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Comic-Roman: Die Leidenschaften des Aufstandes

Die Macht des Volkes - In grobem Strich und Schwarz-Weiß erweist sich diese Geschichtslektion den großen historischen Romanen als ebenbürtig.

Im März 1871 ist der Deutsch-Französische Krieg mit der Niederlage der Franzosen und der Gefangenschaft des französischen Kaisers zu einem vorläufigen Ende gekommen. Im Zusammenbruch der alten Ordnung versuchen die Communards von Paris ihre Vision des Sozialismus zu verwirklichen. Sich. Zu den Geschehnissen um die Pariser Commune im Jahr 1871 hat Jacques Tardi in "Die Macht des Volkes" den bildgewaltigen ersten Teil einer Trilogie vorgelegt.

Nach dem Roman «Le Cri Du Peuple» von Jean Vautrin entstand eine Trilogie im aufwendigen Hardcover-Querformat. Teil 1 trägt den Titel «Die Kanonen des 18. März». In grobem Strich und Schwarz-Weiß erweist sich diese Geschichtslektion großen historischen Romanen als ebenbürtig. "Ich wollte den Leser mitnehmen in das Getümmel auf den Straßen des 18. März 1971 und ihn herumführen in einem Paris, das so geheimnisvoll ist wie das von Victor Hugo“, schreibt Vautrin im Vorwort dieses Comicromans, und auch die gezeichnete Version vermittelt nicht weniger als ein Panorama einer Epoche.

Die kurze Macht des Volkes

Die Geschichte entwickelt sich vor dem Aufstand der Pariser Commune, ein entscheidendes Ereignis im Gefolge der Deutsch-Französischen Krieges von 1871, einer Zeit tiefer Demütigung der Grande Nation und inneren Zerrissenheit am Rande eines Bürgerkrieges. Lange Zeit ein Lieblingskind marxistischer Geschichtsbetrachtung ist die Geschichte der Kommune zumindest in Deutschland in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten.

Panorama einer Epoche

Um die Totalität der erbitterten Auseinandersetzung des Aufstandes, der nach 72 Tagen mit der Erschießung von 20.000 Kommunarden endet, zu zeigen, werden die Schicksale der verschiedensten Charaktere im Sog der Wirren miteinander verknüpft. Dabei gleitet die gezeichnete Erzählung glücklicherweise nie in pathetische Arbeiterkampf-Romantik ab. Der Zeichner Jacques Tardi steht in der Tradition der großen Romanciers des 19. Jahrhunderts. Es geht weniger um politische Lehr- und Glaubenssätze, sondern um glühende Leidenschaften und um Verrat, um lang zurückliegende Morde, um Schlägereien. Kurzum ein großes Sittenbild der Seine-Metropole in den Tagen der Agonie.

Die Handlung

Ein Hauptmann verweigert den Schießbefehl auf die Aufständischen, desertiert und verliebt sich in eine offenherzige Prostituierte. Eine lebensbedrohliche Auseinandersetzung mit ihrem Zuhälter scheint unausweichlich. Um dieses Handlungsgerüst gruppieren sich ehemalige Sträflinge, Schläger, Polizeispitzel und Bankiers. In der Tat: Ein Personal wie es auch einem Roman von Victor Hugo entsprungen sein könnte. Die Schicksalslinien, die Vautrins Geschichte miteinander verknüpft, laufen quer durch die historischen Ereignisse um den 18. März - Massenstreiks, Straßenkämpfe und der Bildung des revolutionären Gemeinderats. In großen Tableaus stellt Tardi die Kommunarden und die Truppen der Regierung, die Hefe des Volkes und die etablierten Nutznießer des alten Systems gegeneinander

Bilder einer Stadt

Tardis Faible für detaillierte Stadtansichten kommt das edle Querformat entgegen, selten hat man detailliertere Ansichten des vergessenen Paris gesehen. Eines städtischen Paris der Boulevards und großen Häuser, aber auch eines Paris der Windmühlen und windschiefen Vororte, der Tavernen und der schlammstarrenden kleinen, schmutzig-schäbigen Viertel. Tardi versteht es dabei meisterlich das Personen- und Interessengewimmel der Handlung in Bildern zu verdichten und zu pointieren, entscheidende Details gegen die großen Ansichten zu stellen. Sorgfältig sind alle Einzelheiten gestaltet. Die Physiognomien, die Tardi seinen Figuren verleiht, verraten bei aller Stilisierung und der Abstraktion des groben Schwarz-Weiß ein psychologisches Einfühlungsvermögen wie bei kaum einem anderen Zeichner. In der Literatur ist die Zeit des großen historischen Abenteuer-Romans in der Tat abgelaufen, der Comic ringt dem alt-ehrwürdigen Genre neue Ansichten ab.

Jacques Tardi

JacquesTardi begann seine Laufbahn als Comiczeichner unter der Anleitung von René Goscinny und gilt als literarischster Zeichner Frankreichs. Zu seinen besten Arbeiten zählen nicht nur die "Nestor Burma"-Krimis sondern auch die Umsetzung Célines sperrigen Kriegserlebnissen "Reise ans Ende der Nacht". Preisgekrönt wurde ebenfalls der auch in Deutschland erhältliche „Grabenkrieg“.