„Der Spiegel“, Deutschland: „Hinter Trump liegen qualvolle Wochen: Er hat einen Krieg begonnen, den er nicht beenden kann. Seine Beliebtheit ist auf Tiefstwerte abgesunken. Im Netz kursieren KI-generierte Videos, die ihn und seine Minister als Legomännchen-Gurkentruppe verspotten. Und seine extremen Posts, darunter solche, die ihn als Jesus darstellten oder Iran mit der ‚Auslöschung einer ganzen Zivilisation‘ bedrohten, befeuerten die Spekulationen über seinen Geisteszustand.
Vor diesem Hintergrund kommt Trump das spektakuläre Ereignis im Washington Hilton nicht ganz ungelegen – zumal der Schütze nicht einmal annähernd in seine Nähe gelangte. Es ist die Art von Drama, in dem Trump sich als kämpferischer Held inszenieren kann.“
„Es setzt eine gewisse Alltäglichkeit ein“
„t-online“, Deutschland: „Die Schüsse von Washington zeigen nicht nur, wie sehr Amerika verroht ist. Sie zeigen etwas Beunruhigenderes. Die USA befinden sich in einer Extremsituation, die nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Ein versuchtes Attentat auf den Präsidenten, auf sein Kabinett, auf Vertreter der Presse: Es ist ein Ereignis, das offensichtlich immer weniger Schrecken hervorruft – und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die USA von diesem Pfad irgendwann in Zukunft wieder abkehren werden.
Ein Land, das diesen Zustand nicht akzeptiert hat, würde jetzt innehalten, erst verbal und dann tatsächlich abrüsten. Doch dieses Bewusstsein setzt in den USA schon länger nicht mehr ein. Auch weil Waffen für viele US-Amerikaner ein nationales Symbol der Freiheit sind, wird Waffengewalt nicht bekämpft, sondern weiter hingenommen. Daran ändern weder Schießereien an Schulen noch im Umfeld des eigenen Staatsoberhaupts etwas.
Stattdessen setzt eine gewisse Alltäglichkeit ein. Politisch wird ein solcher Vorfall unmittelbar für die eigenen Interessen genutzt: Schüsse in einem Hotel bei einem Festakt? Was soll jetzt noch dagegensprechen, dass Trump seinen eigenen Ballsaal im Weißen Haus erhält, krakeelt nicht nur der US-Präsident selbst, sondern auch ein Großteil seiner Anhänger in den sozialen Medien.“
„The Irish Times“, Irland: „Die Häufigkeit der Drohungen gegen Trump spiegelt jedoch einen besorgniserregenden Trend in einem zunehmend polarisierten politischen Umfeld wider. Politiker beider großer Parteien in den USA waren in den letzten Jahren gewalttätigen und teils tödlichen Angriffen ausgesetzt. (…) Zum Hintergrund der Tat gehört ein vergiftetes politisches Klima. Wie Irlands Regierungschef Micheál Martin betonte, ist die Sprache der politischen Debatte von großer Bedeutung. In den USA ist sie unter der Führung von Trump und seinen ‚Make America Great Again‘-Anhängern zunehmend aggressiver geworden. Auch die Waffenkontrolle – oder vielmehr das Fehlen einer solchen – gehört in den USA zum Gesamtbild.“
Trump hat zunächst einen versöhnlichen Ton angeschlagen
„El Mundo“, Spanien: „Der neue Anschlagsversuch auf Donald Trump zeigt, wie tief politische Gewalt inzwischen im öffentlichen Leben der USA verankert ist. Dieses Ereignis lässt sich nicht vom Klima extremer Polarisierung trennen, das die älteste Demokratie der Welt erfasst hat. Seit Juli 2024 ist es bereits das dritte Mal, dass Trump einem bewaffneten Angreifer nahekam, der ihn töten wollte. Hinzu kommen die Ermordung des Aktivisten Charlie Kirk sowie mehrere Attacken auf Anhänger beider politischer Lager. Gewalt als zunehmend normaler Bestandteil des politischen Alltags ist eine Entwicklung, die die Demokratie bedroht. (…)
Die politische Antwort verlangt Besonnenheit. Trump hat zumindest zunächst einen versöhnlichen Ton angeschlagen. Es wäre wünschenswert, dass weder Republikaner noch Demokraten diesen Angriff zur Munition im Wahlkampf machen. Keine Demokratie überlebt, wenn aus politischen Gegnern Feinde werden. Nach dem Angriff auf Trump stehen die Vereinigten Staaten erneut genau an diesem Abgrund.“
„The Guardian“, Großbritannien: „Nach den Schüssen erklärte Präsident Trump, potenzielle Attentäter hätten es auf ‚die einflussreichsten Persönlichkeiten‘ abgesehen. Doch Gewalt hat in den USA Demokraten und Republikaner auf allen Ebenen der Politik das Leben gekostet. Allein im vergangenen Jahr wurden die demokratische Abgeordnete des Parlaments des US-Bundesstaats Minnesota Melissa Hortman und ihr Ehemann sowie Charlie Kirk, der rechtsgerichtete Aktivist und Trump-Verbündete, der die Organisation ‚Turning Point USA‘ gegründet hatte, ermordet.
Nach Angaben der überparteilichen Meinungsforschungsorganisation Public Religion Research Institute sind die meisten Amerikaner der Ansicht, dass eine schroffe und aggressive Sprache in der Politik erheblich zu gewalttätigen Handlungen beiträgt. Ein Präsident sollte mit gutem Beispiel vorangehen und einen respektvollen Umgangston pflegen. Stattdessen hat Donald Trump die Polarisierung gefördert, entmenschlichende Rhetorik verwendet und es versäumt, Gewalt seitens der Rechten zu verurteilen.“
„The Telegraph“, Großbritannien: „Das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten bringt bei allem Prestige und aller Macht einen großen Nachteil mit sich: die ständige Gefahr eines Attentats. Daran wurden wir am Samstagabend erneut erinnert, als Schüsse fielen, während Donald Trump am Dinner der White-House-Korrespondenten teilnahm. (…)
Vier der bislang 45 US-Präsidenten sind vor Ablauf ihrer Amtszeit getötet worden. Zwei weitere wurden verwundet und überlebten: Trump und Ronald Reagan. Selbst mit dem besten Sicherheitsdienst der Welt ist das ein sehr gefährlicher Job. Was auch immer man von der Politik dieses Präsidenten halten mag, seine Zähigkeit im Umgang mit der Gefahr war vorbildlich.
Die US-Verfassung verhindert, dass eine Person zum dritten Mal zum Präsidenten gewählt werden kann. Daher wäre es verständlich, wenn sich der Staatschef für den Rest seiner Amtszeit im Weißen Haus zurückziehen und gefährliche öffentliche Auftritte vermeiden würde. Dennoch besteht Donald Trump darauf, an Veranstaltungen teilzunehmen, auch wenn dies ein Risiko für ihn darstellt. Diese Entscheidung ist richtig und setzt ein Zeichen für andere, sich nicht von Terror und Drohungen einschüchtern zu lassen.“
„La Stampa“, Italien: „Trump hat die amerikanische Gewalt nicht erfunden. Aber er hat sie salonfähig gemacht. Er hat das Opferdenken in eine Ideologie verwandelt, Groll in eine Wahlstrategie, Grausamkeit in ein Spektakel, Rache in eine Regierungsform. Er hat früher als viele Republikaner verstanden, dass Angst stärker mobilisiert als Hoffnung, dass Wut stärkere stammesartige Bindungen schafft als Programme, und dass es einfacher ist, Feinde zu erfinden, als Probleme zu lösen. (…)
Die Schüsse in Washington waren kein isolierter Vorfall. Sie waren ein Symptom. Sie spiegeln eine Gesellschaft wider, in der zu viele gelernt haben, dass Grausamkeit Stärke ist, Demütigung Unterhaltung, Wut Authentizität und Hass Führung. Trump hat das nicht allein geschaffen. Die Spaltungen gehen ihm lange voraus. Aber er hat sie vergrößert, monetarisiert, glamourös gemacht und in ein permanentes Rauschen verwandelt. Vor allem hat er Millionen Amerikaner davon überzeugt, dass Bosheit eine legitime Form des Regierens ist.“
„NZZ“, Schweiz: „Es ist noch zu früh, um zu beurteilen, ob der Angriff (…) sich auf die politische Lage im Vorfeld der wichtigen Zwischenwahlen im November auswirken wird. Donald Trump und die Republikaner stehen unter großem Druck. Ein Großteil der Bevölkerung ist mit der Wirtschaftsentwicklung unzufrieden und steht dem Iran-Krieg sehr kritisch gegenüber.
Trumps Reaktion auf das Attentat vor zwei Jahren hat ihm zumindest einen kurzfristigen Sympathiebonus gegeben. Auch an diesem Samstagabend fand er rasch die Fassung und die passenden Worte; bei der eilends anberaumten Pressekonferenz im Weißen Haus trat er staatsmännisch auf. Er sprach davon, dass er an seinen öffentlichen Auftritten nichts ändern wolle, weil diese ‚kranken Leute‘ nicht das Gewebe Amerikas verändern dürften. (…)
Im Wahlkampf 2024 kehrte der ‚alte‘ Trump bald wieder in voller Aggressivität zurück; auch die Erinnerung an diesen Vorfall könnte bald wieder verblassen. Trump kündigte indes an, dass das Korrespondenten-Dinner in den kommenden 30 Tagen wiederholt werden solle. Die versammelten Journalisten werden gespannt zuhören, welche Rede er ihnen dann servieren wird.“
„Wall Street Journal“, USA: „Präsident Trump war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Gefahr, da er innerhalb von Sekunden in Sicherheit gebracht wurde. Unter Bedrohung blieb er wie gewohnt gelassen, und sein Instinkt, die Veranstaltung fortzusetzen, war zwar lobenswert, auch wenn dies nicht praktikabel war. Beunruhigend ist, dass es (dem Angreifer) gelang, so nah heranzukommen, indem er sich ein Zimmer im Hilton buchte. (…)
Dies ist offenbar bereits der dritte Attentatsversuch auf Trump, und es ist etwas dran an seiner Behauptung, dass er ins Visier genommen wird, weil er etwas bewirkt hat. Er versucht, einen Großteil des Status quo in Washington zu verändern, was neben seiner oft scheußlichen Rhetorik dazu geführt hat, dass viele seiner Gegner jegliches Urteilsvermögen und jedes Augenmaß verloren haben. (…)
Unsere Politiker und Medienvertreter müssen aufhören, in apokalyptischen Tönen zu sprechen und zu schreiben, und die Vernunft in die politischen Debatten zurückbringen. Wir müssen die traditionelle moralische Grundhaltung wiederbeleben, dass Gewalt inakzeptabel ist. Das wird die wirklich Geistesgestörten nicht von kriminellen Handlungen abhalten, aber es könnte dazu führen, dass weniger Menschen (wie der Angreifer) glauben, Gewalt sei moralisch gerechtfertigt.“