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Kabarettist Dieter Nuhr: Wolkig mit Aussicht auf Shitstorm

Kabarettist, Komiker oder doch neoliberaler Pegida-Sympathisant? Dieter Nuhr sah sich zuletzt einigem Gegenwind ausgesetzt. Jetzt nimmt er in einem längeren Plädoyer Stellung.

Von Ingo Scheel

Hat sich mit ein paar markigen Aussprüchen einigen Unmut zugezogen: Kabarettist Dieter Nuhr

Hat sich mit ein paar markigen Aussprüchen einigen Unmut zugezogen: Kabarettist Dieter Nuhr

Auch der sozial-mediale Wetterbericht kämpft vermehrt mit dem Klimawandel. Dabei ist die schlichte ‚Erwärmung‘ mal eben übersprungen worden, hier ist gleich Erhitzung das Thema. Die Kanzlerin streichelt falsch, Heiko Westermann passt mal wieder falsch und LeFloid … aber lassen wir das.

Einer, dem dieser unappetitliche Wind zuletzt ebenfalls vermehrt ins Gesicht wehte, ist der Kabarettist Dieter Nuhr. Nach einigen Äußerungen in Sachen Islam, Islamismus, Islamophobie, etwa  "Im Islam ist die Frau zwar frei, aber in erster Linie davon, alles entscheiden zu müssen",  hatte sich Nuhr den Unmut an diversen Schauplätzen zugezogen.

Auf seiner Facebook-Seite häuften sich Kommentare, die den Kabarettisten in die Nähe von AfD und Pegida rückten, Künsterkollegen wie etwa Volker Pispers schlugen in dieselbe Kerbe. Auch zur Griechenland-Krise ließ Nuhr jüngst einen kompakten Zweizweiler ab: "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!"

Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen

 Jetzt hat sich Nuhr in der "FAZ" mit einem längeren Plädoyer zu den Vorwürfen geäußert, dabei ist es weniger der Kern jener Aussagen, als vielmehr die Tatsache, wie ungehemmt die Social-Media-Kanäle für die "üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt", genutzt werden. Für jene Vorwürfe, die ihn als Bruder im Geiste von Rechtsradikalen oder  Islamophoben sehen, hat Nuhr wenig Worte übrig – er hält sie schlicht für "irrsinnig".

Die Ausmaße des "digitalen Vernichtungskampfes“" setzten Nuhr da schon mehr zu, dafür greift der geübte Rhetoriker dann auch bis zum Ellenbogen hinein in die Kiste mit den Verwünschungen. Es seien die gleichen Denkmuster, durch und durch von "Primitivität und Aggressivität" geprägt, die im Mittelalter zu Lynchjustiz und Pogrom geführt hätten. Von „digitaler Vernichtung“ ist in Nuhrs Essay die Rede, der Shitstorm ist für ihn die "Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts", nur die Temperaturen seien "angenehmer", man werde lediglich "sozial" und nicht etwa "physisch" vernichtet. Lynchen, verbrennen, der Pöbel und die Hexen – das ist starker Tobak vom Wenn-man-keine-Ahnung-hat-einfach-mal-die-Fresse-halten-Mann.

"Fensterbank des 21. Jahrhunderts"

Schaut man von außen auf das fakäle Gestürm, denkt man vielleicht eher an die "Fensterbank des 21. Jahrhunderts". Einst lehnten Omchen oder Oppa die fleischigen Unterarme in den Fensterrahmen, schrieben Falschparker auf, ermahnten den Hundebesitzer zu Waldis Notdurft im Straßengraben und zogen die Lederpille der bolzenden Nachbarjungs ein – das präsenile Diktat zwischen Selbstgerechtigkeit und normativem Imperativ hat inzwischen auf Facebook sein sicheres Zuhause gefunden. Das mag nerven und gefährliche Tendenzen bergen, Nuhrs Latte liegt dennoch dramatisch hoch.

Wenn Nuhr die Anonymität des Internets als „zivilisatorischen Rückschritt“ beklagt, dann geht natürlich auch er diesen Schritt mit 140 Zeichen Twitterwitzeleien mit. Die „Akteure im Internet“, von denen er eine „Kultur der Aufklärung“ fordert – zu eben jenen gehört er als meinungsstarke Persönlichkeit ja selbst, ob jener Kontext aus Hexenjagd, Schaffott und freizeitlicher Lynchjustiz da eine passende Einordnung darstellt, ist fraglich. In jedem Fall stimmt Nuhrs Timing in Sachen Eigenwerbung. Am Abend läuft auf RTL sein Programm "Nuhr live", im nächsten Monat geht er mit "Nur Nuhr" auf Tournee.

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