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"Apocalypto": Böses Blut

Simple Story, brutale Action: Nach seinem umstrittenen Bibel-Epos "Die Passion Christi" hat sich Regisseur Mel Gibson jetzt die Mayas vorgeknöpft. Ein Werk, das verstört. Auch wegen seines wirren Regisseurs.

Von Matthias Schmidt

Nein, die exakten Unterschiede zwischen den Maya und den Azteken erklären wir jetzt nicht. Letztere galten als blutrünstiger. Doch wer nach 140 Minuten mit mittelschweren Würgereflexen aus "Apocalypto" wankt, dem steht sowieso nicht der Sinn nach klärenden Gesprächen mit Historikern oder Archäologen. Eher nach ein paar Stunden Kika oder Rosamunde Pilcher.

Bis zum Abspann, in dem lauter unbekannte Schauspielernamen wie Rudy Youngblood, Raoul Trujillo und Espiridion Acosta Canche erscheinen, hat man Folgendes durchlitten: Zwei Männern wird bei vollem Bewusstsein das Herz aus der Brust gedolcht und der Kopf abgeschlagen, der dann munter die Pyramidenstufen hinabkullert. Einem Mann, der nicht Roy heißt, wird von einer Raubkatze das Gesicht zermalmt. Ein Mann, der nicht der "Jackass"-Star Johnny Knoxville ist, beißt in den Hoden eines frisch erlegten Tapirs.

Ja, es gibt viele Männer hier. Die in diesem Kostümfilm mit sehr wenig Kostüm oft nur Lendenschurz tragen. So viele nackte Hintern bekommt man selbst in der Sauna selten zu Gesicht. Von der Wassergeburt in Großaufnahme ganz zu schweigen.

Australier, Alkoholiker, Antisemit

Doch "Apocalypto" ist mehr als Soft- und Gewaltporno. Es geht um ein hehres Ziel: die Hochkultur der Maya kurz vor Ankunft der Spanier filmisch darzustellen. Dachten wir. Doch dazu sollte man wissen, dass der Regisseur ein gewisser Mel Gibson ist. Australier, Alkoholiker, Antisemit. So verkürzt darf man das natürlich nicht wiedergeben. Es beschreibt trotzdem treffend die vergangenen Monate des 50-Jährigen. Die Vorwürfe gegen "Die Passion Christi" - judenfeindlich! Gewalt verherrlichend! - waren gerade verklungen, da leistete sich Gibson bei einer Polizeikontrolle in Malibu 1,2 Promille und eine sehr eigenwillige Geschichtslektion: "Die verdammten Juden sind verantwortlich für alle Kriege in der Welt."

Ginge es nach Gibsons Weltsicht, gilt Ähnliches für das wenig glorreiche Ende der Maya. Sein Kino-Fazit, das ihm bereits werbewirksame Rassismus-Proteste von Nachkommen bescherte: selbst schuld. Sklavenhandel, Menschenopfer, vergewaltigte Landschaften: Im Regenwaldstaat war schon vor den Konquistadoren etwas faul.

Geradliniger Actionfilm

Abgesehen von solch fragwürdiger Zivilisationskritik ist "Apocalypto" nichts anderes als ein sehr geradliniger Actionfilm. Und ein sehr ungewöhnlicher: komplett im Dialekt Yucatec gedreht, was Untertitel nötig macht, Verfolgungsjagden zu Fuß, keine Stars - der Sympathieträger nennt sich "Pranke des Jaguars" und erinnert an den jungen O. J. Simpson. Von der Story muss man nicht viel verraten, es gibt fast keine. Dorfidylle wird überfallen, junge Männer werden ins Maya-Manhattan verschleppt, einer flieht.

Gehen die Leute dafür ins Kino? In den USA steht Mels Massaker gerade auf Platz 1. Vor dem blonden James Bond und steppenden Pinguinen. Uns wundert nichts mehr.

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