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"Control": "Na, bist du ein Kontroll-Freak, Anton?"

Seit Jahren arbeiten sie zusammen, seit Jahren verbindet sie eine enge Freundschaft: Anton Corbijn, der niederländische Starfotograf, und Herbert Grönemeyer. Für Corbijns Kinodebüt "Control" kehrt Grönemeyer nach mehr als 20 Jahren auf die Leinwand zurück. Der stern hatte beide im Interview.

Herr Corbijn, Ihr Film "Control" erzählt die dramatisch kurze Lebensgeschichte von Ian Curtis, dem Sänger der englischen Band Joy Division, der sich mit 23 in der Küche erhängte. Sie als Fotograf haben sich entschieden, daraus einen Film zu machen. Und Sie, Herr Grönemeyer, stehen nach 20 Jahren wieder vor der Kamera.

Anton Corbijn: Herbert hat mir immer wieder gesagt, dass ich einen Film machen soll. Er hat in mir den Filmemacher gesehen. Mehr als ich selbst sogar. Aber jetzt hör ich mal auf, sonst sieht das noch aus...

Herbert Grönemeyer:...als hättest du den Film nur für mich gemacht. Nein, im Ernst. Ich war schon immer überzeugt davon, dass Anton eine eigene Sprache fürs Kino hat. Wir kennen uns jetzt seit 19 Jahren...
Corbijn: 20!

Grönemeyer: Ja, 20. Jetzt in seinem ersten Film mitzumachen war eher ein Spaß. Ich habe nur einen kurzen Auftritt als Arzt. Mit viel Make-up und ganz versteckt.
Corbijn: Es war mir trotzdem extrem wichtig, dass Herbert dabei ist. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft. Ich bin der Patenonkel von Felix, seinem Sohn.
Grönemeyer: Damals musste ich Anton allerdings regelrecht hinterherlaufen, damit wir uns überhaupt kennenlernen. Ich habe ihn immer wieder angerufen, weil mir seine Depeche-Mode-Videos so gefielen und ich unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte. Irgendwann konnte ich ihn zu einem Foto-Shooting in Paris überreden...
Corbijn: ...und dann haben wir in Los Angeles das Video zu deinem Song "Marie" gedreht.
Grönemeyer: Ich musste im Video eine Ziege tragen, weil Anton der Ansicht war, das sei ein gutes Symbol für Unschuld. In dem Lied geht es um meine Tochter Marie, die da gerade geboren worden war. Und irgendwann sind Anton und ich dann Freunde geworden. Als meine Frau Anna starb, war er für mich da. Er hat mir durch tiefe Täler geholfen.

Herr Corbijn, mit der Gruppe Joy Divison verbindet Sie eine persönliche Geschichte, die in Ihre Jugend zurückreicht.

Corbijn: Ich bin in Strijen aufgewachsen, das liegt auf einer kleinen holländischen Insel. Das hat mein Leben stark beeinflusst, weil alles, was ich mochte, also Musik und Fernsehen, von außerhalb kam. Die ganze Welt passierte außerhalb dieser Insel. Und ich wollte Teil dieser Welt da draußen sein. Später zog ich nach Den Haag, aber meine Vorliebe für Bilder und Musik wurde früher geprägt. Als ich zum ersten Mal Joy Division hörte, hat mich das an diese Zeit erinnert. Ich verstand zwar kein Wort, aber dieser kühle Sound hat mich begeistert. So wild, so myste riös. Und ich dachte, ich gehe jetzt dahin, wo das herkommt. Wegen Joy Division bin ich von Holland nach England gezogen...

...und Sie haben die Band dort fotografiert, kurz bevor Ian Curtis sich das Leben nahm. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Er war sehr verhalten und mein Englisch ziemlich schlecht. Er wirkte nicht wie der Frontmann einer Band. Die meiste Zeit standen wir rum und rauchten. Und er zitterte, weil es sehr kalt war und er natürlich nicht genug anhatte, wie die meisten Engländer. Abgesehen davon kann ich nicht viel sagen, denn unsere Treffen waren nur kurz.

Hat der Selbstmord Sie schockiert?

Natürlich. Das war der erste Selbstmord von jemandem, den ich persönlich kannte. Aber wenn noch nicht einmal die Menschen aus seiner nächsten Umgebung damit gerechnet haben - wie hätte ich damit rechnen können? Ich habe ja noch nicht mal seine Texte verstanden. Texte waren mir nie wichtig. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Herbert...
Grönemeyer: ...nein, das überrascht mich nicht. Als wir das Video zu "Mensch" gedreht haben, hat Anton einen Eisbären durch die Gegend laufen lassen. Ein Eisbär, obwohl das Lied "Mensch" heißt. Und es passte! Das zeichnet Anton aus. Er erzählt mit Bildern und Stimmungen und kümmert sich nicht um Worte. Deshalb ist die Sprache von "Control" auch so einzigartig.
Corbijn: Einzigartig, haben Sie gehört? Das wird jetzt auch so gedruckt, oder?!

Na gut! Wenn Sie sich so mögen - können Sie einander eigentlich auch sagen: Mann, was du da gemacht hast, ist totaler Schrott?

Grönemeyer: Daran misst sich der Wert einer Freundschaft. Wir können offen zueinander sein. Auch wenn jeder erst mal schlucken muss oder ein paar Tage nicht mehr mit dem anderen spricht. Man weiß ja, dass es von jemandem kommt, der es gut mit einem meint.

Können Sie gut mit Kritik umgehen?

Grönemeyer: Nein!
Corbijn: Nein!
Grönemeyer: Es dauert lange, bis ich Kritik akzeptieren kann. Mit leidenschaftlich durchdachter Kritik kann ich umgehen, aber wenn dir jemand nur einen Tritt geben will, weil er dich nicht mag, finde ich das nicht akzeptabel.

Ist das der Grund, weshalb Sie nicht mit der "Bild"-Zeitung reden?

Grönemeyer: Nein, das hat andere Gründe. Die "Bild"-Zeitung ist journalistisch inkorrekt. Ich habe nie mit denen gesprochen. Warum sollte ich? Es ist Zeitverschwendung.

Herr Corbijn, wir wissen bereits, dass Herbert Grönemeyer Sie für einen großartigen Fotografen und Filmemacher hält. Wie sind Sie es geworden?

Corbijn: Das hat wiederum mit England und Joy Division zu tun. Alles, was damals in England passierte - Bands wie The Clash oder eben Joy Division -, das war ja nicht nur Musik. Das war ein Lebensgefühl. Einfach loszugehen, einfach etwas zu machen, obwohl man es nicht gelernt hat: Das war die Inspiration von Punk. Ich war damals ziemlich schüchtern. Aber diese "Just do it"-Haltung hat mich ermutigt, die Kamera zu nehmen und Fotos zu machen. Ich wollte dazugehören, aber ich wollte nicht auf der Bühne stehen. Hinter der Kamera hatte ich meinen perfekten Platz gefunden.

Herr Grönemeyer, haben Sie jemals aus dieser Haltung heraus Musik gemacht? Einfach drauflos?

Grönemeyer: Oh ja - so habe ich angefangen. In der ersten Band sang ich mit 13. So eine typisch deutsche Rockband, die am Wochenende im Feuerwehrzelt spielt. Ein Riff, und der Song war fertig. Ich war damals der Sänger und hatte bereits diese kräftige Stimme. Dazu sah ich aus wie ein Mädchen, mit meinen langen roten Haaren...

Hatten Punkbands überhaupt einen Einfluss auf Ihr Leben und Ihre Musik?

Grönemeyer: In meinem Leben haben sie sicher eine andere Rolle gespielt als für Anton. Ich mochte The Clash und die Sex Pistols. Aber eine Band wie Joy Division war damals noch nicht bei mir angekommen. Vielleicht, weil wir in Deutschland sowieso zu der Zeit eine eigene starke Musikszene hatten, während Holland sich stark an England orientierte. Wir hatten Krautrock und Bands wie Ton Steine Scherben oder Fehlfarben.
Corbijn: Es gab andere Einflüsse, Musik wie die von Kraftwerk oder Neu...
Grönemeyer: ...oder Can. Und auf der anderen Seite gab es die politischen Liedermacher. Es gab also zwei Möglichkeiten: Entweder, du wurdest einer von den Elektronikern. Oder du konzentriertest dich auf deine Texte. Das wurde dann mein Weg, weil ich ein melodiöser Typ bin. Ich brachte das Radikale und Wütende lieber in Texten zum Ausdruck.
Corbijn: Für mich war das natürlich völlig anders. Ich mochte die ganze Stimmung, die damals von der britischen Musik ausging. Tony Wilson, der Plattenboss von Joy Division, hat das mal so formuliert: Das Punk-Motto war: "Fuck you." Das Motto von späteren Bands wie Joy Division war: "I am fucked". Das entsprach meiner Stimmung. Die ganze Welt ist gegen einen.
Grönemeyer: Also ich war immer eher "pro". Das war meine Haltung. All den Post-Punks, oder wie man das nennen will, hätte ich gesagt: Hey, es ist immer auch Licht im Dunkel.

Herr Corbijn, warum haben Sie den Film eigentlich ausgerechnet "Control" genannt?

Grönemeyer: Na, bist du ein Kontroll- Freak, Anton?
Corbijn: Schön, dass gerade du das fragst, Herbert! Nein, im Ernst, der Titel erinnert natürlich an den Song "She's Lost Control". Aber darüber hinaus fand ich ihn passend, weil Ian Curtis tatsächlich ein Kontroll-Freak war, was seine Band anging. Anderseits litt er unter Epilepsie - und das konnte er überhaupt nicht kontrollieren.

Wie wichtig ist Kontrolle für einen Künstler?

Corbijn: Sehr wichtig. Man muss seine Arbeit kontrollieren. Grönemeyer: Man muss sich aber auch selbst kontrollieren, damit man sein Ziel nicht aus den Augen verliert. Jeder Künstler will etwas erreichen. Und davon darf man sich nicht abbringen lassen. Mir wurde schon oft gesagt, ich solle anders singen. Aber ich finde nun mal, es heißt "Schattnmblick" und nicht "Schatten im Blick". Da muss man stur sein. Immer wieder sagen: Ich will das so. Und dazu braucht man eine Menge Kontrolle.
Corbijn: Kunst ist keine Demokratie.

Herr Grönemeyer, trotzdem haben Sie es dem Seriendarsteller Oli P. erlaubt, aus Ihrem Lied "Flugzeuge im Bauch" ein Kirmes- Techno-Stück zu machen.

Grönemeyer: Tja, das... war wirklich ungewöhnlich. Da muss ich quasi meiner Frau die Schuld geben. Sie sagte damals zu mir: "Ach, komm, dieser Typ, lass ihn das doch singen. Den kennt doch sowieso keiner."
Corbijn: Wer ist dieser Oli P.? Hatte er Erfolg damit?
Grönemeyer: Oh ja.

Ihr Sohn Felix ist auch Musiker. Klingt er wie Sie?

Grönemeyer: Nein. Er hat eine ganz eigene Stimme und singt auf Englisch, weil er den größten Teil seines Lebens in London verbracht hat. Seine Musik klingt eher nach den "Smashing Pumpkins".

Würden Sie ihn bei Ihrem Plattenlabel "Grönland" unter Vertrag nehmen?

Grönemeyer: Auf jeden Fall. Er ist ein guter Musiker und ein sehr guter Songschreiber. Ich weiß, dass das schwer für ihn sein muss, mit einem Vater wie Herbert Grönemeyer. Aber er geht seinen eigenen Weg.
Corbijn: Das war sicherlich auch deswegen nicht leicht für ihn, weil er seine Mutter so früh verloren hat.
Grönemeyer: Das kommt noch dazu.

Ist es gefährlich, zu früh Erfolg zu haben?

Grönemeyer: Für mich war es sicherlich hilfreich, dass meine ersten Jahre als Musiker recht erfolglos waren. Der Film "Das Boot" hatte damals sechs Millionen Zuschauer. Von meinen Platten verkaufte ich gerade mal 8000 Stück. Als ich dann 1984 mit "Bochum" plötzlich erfolgreich war, hat mich das wie ein Schlag getroffen.

Sie wollten Erfolg und waren dann erschrocken, als er da war?

Grönemeyer: Die Dynamik hat mich erschreckt. Dieses von null auf hundert. Das war so, als ob du in einem kleinen Flugzeug über ein paar Hügel und Bäche fliegst und plötzlich wird daraus eine Rakete, die den Mond umkreist. Selbst heute, über 20 Jahre später, ist das immer noch schwer fassbar für mich.

"Bochum" hat Sie zu dem gemacht, was Sie heute immer noch sind: der erfolgreichste deutsche Sänger.

Grönemeyer: Rückblickend bin ich darauf natürlich stolz. Zumal das nicht ganz einfach war. Ich erinnere mich noch, wie ich bei meiner Plattenfirma auf dem Sofa saß und sie sagen hörte: "Kannst du was verstehen?" "Nein. Du?" "Nein. Das ist alles Mist." Ich sollte dann alles noch mal neu singen. Da bin ich mit dem Toningenieur Frikadellen essen gegangen. Vier Stunden später kam ich mit demselben Tape wieder zurück, ohne was verändert zu haben. Und sie sagten: "Ja, jetzt is' viel besser."

Auf Ihrer letzten Deutschland-Tournee spielten Sie vor insgesamt einer Million Menschen. Wird man da nicht größenwahnsinnig?

Grönemeyer: In den 80er Jahren hatte ich Phasen, da dachte ich, ich würde die ganze Zeit fliegen. Wie ein gewaltiger Ballon, der immer abheben wollte. Das war die Schlacht meiner Frau Anna. Sie musste mich auf dem Boden halten. Einerseits brauchst du diese Energie, um ein Stadion zu unterhalten - und dann kommst du nach Hause und jemand zieht den Stöpsel. Dann brauchst du Freunde und Familie, die dir ein wenig Bewunderung geben. Die dir aber auch im entscheidenden Moment sagen: "Du hebst ab! Wenn du so weitermachst, wirst du ein Arschloch." Und das müssen sie dir nicht nur ein- mal sagen, sondern hundertmal. Bis du es kapierst.

Zehn Tage vor dem Start Ihrer letzten Deutschland-Tour brachen Sie im Hotelzimmer zusammen. Was war passiert?

Grönemeyer: Ich war Joggen und hatte mir dabei wohl einen Nerv eingeklemmt. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, drehte sich der ganze Raum. Ich konnte kaum gehen. Ich lief herum wie ein seekranker Matrose. Bei den Proben konnte ich nicht länger als zehn Minuten auf der Bühne stehen. Das Licht, die Lautstärke, die Musik - alles war zu viel. Ich dachte wirklich, ich werde wahnsinnig. Und hatte Angst, dass es die ganze Welt mitbekommt.

Und wie sind Sie damit fertig geworden?

Grönemeyer: Das war wie bei einem Tischler, dem man einen Hobel in die Hand drückt: Er weiß dann, was zu tun ist. Als die Tour losging und ich auf die Bühne musste, kam die alte Sicherheit allmählich zurück.

Herr Corbijn, Herr Grönemeyer - nach Tausenden von Fotos und Hunderten von Popsongs - wann ist es für Sie Zeit, aufzuhören?

Grönemeyer: Ich könnte mir vorstellen, auch mit 70 noch auf der Bühne zu stehen. Keine Stadien mehr, nur kleine Clubs. Hoffentlich wird es noch ein paar Fans geben, die mich sehen wollen. Corbijn: Mit "Control" hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Er war wichtig für mich, weil er mit meiner Vergangenheit zu tun hatte und trotzdem einen Neubeginn markiert. Ich hoffe, dass die Obsession meiner Teenagerzeit damit abgeschlossen ist.

Wollen Sie weitere Filme machen?

Corbijn: Sicher. Das ist jetzt mein Schwerpunkt.
Grönemeyer: Ich würde es lieben, wieder in einem Film mitzuspielen. Die Kinder sind jetzt erwachsen, und ich bin nicht mehr zwischen meiner Musik und meiner Aufgabe als Vater gebunden. Außerdem hat mein Gesicht jetzt die richtige Tiefe. Mein letzter Film "Das Boot" ist jetzt 20 Jahre her.

Und, Herr Corbijn, würden Sie Herbert Grönemeyer wieder engagieren?

Corbijn: Man braucht immer einen Doktor im Film.

Interview: Andrea Ritter und Hannes Ross / print