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"Die kommenden Tage": Apocalypse now - auch daheim

"Was sie schon immer über die Zukunft wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten", könnte man diesen genialen Film auch nennen. "Die kommenden Tage" macht Schluss mit dem "Alles wird gut"-Mantra. Klimawandel, Terror - abstrakte Bedrohungen werden real und alltäglich.

Von Sophie Albers

Jetzt mal ganz ehrlich, Scherz beiseite, genau genommen, wirklich, echt und ohne Scheiß: Warum sind wir eigentlich immer so schockiert davon, wenn jemand eine Wahrheit ausspricht? Wieso erfordert es so viel Mut, den Zustand der Welt zu beschreiben? Sind wir wirklich so gedopt? Und, nein, es geht hier nicht um Sarrazins verbogene Statistiken zum Untergang der deutschen Rasse. Es geht um die eine große Wahrheit, die fast jeder als Ahnung in sich trägt. Die gefürchtete Anti-Dauergrinsen-Ahnung, dass nicht alles gut wird in einer Welt der Klimaerwärmung, der Ressourcenknappheit, der sozialen Umwälzungen und des Terrorismus.

Derjenige, dem in diesem Zusammenhang gerade Mut attestiert wird, ist der Filmemacher Lars Kraume ("Keine Lieder über Liebe"). Der 37-Jährige hat mit dem Familienepos "Die kommenden Tage" eine geniale Umsetzung dieser Ahnung erschaffen, die die meisten von uns so gut zu unterdrücken gelernt haben. Es ist eine düstere Zukunftsvision geworden, davon wie die Welt in zehn Jahren aussieht, wenn nicht alles gut wird. 2020 setzt der Film ein, um dann rückblickend zu zeigen, wie der Untergang schleichend Einzug hält.

Ankunft im Alltag

"Die kommenden Tage" hat nichts gemein mit den spektakulären Endzeitszenarien von "Flucht ins 23. Jahrhundert" (1976, Menschen über 30 werden getötet), "Terminator" (1984, künstliche Intelligenz will die Menschheit vernichten) oder auch "Matrix" (1999, Menschen leben in virtueller Realität, weil Maschinen sie in Wahrheit einzig als Energiequellen nutzen). Kraume kommt dem Einzelnen und seinen Ängsten viel näher als diese harmlosen, weil vom wahren Leben so weit entfernten Zukunftsbilder, weil er uns direkt vor der eigenen Haustür erwischt.

Der Regisseur, dem die Idee zu diesem Film kam, als er vor vier Jahren Vater wurde, hat sich den Alltag vorgenommen, die Routine, das Gewohnte, also das, woran wir tatsächlich merken, dass die Welt sich verändert. Das, was jeder kennt, das er schätzt, um das er womöglich fürchtet. Seien es der Überfluss im Supermarkt, die Wärme, wenn wir die Heizung anstellen, oder die Lebensentwürfe, die nach den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen unserer Gesellschaft als die richtigen gelten.

Kraumes Kunstgriff besteht darin, dass er die Konflikte - vom Ressourcenkrieg bis zum Terrorismus, eben das Politische - sprichwörtlich nach Hause, eben in das Persönliche, holt. Kern der Geschichte ist die wohlhabende Familie Kuper, deren Mitglieder alle Möglichkeiten der Reaktion auf die sich ändernden Verhältnisse mit Leben füllen und so ein beeindruckendes Abbild der Gesellschaft bieten, ohne sich dabei in Abstraktion zu verlieren.

Die Wahl der Waffen des Widerstandes

Die Ehe der Eltern ist zerrüttet, Misstrauen hat Vertrauen ersetzt. Die Mutter klammert sich an Loyalität, will, "dass alles so bleibt, wie es war", man müsse nur "zusammenhalten". Der Vater ist innerlich längst geschieden und in seiner Funktion als Wirtschaftsanwalt Teil des Systems, das Schuld trägt am Zustand der Welt. Zwischen den Eltern hängen die Töchter, die dem fast luftleeren familiären Raum mit ihren eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben zu entkommen suchen.

Laura (Bernadette Heerwagen) verströmt blond, lächelnd, mit rosigen Wangen Bodenständigkeit. Sie glaubt an die Liebe, das Glück und die Fortpflanzung als Sinn ihres Daseins. Kraume lässt sie Biologie studieren, denn das Mädchen erkennt die Situation. Allerdings ist das für sie kein Grund, nicht ihre große Liebe (Daniel Brühl als Aussteiger Hans) zu verlassen, weil sie keine Kinder bekommen können. Egal, wie schlecht es um die Welt steht, Laura will, dass das Leben weitergeht.

Laura gegenüber steht die schöne, wilde Cecilia (Johanna Wokalek), die voller Leidenschaft gegen die Zustände rebelliert. Zuerst demonstriert die Philosophie-Studentin nur, dann schließt sie sich einer terroristischen Organisation mit Namen "Schwarze Stürme" an. Allerdings tut sie das nur aus Liebe zu Constantin (August Diehl), der - ganz "Matrix"-mäßig - glaubt, die einzige Wahrheit zu kennen, und nihilistisch an der Zerstörung des kapitalistischen Systems arbeitet. Mit mörderischer Konsequenz. Denn anders als Laura und Cecilia glaubt er nicht an die Liebe und hofft auch nicht darauf: "Der einzige angeborene Irrtum des Menschen, ist der, dass wir glauben, zu leben, um glücklich zu sein", so seine Erklärung.

Der Anfang vom Ende der Welt im Supermarkt

Diese Figuren und ihre Entscheidungen in mal mehr, mal weniger existenziellen Krisen begleitet der Zuschauer und starrt immer wieder auf die Bilder, die er eigentlich schon kennt, sich bisher aber vom Leib halten konnte: Kampf um Öl und Wasser, Kriege, Flüchtlingsströme, Terror. Es sieht so anders aus und fühlt sich so anders an, wenn die eingezäunten Luxus-Ghettos nicht irgendwo in Brasilien stehen, sondern in Berlin-Schöneberg. Wenn der Supermarkt, dem Früchte und Milch ausgehen, aussieht, wie der, wo man selbst einkauft, wenn nicht futuristische Maschinen einem das Leben zur Hölle machen, sondern der eigene Staat. Das Erschreckendste daran ist, dass Kraume für seine Bilder der kommenden Tage gar nicht viel verändern musste.

Doch belässt der Film es nicht bei der Unsicherheit, die schon immer da war und es mit dem 11. September als prägnantem Symbol auch in den Kopf der Wohlstandsgesellschaft geschafft hat. "Die kommenden Tage" ruft dazu auf, die eigene Unsicherheit zu erkennen, sie zu benennen und sich dazu zu verhalten. "Die Zukunft gehört denen, die um sie kämpfen", lautet das entsprechende Motto. Wie dieser Kampf aussieht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Tödlich ist nur der Stillstand - denn ein unbestimmtes Bauchgefühl sagt, wir werden sie erleben, die kommenden Tage.