"Das Leiden Christi" Schock und Erlösung


In "Das Leiden Christi" schildert Regisseur Mel Gibson mit brutalen Bildern die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth - und muss sich nun fragen lassen, ob er ein Antisemit ist.

Von Gerhard Waldherr

Wind über Golgatha, gleich wird es regnen. Jesus stirbt am Kreuz, während der Pöbel höhnt, römische Soldaten scherzen und Kaiphas, der Hohepriester, befriedigt abzieht. "Es ist vollbracht", stöhnt der geschundene Heiland vor dem Exitus. "Amen", murmelt Maria kniend im Staub. An dieser Stelle wechselt das Tempo, der schier endlosen, blutigen Orgie folgt ein Potpourri symbolträchtiger Szenen. Der Himmel weint eine Träne, unter der die Erde bebt. Ein Unwetter bricht los. Nun fliehen die Römer, Pontius Pilatus erschrickt in seinen Gemächern, der jüdische Tempel brennt. Und in der Hölle jault der Teufel vor Schmerz. Gottes Sohn hat die Menschheit von ihren Sünden befreit und erhebt sich in seinem Grab. Es wird Licht und Ostern.

So endet "The Passion of the Christ", zu Deutsch "Das Leiden Christi", Mel Gibsons Interpretation der letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth. 25 Millionen Dollar seines Vermögens hat Gibson in diesen Film investiert, wobei ihm, wie er es formulierte, das Neue Testament als Drehbuch diente und kein Geringerer als der Heilige Geist bei der Regie assistierte. "Ich wollte dem Evangelium gerecht werden", so der 48-Jährige, "das hat noch niemand getan."

Der Regisseur verzichtete bewusst auf weltberühmte Schauspieler, um nicht unnötig von der Botschaft des Epos abzulenken; gesprochen wird, nicht gerade Multiplex-freundlich, Aramäisch und Latein. James Caviezel ("Der Graf von Monte Christo"), der sich als Katholik bekennende Darsteller des Gekreuzigten, sagt: "Es geht um Liebe. Um Opfer. Es geht um Vergeben und Hoffnung, das ist die Story."

Das kann man auch anders sehen.

Das Passionswerk, das zu Aschermittwoch in nicht weniger als 2000 amerikanischen Kinos angelaufen ist, und am Gründonnerstag in die deutschen kommt, wird seit Monaten begleitet von Disputen, Diskussionen und Schlagzeilen. Kritiker halten den Film für antisemitisch, weil er den jüdischen Klerus um Kaiphas für Jesus' Hinrichtung verantwortlich macht; ein blutrünstiger jüdischer Mob feuert den Hohepriester an.

Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center in Los Angeles sagte: "Jeder Jude, der in dem Film auftritt - mit Ausnahme von Jesus' Jüngern -, wird mit dunklem Blick und bösartig dargestellt." Die Bostoner Bibelforscherin Paula Frederiksen kommentierte: "Hetzerisch und potenziell gefährlich", der Film propagiere die fatale Legende von der Erbsünde der Juden.

Die Kontroverse hat dem Film nicht geschadet, im Gegenteil: "Das ist eine der besten PR-Aktionen, die ich je hatte", sagt der Regisseur. Eine Woche vor US-Kinostart waren bereits Tickets für fünf Millionen Dollar verkauft. Gibsons Produktionsfirma "Icon" hatte Tausende von Kopien und DVDs an Kirchen verschickt und den Film vor 10.000 Priestern gezeigt. Christliche Radiostationen spielten Werbespots, christliche Buchhandlungen platzierten Plakate. Außerdem sind bereits Anstecknadeln mit aramäischen Aufschriften im Handel.

Amerikas Evangelisten spekulieren auf heftigen Zulauf, seit der prominente Pastor Billy Graham bekannte, während der Vorführung geweint zu haben, und dann verkündete, das Werk sei "wie ein ganzes Leben voller Predigten". Er hoffe, sagte Gibson fromm, der Film habe die Kraft zu bekehren. Das muss er nicht mal: Etwa zwei Milliarden Menschen weltweit sind Christen - "Passion" könnte Rekorde brechen.

Begonnen hatten die Querelen lange vor Fertigstellung. Mel Gibson, Vater von sieben Kindern, ist bekennender Christ und gehört einer erzkonservativen Gruppierung an, die ihre Messe immer noch auf Latein zelebriert, freitags kein Fleisch isst und die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) vehement ablehnt, auf dem festgelegt wurde, dass "der Tod Christi ... weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last" gelegt werden dürfe.

Die Juden als "Mörder des Heilands" - in die ohnehin aufgeregte Debatte peitschte dann die Nachricht, dass Gibsons Vater Hutton, ein ehemaliger Bahnarbeiter und Verfasser einiger Bücher über den Katholizismus, weit radikaler ist als sein Sohn. Er bezeichnete gegenüber der "New York Times" das Konzil als Plot der Freimaurer, gedeckt von Juden, um der Kirche die Schuld zu geben am Holocaust, dem im Übrigen weniger als sechs Millionen Menschen zum Opfer gefallen seien. Kurz vor Filmstart legte Hutton Gibson nach und behauptete über den Holocaust: "Es ist alles - vielleicht nicht alles - Fiktion, aber das meiste schon."

Der Sohn indes bestreitet, Antisemit zu sein, und lehnt es ab, die wirren Ausführungen seines Vaters zu kommentieren. Seine Maria-Darstellerin Maia Morgenstern, deren Eltern den Holocaust überlebten, sagt: "Mel erlaubte mir sogar, Vorschläge für meine Szenen zu machen, die auf jüdischer Kultur beruhen."

Außenstehende fanden weniger Gehör. Als eine christlich-jüdische Arbeitsgruppe an ein Drehbuch gelangte und auf 18 Seiten Änderungsvorschläge machte, ließ Gibson durch seine Anwälte nur mitteilen, sie seien im Besitz eines gestohlenen Dokuments und sollten es schleunigst zurückgeben. Auf eine Kolumne in der "New York Times", die seinen Film als besonders gefährlich fürs amerikanische Ausland einstufte, wo Antisemitismus sich seit dem 11. September verbreite wie ein Geschwür, reagierte Gibson mit einem ruppigen Gruß an den Autor: "Ich will ihn töten, ich will seine Eingeweide am Spieß!"

Abraham Foxman

, Präsident der Menschenrechtsorganisation "Anti Defamation League", sagt: "Mel Gibson ist kein Antisemit, ich denke, er ist nur unsensibel." Rohfassungen des Films wurden fortan jedenfalls vorzugsweise konservativen Geistlichen und Gleichgesinnten präsentiert. In Interviews beschwichtigte der Regisseur: "Wir sind alle schuld an Jesus' Tod, ich will keine Juden lynchen, ich liebe sie, ich bete für sie." Er ließ eine Filmsequenz streichen; in ihr skandiert die jüdische Menge: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder."

An der theologischen und politischen Verstörung ändert auch nichts, dass Johannes Paul II. "Passion" seinen Segen gegeben haben soll: "Es ist, wie es war." Aber wie war es denn nun?

Gibson, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, hält sich, wie er sagt, an die Evangelien, deren Wahrheitsgehalt von Historikern angezweifelt wird, sowie an Berichte zweier Nonnen. Sein Pilatus ist ein humaner Regent, der mit Jesus sympathisiert, und nicht, wie es der historischen Wahrheit vermutlich entspricht, ein Tyrann, unerbittlich gegen Unruhestifter und zweifelsfrei verantwortlich für Jesus' Todesurteil. Zum "Bad Guy" wird Kaiphas, der die Kreuzigung fordert, dabei durfte nur das Römische Imperium in Palästina diese Strafe verhängen.

Riskiert Gibson für seinen Glauben nun die Karriere, wie die Illustrierte "Entertainment Weekly" orakelt? Erst vor zwölf Jahren habe er zu dem Glauben zurückgefunden, in dem er erzogen wurde. Durch eine Sinnkrise. Seither meditiere er, wobei Jesus' Qualen und Kreuzigung eine zentrale Rolle spielten. "Christus' Wunden", glaubt Hauptdarsteller Caviezel, "haben Mels Wunden geheilt." Gibson sagte zuletzt: "Sie denken, ich bin verrückt, und vielleicht bin ich es. Vielleicht bin ich aber auch ein Genie."


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