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"Der große Deutsch-Test": Die Diktatur des Diktats

Bei der RTL-Show "Der große Deutsch-Test" gab es unter den Kandidaten auch eine Gruppe von Journalisten. Einer von ihnen war stern.de-Redakteur Ralf Sander, der an diesem Abend ein wenig über Rechtschreibung gelernt hat - und viel über Fernsehen.

Prolog
Das Klingeln des Handys weckt mich. RTL ist dran. Ob ich in einer Woche als Kandidat für die Journalistengruppe bei "Der große Deutsch-Test" dabei sein könne. Das kommt überraschend, meine Bewerbung lag so lange zurück, dass ich mit einem solchen Anruf nicht mehr gerechnet hatte. Aber ich mag Diktate, ich mag Hape Kerkeling, und was hinter den Kulissen des Fernsehens passiert, ist mir noch zu viel zu unbekannt. Also: zusagen.

Flucht wäre aussichtslos. Hier in Köln-Ossendorf scheint es kein Leben zu geben, zumindest nicht an einem Samstagmittag. Nur große Hallen. Einer fahren wir entgegen. Riesig stehen die Buchstaben MMC auf dem Dach, darauf turnt ein Einhorn. Bei MMC, der Magic Media Company, lässt RTL "Der große Deutsch-Test" produzieren. Eine Art überdimensionierte Deutschstunde, ohne Lenz' "Deutschstunde", dafür aber mit Rechtschreibprüfung. Hape Kerkeling moderiert, zwölf Promis werden in eine Klassenzimmerszenerie gesetzt. Und im Hintergrund spielen noch sechs Gruppen mit je 50 Mitgliedern mit. Diesmal: Lehrer, Schüler, Beamte, Österreicher, Menschen mit Namen Schröder - und Journalisten. Meine Gruppe. Wir alle werden ein Diktat schreiben sowie verschiedene Grammatik-, Zeichensetzungs- und Wortbedeutungstests durchführen. Doch vor den Sendebeginn hat RTL andere Prüfungen gesetzt. Vor allem Geduldsproben.

Wir treffen gegen 14 Uhr ein, während der nächsten zwei Stunden ist neben der Anmeldung nichts zu tun, außer zu warten - und zu beobachten. Am Nebentisch erzählt eine Frau Schröder - ein Schild um den Hals offenbart die Gruppenzugehörigkeit eines jeden -, dass sie vor Aufregung nicht geschlafen hat. Eine Gruppe von Lehrern studiert den Duden und wird mit jeder extrem seltenen Sonderregelung verrückter. Auffällig entspannt sind die Schülerinnen, Mädchen machen vier Fünftel der Schülergruppe aus. Sie sitzen herum und quatschen. Ein ganz normaler Samstagnachmittag vermutlich. Eine Kostümbildnerin schleicht umher und schnappt sich die schwierigsten Fälle. Es ist faszinierend, wie sehr einige Teilnehmer die einfachen Regeln, die uns vorher mitgeteilt wurden, missverstehen konnten. Nichts Weißes und keine feinen Linien, Karos oder andere Muster! "Was tragen Sie denn unter diesem Hemd? Ein schwarzes T-Shirt? Sehr gut." Mein Tischnachbar fügt sich, er wird sein Oberteil mit dem undefinierbaren Kunstwerk vorne drauf nicht mit ins Studio nehmen.

Sitzt!

Es geht los. Wir werden ins Studio gebracht. Bei rund 350 Menschen - es haben sich auch noch 50 Korrektoren für die Diktate dazu gesellt - dauert das. Währenddessen offenbart sich mir eine große Lüge: Die Sendung am Abend ist nur zum Teil live. Die ersten zwei Stunden, mit dem Diktat und den Tests, werden wir jetzt aufzeichnen. Das sei nötig, erklärt Friedrich Küppersbusch, einer der Produzenten der Sendung, um die Teilnahme per Internet zu ermöglichen. Außerdem gewinnt man Zeit für die Auswertung. Wirklich live gesendet wird nur der Auflösungsteil ab 22.15 Uhr.

Gute Stimmung ist Pflicht

Die sechs Gruppen sind nicht nur Kandidaten, sondern gleichzeitig auch Publikum. Das muss ausgebildet werden. Auftritt Thorsten Schorn. Er ist unser Anheizer, eine Mischung aus ClubMed-Animateur und wandelndem "Applaus!"-Schild. Im Hauptberuf Radiomoderator bei Eins Live vollführt er eine schrotschussartige Humorattacke nach der anderen. Nicht alle Witze treffen, und weh tun die, die daneben gehen. Doch er macht seine Sache gut. Nach einer halben Stunde hat Schorn uns weich gequatscht. Ja, ich werde bei jedem hereinkommenden Promi jubeln, auch wenn ich nicht weiß, wer das überhaupt ist. Ja, ich werde applaudieren, wann immer ich hinter der Bühne das Leitklatschen höre. Und ja, ich werde gemeinsam mit meinen Kollegen aufspringen und herumgrölen, wenn am Anfang der Sendung die einzelnen Gruppen kurz vorgestellt werden. Ein fähiger Mann, dieser Schorn, denke ich. Noch.

Wer keine Spannung spürt, macht sich welche

Ein Auf-Klo-geh-Verbot wird ausgesprochen - was eine ganz in Gelb gekleidete Dame aus dem Block der Österreicher veranlasst, es doch zu versuchen. Sie wird zurückgepfiffen. Ich schüttele den Kopf - und stelle fest, dass ich eigentlich auch mal ganz dringend... Die Sendung wird also noch spannender.

Kerkeling schaut noch kurz vorbei, scherzt mögliche Berührungsängste einfach beiseite. Dann wird es ernst. Die Titelmusik setzt ein, ein Off-Sprecher sagt Dinge, die die Fernsehzuschauer hoffentlich verstehen - im Gegensatz zu uns. Wir applaudieren vor uns hin, dann erscheint Hape. Wir rasten verabredungsgemäß aus, und ich frage mich, wann eigentlich die Stelle kommt, an der die einzelnen Gruppen aufspringen und in die Kamera jubeln sollen.

Später erfahren wir: Wir haben sie verpasst. Weil niemand den Sprecher verstanden hat.

Prominenz ist relativ

But the show must go on. Die Promis kommen (siehe Kasten), und in der Tat kenne ich nicht alle. Wie heißen die amtierende Miss Europa, die "Super-Nanny" und die Sozialministerin von Niedersachsen? Einige Wortgeplänkel und Einspielfilme später heißt es "Hefte raus!". Das Diktat beginnt. Rund 35 Minuten soll es dauern, und - für Journalisten ein Alptraum - es muss mit der Hand geschrieben werden. Mit der Hand! Unserem Antrag auf Tastaturen wurde leider nicht stattgegeben. Hape diktiert, tanzt, kaspert vor der Kamera - es ist eine wahre Freude. Wir schwitzen. Das Diktat ist fair, aber nicht ohne. Besonders die neuen Regeln für Getrennt- und Zusammenschreibung machen mir zu schaffen. Im Job entscheide ich inhaltlich, doch hier geht es nur ums Formale...

Eine gefühlte Ewigkeit später ist es vorbei. Die Hefte werden eingesammelt. Es folgen weitere Einspieler, Promitalk, ein missglückter Versuch einer Schülerin, möglichst schnell SMS zu schreiben. Dann der erste von fünf Multiple-Choice-Tests. Ein Lückentext muss gefüllt werden, indem jeder im Studio aus drei angebotenen Lösungen eine auswählt - per Fernbedienung, wie beim Zuschauerjoker in "Wer wird Millionär".

Man kann Werbung auch herbeisehnen

Endlich die Werbung. Die Promis dürfen auf die Toilette, wir nicht. Ein Make-up-Sonderkommando stürmt herein. Einige der Abstimmungsgeräte müssen repariert werden. Ein paar Sitze vor mir hat eine Dame ihre Brille vergessen und kann die Aufgaben auf dem Videoscreen nicht lesen. Ein hilfreicher Geist sprintet in Rekordzeit zur Garderobe und mit Brille wieder zurück. Und Thorsten kommt. Keine zehn Sekunden werden wir an diesem Abend allein gelassen. In jeder noch so kleinen Pause wird er uns bei Laune halten müssen. Ein harter Job - besonders, wenn man sein Pulver längst verschossen hat.

Zeitsprung. Die Aufzeichnung ist vorbei. Wir haben Aufgaben gelöst, Promis beim Erzählen zugehört, Plaudereien zwischen Hape und Vertretern der einzelnen Gruppen beklatscht und uns gefragt, warum eigentlich alle, die beim Fernsehen arbeiten, gut aussehend, trendy und um die dreißig sind. In 45 Minuten werden wir uns die Sendung gemeinsam im Fernsehen angucken, doch davor zählen nur Grundbedürfnisse. Vor dem Frauen-WC reicht die Schlange quer durch die Eingangshalle. Als ich die Männertoilette betrete, kommt mir die Frau in Gelb entgegen.

Die Rache der Korrektoren

21.00 Uhr, die Sendung läuft. Großaufnahmen von fiesen Orthografiefehlern haben die Stimmung aufgeheitert, doch jetzt geht's zurück ins Studio - wo uns unsere eigenen Sünden präsentiert werden. Klassenarbeitsgefühle stellen sich ein. Ich habe drei Fehler. "Besorgnis erregend" habe ich getrennt geschrieben, was auch korrekt ist - es sei denn, ein Wort wie "äußerst" oder "sehr" steht davor. Dann heißt es "besorgniserregend". Wieder was gelernt. Zweiter Fehler: "Fleischkasserolle". Zu Recht schreibe ich immer "Bräter", denn ein L ist mir durch die Lappen gegangen. Der dritte Fauxpas ist gar keiner: "Bredouille" habe ich korrekt geschrieben. Offenbar hat der Korrektor irgendwas nicht lesen können. Meine Sitznachbarn können's lesen... Ist ja auch nicht so wichtig. Die Sendung schreitet voran, das Diktat wird aufgelöst, und es gilt, den besten Diktatschreiber zu küren. Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Es gewinnt eine Dame aus der Riege der Schröders. Ihre Fehlerzahl: drei! Wie meine!

Was tun? Keine Ahnung. Aber es ist sehr einfach, was ich nicht tun werde: Ich werde sicher nicht während einer Livesendung aufspringen und "Schiebung!" rufen. Erstens stelle ich mir die von Andy Warhol versprochenen 15 Minuten Ruhm anders vor. Zweitens ist es nur ein Spiel. Drittens ist es nicht allzu einfach, sich kameratauglich zu freuen - wie die Gewinnerin gerade vormacht. Und außerdem gibt es noch ein weiteres Problem mit der Vergleichbarkeit der Ergebnisse: Ein munteres Austauschen der Hefte - Klausurrückgabefeeling eben - ergibt, dass unterschiedliche Korrektoren unterschiedlich korrigiert haben. Beispiel: Für das Weglassen der Kommata in dem Satzteil "Du, Mama, bist so schön" bekam ein Kollege einen Fehler angestrichen, ein anderer zwei. Also: Schweigen.

Der finale Rettungsstuss

Letzter Werbeblock, diesmal live, es müssen achteinhalb Minuten überbrückt werden. In regelmäßigen Abständen ruft der Regisseur "noch x Minuten bis Wiedereintritt". "Bis Wiedereintritt", cool, so raumfahrerisch. "Hape, wir haben ein Problem", möchte man fast ausrufen. Unseres heißt Thorsten Schorn und moderiert dort unten um sein Leben. Mit letzter Kraft - oder sind wir nicht mehr amüsierfähig? - veranstaltet er Ratespiele und Liedererkenn-Wettbewerbe. Und zur Krönung macht er einen Kopfsprung in ein Fettnäpfchen: "Einsdreißig" bis Wiedereintritt. Schnell noch einem Geburtstagskind gratulieren. Die Auserwählte ist eine recht füllige Dame bei den Beamten. Thorsten fährt die alte Nummer: Wir schmeicheln Frauen, indem wir sie jünger machen als sie sind.

Das Endergebnis im Studio

Platz 1

Lehrer mit durchschn. 11,9 Fehlern

Platz 2

Journalisten mit durchschn. 13,8 Fehlern

Platz 3

Österreicher mit durchschn. 18,8 Fehlern

Platz 4

Schüler mit durchschn. 21,8 Fehlern

Platz 5

Beamte mit durchschn. 22,1 Fehlern

Platz 6

Promis mit durchschn. 22,2 Fehlern

Platz 7

Schröders mit durchschn. 31,1 Fehlern

"Herzlichen Glückwunsch zum 24. Geburtstag!"

"Danke."

"Wie alt sind sie wirklich geworden?"

"23."

Das Ende ist nah. Gesamtsieger der Kandidaten wird der Sonderschullehrer Bernd Schmitz, bei den Promis gewinnen Susan Stahnke und Manfred Baumgarten, der Gesamtsieger der Vorjahrssendung. Bussis, Händeschütteln, "Sondernadeln in Gold" auf einem schwarz-rot-goldenen Kissen werden überreicht. Wir führen den mehrminütigen Schlussapplaus auf. Dann ist es vorbei. Es wird wuselig im Studio. Aus einigen Kandidaten werden Autogrammjäger. Die Sozialministerin bekommt Besuch von ihren vier Töchtern, die alle genauso aussehen wie sie selbst. Fotografen zwingen die Gewinner in diversen Kombinationen zum Lächeln. Bevor ich das Studio verlasse, lerne ich noch etwas, nämlich, dass Susan Stahnke ein echter Profi ist: Ein paar Soloaufnahmen sind gefordert, nur sie und das Kissen mit Ehrennadel. Auf zwei routinierte Griffe ins Dekolleté zwecks Oberweitentuning folgt ein Lächeln, als hätte sie gerade den Oscar gewonnen.

Epilog
Das Piepen des Handys weckt mich. Am Morgen nach der Sendung liege ich noch im Hotelbett, als ein frühaufsteherischer Freund mir eine SMS schickt: "Was war das bloß für eine Sendung! Dieses endlose Diktat. Mein Gott! Im Studio war es hoffentlich unterhaltsamer!" Das war es. Ausrufezeichen. Diktat Ende.

Nachtrag vom 10.05.: Ich erhielt gerade eine E-Mail eines Journalisten, der ebenfalls in der Sendung war: "Mir sagte eine Kollegin der Produktionsfirma Mediabolo, die Diktatgewinnerin habe ledigich zwei Fehler gehabt. Ich hatte während der Show auch drei verstanden..."