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"Desperate Housewives": Lebenszeichen aus Bush-Amerika

Sie sind hübsch, verheiratet - und an außerehelichem Geschlechtsverkehr interesiert. Die "Desperate Housewives" sind das Schärfste, was seit George Bushs Wahlsieg in den USA gesendet wird.

Es gibt ein Leben nach "Sex and the City". Millionen von Amerikanern sind bereits fasziniert von den ebenbürtigen Nachfolgerinnen für Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda. "Desperate Housewives" (Verzweifelte Hausfrauen) heißt der neue Quotenknüller. Waren die einen verzweifelt nach Liebe suchende Großstadt-Singles, so sind die keineswegs weniger attraktiven Damen Susan, Lynette, Bree und Gabrielle verzweifelte Gattinnen in der Provinz.

TV-Autor Marc Cherry - laut "Newsweek" ein "schwuler Republikaner" - lässt die Nachbarinnen mit tiefschwarzem Humor die auch in Amerika weit verbreitete Doppelmoral bloßlegen. Die Ladies aus der fiktiven Wisteria Lane sind das Schärfste und Fröhlichste, was seit dem Wahlsieg der Neokonservativen aus Bush-Amerika in den Rest der (Fernseh-)Welt exportiert wird.

Im ganzen Land diskutiert

In den USA wurde die Serie, die bereits beim Bezahlsender Premiere läuft und demnächst auch hier zu Lande im frei empfangbaren Privatfernsehen zu sehen sein wird, kurz nach der Bush-Wahl zum absoluten Quoten-Hit. Dem "Housewives"-Kult frönen jeden Sonntagabend rund 27 Millionen Zuschauer - Boykottaufrufen der christlich-konservativen Gesellschaft für die Amerikanische Familie (AFA) zum Trotz. Und jeden Montagmorgen wird in ungezählten Büros, Frisiersalons und Radiotalkshows die neueste Folge diskutiert. Oft taucht die Frage auf, woran es liegen mag, dass sich so viele Leute für schräge Damen begeistern, die so krass vom Idealbild der treusorgenden Hausfrau abweichen, das Amerikas Moralisten predigen.

Da ist die schöne Gabrielle - ein schwarzhaariges Ex-Modell, das ihren neureichen chauvinistischen Latino-Gatten mit dem minderjährigen Gärtner betrügt. Zum Hausfrauenkreis gehört die gestresste blonde Lynette, die von den Pillen abhängig wird, mit denen der Hyperaktivismus ihrer garstigen Zwillingssöhne behandelt werden soll. Bree - die Rothaarige mit manischem Perfektionsdrang - lästert ihrem flüchtigen Gatten hinterher: "Er heult immer, wenn er ejakuliert."

Mord und Suff

Brees minderjähriger Sohn treibt sich in Striplokalen herum und überfährt im Suff die ekelige Schwiegermutter von Gabrielle. Susan schließlich ist eine Brünette, die sich nach einem Klempner verzehrt und das Haus einer Nebenbuhlerin in Brand setzt. Die einzige scheinbar gutbürgerliche Nachbarin entpuppt sich als Erpresserin Susans und wird prompt Opfer eines Mordanschlags.

Kann es sein, dass Amerikas Provinz, wo doch so viele für die Moral-Bushisten stimmten, derart Sodom und Gomorra gleicht? Für einen Reality-Check empfahl die Zeitung "Detroit News" den Besuch eines ganz normalen Provinzgerichtes. In Oakland County zum Beispiel werde gegen eine Mutter zweier Kinder verhandelt, die ihren eifersüchtigen Gatten mit Rattengift umbrachte. "Die Wirklichkeit ist nicht nur befremdlicher als die Fiktion, sie ist auch trauriger."

Eine Stunde pro Woche auf lasterhafte Charaktere herabsehen

Zum "Housewives"-Phänomen gehört für den Kolumnisten der "Arkansas News", John Brummett, dass die Serie in einem Ort wie Atlanta die höchste US-Einschaltquote erreicht, "wo doch 58 Prozent der Wähler für George W. Bush stimmten, zum Teil wegen 'moralischer Werte'". Vermutlich, so schreibt die "New York Times", genießen Leute, die selbst streng nach moralischen Werten lebten, das Gefühl, eine Stunde pro Woche auf lasterhafte Charaktere herabsehen zu dürfen.

Eine Erklärung dafür, dass die schlüpfrige Serie ausgerechnet bei dem zum Disney-Konzern gehörenden und eigentlich auf saubere Familienunterhaltung bedachten Sender ABC läuft, liegt nahe: Disney-Präsident Robert Iger gab kürzlich bekannt, dass ABC dank der "Desperate Housewives" 2005 endlich wieder schwarze Zahlen schreiben wird.

Thomas Burmeister/DPA / DPA