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"A Different Story": Seelenstrip eines Megastars

Er verkaufte Millionen Platten, wurde auf einer öffentlichen Toilette mit einem Lover erwischt - aber er hat auch ein Leben neben den Schlagzeilen. Davon erzählt George Michael in einer ausgeruhten Dokumenation.

Die Begegnung mit seinem alten Wham-Partner Andrew Ridgeley dürfte für viele Kinobesucher einer der bewegendsten Momente sein: Nach 20 Jahren trifft George Michael erstmals wieder auf seinen kongenialen Mitstreiter aus den erfolgreichen 80er Jahren. In der Dokumentation "George Michael - A Different Story" sitzen beide an einem Klavier und lassen die gemeinsame Zeit Revue passieren, eine Zeit, in der Pop noch kein Schimpfwort war. Es entsteht eine beinahe vertraute Atomsphäre, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Der am 12. Januar bundesweit anlaufende Streifen von Southan Morris über das Leben eines der größten Popstars einer ganzen Generation erweist sich als unaufgeregte Dokumentation. Im Blick stehen vor allem die Wendepunkte im Leben des 42-Jährigen, der als Georgios Panayiotou geboren wurde. Die Trennung von Wham und der anschließende Megaerfolg als Solokünstler, der Tod seines Freundes Anselmo, der Gerichtsprozess gegen seine Plattenfirma Sony und der Skandal 1998 um sein wenig elegantes Coming Out, als er wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gegenüber einem verdeckten Ermittler in einer öffentlichen Toilette in Beverly Hills festgenommen wurde.

Schicksalsschläge und Schattenseiten

Das Leben des scheuen Stars bietet genügend Zäsuren, um daraus schon zu Lebzeiten des vielfach ausgezeichneten Künstlers eine beeindruckende Dokumentation zu machen. Vor allem die Schattenseiten seiner Karriere machen einen Kinobesuch reizvoll. George Michael spricht ungewohnt offen über die Schicksalsschläge. Einen großen Stellenwert nimmt vor allem das Sterben seines mit Aids infizierten Freundes Anselmo ein. Nach dem Tod seiner Mutter 1994, über den er sonst nur selten spricht, lernte er dann seinen jetzigen Partner Kenny Goss kennen, den er in diesem Jahr heiraten will. George Michael, der sonst unter kompletter Kontrolle der Öffentlichkeit steht, zeigt in dem Streifen selbst, wie er lebt und wo er aufgewachsen ist. Er führt einen Freund auch in den kleinen Londoner Vorort, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte und zeigt die Schule, in der er sein unglaubliches Talent entdeckte.

Popstars kommentieren

Er lässt eine Vielzahl von Größen wie Sting, Mariah Carey und Boy George aus der Musikbranche zu Wort kommen, die seinen Werdegang meist wohlwollend bewerten. Allerdings ist nicht in jedem Fall recht ersichtlich, welchen Sinn die Kommentare haben und in welchem Zusammenhang die Stars mit dem Protagonisten stehen. Aber dennoch ist es mehr als angenehm, Mariah Carey einmal nicht im Engelskostüm, sondern relativ ungeschminkt zu sehen.

Wenig Pathos

Regisseur Southan Morris verzichtet auf pathetische Überhöhungen und lässt vor allem George Michael erzählen und seine Musik als Teil seiner selbst wirken. "Last Christmas", "Freedom" oder "Outside": Evergreens, die für viele Erinnerungen an die eigenen Jugend wecken, werden immer wieder eingestreut und wirken als auflockernde und verbindende Element einer sonst sich gelegentlich eher etwas dahin ziehenden Handlung. In langen Passagen erzählt er die eigene Version seiner Karriere, die nicht viel gemein hat mit der in der Öffentlichkeit bekannten Geschichte eines Pop-Idols. Die Dokumentation nimmt sich sogar die Zeit, einen nachdenklichen George Michael zu zeigen, der schweigend auf einem Sofa sitzt. Es scheint in diesen Szenen so, als seien ihm einige Aspekte seines Lebens und seiner Karriere selber ein Rätsel. Und genau darin liegt der Reiz der Produktion: Der Film versucht nicht diese Rätsel zu lösen. Er begleitet George Michael einfach auf einem Stück seines Lebensweges.

Gregor Haake/AP / AP
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