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Momente der TV-Geschichte "Blödsinn, den wir zu sehen bekommen haben" – Reich-Ranicki rechnet mit Fernsehpreis ab

Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk stehen am Rednerpult. Reich-Ranicki erhebt den Zeigefinger.
Marcel Reich-Ranicki redet sich beim Deutschen Fernsehpreis 2008 in Rage. Thomas Gottschalk versucht, ihn zu beruhigen.
© Oliver Berg/ / Picture Alliance
Ein Preisträger außer Rand und Band: Marcel Reich-Ranicki wird 2008 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Statt eine Dankesrede zu halten, rechnet er mit den Veranstaltern ab - und will den Preis nicht annehmen.

Minutenlang wird er beklatscht. Von den Intendanten von ARD, ZDF und RTL. Von Schauspielerinnen und Schauspielern in Soaps und Serien und von Moderatorinnen und Moderatoren boulevardesker Magazine. Kurzum: von der gesamten versammelten Fernseh-Hautevolee. Die ahnt noch nicht, was an diesem 11. Oktober geschehen wird. Denn der Mann, den sie gerade mit stehenden Ovationen feiern, wird ihnen gleich gehörig die Meinung sagen. Eine denkwürdige Standpauke.

Marcel Reich-Ranicki soll 2008 für sein Lebenswerk und seine Büchersendung "Das literarische Quartett" mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt werden. Von Moderator Thomas Gottschalk wird er auf die Bühne geleitet. Dann setzt der damals 88-Jährige zu einer Rede an, die es in sich hat. Er rechnet mit dem deutschen Fernsehen und der Preisverleihung ab – und verweigert die Annahme des Preises.

"Ich gehöre nicht in diese Reihe. Ich finde es schlimm, dass ich das hier heute Abend erleben musste", sagt der als Literaturpapst gefeierte Reich-Ranicki in Rage. Es sei "Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben", schimpft er und räumt ein, dass er vielleicht früher hätte sagen müssen, dass er den Preis nicht haben wolle. Doch er habe "nicht gewusst, was mich hier erwartet." 

Thomas Gottschalk unterbreitet Vorschlag

In der Live-Show werden unter anderem die Castingshow "Deutschland sucht den Superstar", die Comedy-Reihe "Switch Reloaded" oder Schauspielerin Veronica Ferres ausgezeichnet. Offenbar sehr zum Missfallen von Reich-Ranicki. Er habe gemerkt, wie dieser immer unruhiger wurde", wird Gottschalk später sagen. Denn der Ehrenpreisträger kommt als Letzter auf die Bühne, sitzt die gesamte Show lang im Publikum. Am Ende ist es auch Gottschalk, der einen Eklat verhindern kann.

"Darf ich einen Rettungsversuch unternehmen", fragt Gottschalk den erzürnten Reich-Ranicki. Er schlägt ihm vor, in einer einstündigen Sendung gemeinsam mit den Senderchefs von ARD, ZDF und RTL über die Qualität im Programm zu diskutieren. Der Preisträger nimmt den Vorschlag an. Tatsächlich gibt es nur eine Woche später im ZDF die Sendung "Aus gegebenem Anlass – Gottschalk im Gespräch mit Reich-Ranicki". Die Intendanten verzichteten auf eine Teilnahme.

mai

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