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"Sounds of the Universe": Das neue Album von Depeche Mode

Drogen-Abstürze, Sinnkrisen, Grabenkämpfe - alles Schnee von gestern. 2009 sind Depeche Mode nur noch eines: unfassbar erfolgreich. Daran wird auch das neue, wenig sensationelle Album "Sounds of the Universe" nichts ändern.

Von Ingo Scheel

Alles andere als spektakulär, um nicht zu sagen missraten, ist auch die Verpackung des mittlerweile zwölften Studiowerks der Synthie-Veteranen. Grauer Font, bunte Stäbchen, optisch irgendwo zwischen Biologie-Buch und Mengenlehre. Kaum zu glauben, das hier der altgediente Art Director und Fotograf der Band, Anton Corbijn, am Werk war. Artwork hin, wachsende Geheimratsecken her - ähnlich wie die Pet Shop Boys, die just ihr neues Album "Yes" veröffentlichten, zeigen auch Gahan & Co., dass würdevolles Altern im Pop durchaus möglich ist.

Die bewegten Jahre haben Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher natürlich längst hinter sich. Den Gründungszeiten in den 80ern, da man mit "Everything Counts" die Wave-Diskotheken kaputt spielte und qua "People are People" Pop und Industrial vermählte, folgten die selbstzerstörerischen 90er Jahre. Komische Frisuren und Schulterpolster wurden abgelöst von Tattoos, Gitarren und Crack. Auf letzteres hatte bandintern vornehmlich Gahan das Monopol. Dem widmete er sich mit soviel faith and devotion, dass er sich beinah neben Cobain (Nirvana), Hutchence (INXS) und Hoon (Blind Melon) in die Abgangsliste der Dekade eingetragen hätte. Jenem "Schicksal" entging der Sänger denkbar knapp: Nur wenige Monate nach einem Suizidversuch im Jahre 1995, war Gahan nach Einahme eines Speedballs (ein Crack/Kokaingemisch) zwei Minuten lang klinisch tot, bevor ihn die Ärzte wiederbelebten. Bis sich Ende der 90er Gahans Psyche stabilisierte, spukte "Evil Dave", die böse Hälfte des DM-Frontmannes, regelmäßig durch Gazetten und Polizeiberichte. Die Band überstand es nicht ohne Kollateralschaden, schon 1995 verließ Langzeitmitglied Alan Wilder die Band. Das verbliebene Trio machte mehr oder weniger unbeeindruckt und vor allem anhaltend erfolgreich weiter.

Landauf, landab werden die "Partys for the Masses" populär: Fans der Band und assoziierte Gothicjünger treffen sich zu Plausch und Tanz, hören alte und neue DM-Hits, tauschen News und Gerüchte und bestaunen die unzähligen Gahan-Doubles, die in Röhrenjeans, Feinripp-Unterhemd und Pilotenbrille diese Depeche-Motto-Partys bevölkern. Hier werden auch zuerst die im März illegal ins Internet gelangten neuen Songs von Depeche Mode diskutiert. Die Meinungen sind gespalten. 'Uninspiriert' und 'Ich höre keinen Hit' unken die einen, 'Originär wie eh und je' und gar 'Sensationell gut' goutieren die anderen das Werk mit dem plakativen Titel "Sounds of the Universe".

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Wie schon beim Vorgänger "Playing the Angel" (2005), war wiederum Produzent Ben Hillier (Doves, Elbow, Blur) an den Reglern, das Klangbild hat sich dennoch ein wenig verschoben. Der Grund dafür ist Martin Gores neues Hobby: Der Soundbastler hat in den letzten zwei Jahren eBay als Quelle für längst vergessene Retro-Synthesizer und Rhytmuscomputer entdeckt. Die ersteigerte Gore natürlich nicht, um sie in die Vitrine zu stellen, im Gegenteil: All die Vintage-Teile haben ihren Weg in den Klangkosmos des neuen Albums gefunden und so bleept und blonkt es an vielen Stellen, als hätte es die 90er nie gegeben. "Sounds of the Universe" ist ein solides Werk, das unbestritten seine Momente hat: "Wrong" etwa, die reduzierte erste Single, "Perfect", das einfach nicht wieder aus dem Ohr will oder das hypnotische "Peace" sind Highlights. Angesichts der zahllosen DM-Klassiker wird der Weg auf die Setlist für das neue Material dennoch nicht einfach, denn Tatsache ist auch: Hits vom Schlage "Policy of Truth", "Personal Jesus" oder "I Feel You" haben die drei angejahrten Herren nicht mehr im Köcher.

Depeche Mode live in Deutschland:

02. Juni - Hamburg Nordbank-Arena
04. Juni - Düsseldorf, LTU-Arena
05. Juni - Düsseldorf, LTU-Arena
07. Juni - Leipzig, Zentralstadion
08. Juni - Leipzig, Zentralstadion
10. Juni - Berlin, Olympiastadion