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"Bambi 2": Invasion der Kulleraugen

Die Geschichte des süßen Rehkitz’, das seine Mutter verliert, rührte Generationen von Kindern zu Tränen. In der Fortsetzung muss Bambi kräftig Trauerarbeit leisten.

Guck mal, wer da stakst! Die Disney Company legt Hand an die heilige Hirschkuh des Zeichentrickfilms und bringt mit "Bambi 2 - Der Herr der Wälder" nach fast 65 Jahren eine modernisierte, computeranimierte Fassung des hauseigenen Klassikers "Bambi" auf die Leinwand. Der Trickfilm ist jedoch kein Remake, sondern beleuchtet eine im Original-"Bambi" ausgeklammerte Lebensphase des anmutigen Rehleins: Es muss, neudeutsch ausgedrückt, Trauerarbeit leisten.

Was bisher geschah: In einer der tränenfeuchtesten Szenen aller Zeiten wurde im Originalfilm aus dem Jahre 1942 Bambis Mutter durch die Kugel eines Jägers erlegt, nein, ermordet. Mit einem dünnen "Mama!"-Ruf des Rehkitz' schließt der neue Film an diesen Moment, der einst Millionen Kinder traumatisierte, an. Doch seine Mutter erscheint Bambi nur noch im Schlaf.

Der Vater ist ein sturer Bock

Und sein Vater, der König des Waldes, hat für Bambis Kummer keine Geduld und scheint mit der Erziehung des armen Kleinen zum Alphatier hoffnungslos überfordert. Kaum haben die zwei ihre kuschlige Winterhöhle verlassen, versucht der Platzhirsch etwa, seinem Sohn herrschaftliches Schreiten beizubringen, bringt ihn aber nur zum Stolpern. Und es ist wahrlich herzzerreißend, wie das Rehkitz ein ums andere Mal um die Anerkennung des sturen Bocks heischt.

Zum Glück lenken Hase Klopfer, Stinktier Blume und Rehlein Feline Bambi vom väterlichen "Tu dies nicht, tu das nicht" ab. Während die Freunde durchs frühlingszarte Moos toben, schwebt aber Bambi stets in Gefahr, als Wildbret zu enden. Außerdem wird Bambi vom Jungreh Ronno getriezt, der total stolz auf sein sprießendes Geweih ist.

Zuckerschock durch Waldromantik

Die zauberhafte, an Ölgemälde erinnernde Flora und Fauna des Originals wurde mit kuschligen Computer-Pixeln nachempfunden, wirkt aber weniger farbintensiv und etwas glatt. Dennoch wird die durchs Unterholz tobende possierliche Kleintierclique die kleinen Zuschauer vor Freude quieken lassen - während Erwachsene angesichts von Häschen, Rehlein und sonstigen niedlichen Fellträgern einen Zuckerschock erleiden. Bei dieser Invasion der Kulleraugen hält sich der Film übrigens streng an die Tradition und macht Weibchen durch Blauäugigkeit und lange Wimpern kenntlich.

Trotz Witzen gibt's auch kaum die sonst üblich gewordenen popkulturellen Angebersprüche; Befremdung dürfte beim kleinen Publikum vielleicht die Anspielung auf das US-Märchen vom verschlafenen Murmeltier, das den Frühling grüßt, auslösen. Mit Ronno aber wird so deutlich die tagesaktuelle Kombination aus destruktivem Minimacho und feigem Muttersöhnchen kritisiert, dass man fast auf den Spruch "Was guckst du!" wartet. Und in Ermangelung eines Anti-Agressionstraining zwingt Ronno Bambi dann doch, sich im Zweikampf die Hörner abzustoßen. Passend dazu werden wie bereits im Disney-Vorgänger "Himmel und Huhn", penetrant die "neuen Väter" propagiert, die sich um liebevoll um ihre Söhne kümmern: Jedenfalls sind die 72, für Vorschulkids bestimmte Filmminuten mal wieder randvoll mit Lektionen für die Großen.

Birgit Roschy/AP

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