reich-Ranicki in seinem Bestseller "Mein Leben", der auch 2009 von der ARD verfilmt wurde. Tosia, die schon in jungen Jahren leidenschaftlich zeichnete, trat erst spät aus dem Schatten ihres Mannes. 1999 wurden von ihr Bilder veröffentlicht, die das Paar einst auf abenteuerlichen Wegen aus dem Warschauer Getto schmuggeln konnte. Die Blätter zeigen den qualvollen Alltag im Getto - zum Beispiel bis auf die Knochen abgemagerte Kinder oder prügelnde Nazis.

Nach dem Krieg - das Paar übersiedelte 1958 in die Bundesrepublik - hatte Teofila Reich-Ranicki das Malen aufgegeben. Sie arbeitete als Journalistin und Übersetzerin. Aus der Ehe ist 1948 der Sohn Andrew hervorgegangen, der heute als Mathematik-Professor im schottischen Edinburgh lebt.

Zur Bedeutung seiner Frau für ihn selbst wollte sich der Literaturkritiker am Freitag nicht näher äußern. "Alles dazu steht in meinem Buch", sagte er unter Hinweis auf seine Autobiografie. Ihrem Mann hatte die Grafikerin Teofila einst ein besonders schönes Geschenk gemacht. Als frisch Verliebte hatte sie hinter den Getto-Mauern Erich Kästners "Lyrische Hausapotheke" akribisch abgeschrieben und sorgsam illustriert. Marcel Reich-Ranicki erhielt das Werk zum 21. Geburtstag.

Thomas Maier, DPA / DPA
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