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Ferdinand-von-Schirach-Verfilmung "Wir können dem Publikum anspruchsvolles Fernsehen zumuten": Lars Kraume über "Gott"

"GOTT von Ferdinand von Schirach", verfilmt von Lars Kraume
Regisseur Lars Kraume (r.) hat Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Gott" verfilmt. 
© ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung / Picture Alliance
"Gott" von Ferdinand von Schirach stellt die Frage nach dem Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Lars Kraume hat das Stück für die ARD verfilmt. Im stern-Interview spricht der Regisseur darüber, welchen Einfluss das Verfassungsgericht auf die Dreharbeiten hatte.

Herr Kraume, Sie haben das Theaterstück "Gott" von Ferdinand von Schirach für die ARD verfilmt. Wie kamen Sie zu diesem Stoff?

Es gibt eine enge Verbindung zu dem Produzenten Oliver Berben, der viele von Schirachs Büchern ins Fernsehen gebracht hat. Vor vier Jahren habe ich "Terror" für die ARD gemacht, ebenfalls ein Schirach-Stück. Es war ein großer Erfolg, mit einer sehr starken Quote, und daran möchten wir jetzt anknüpfen.

Wie damals in "Terror" werden die Zuschauer auch in "Gott" mit einer ethisch-moralischen Streitfrage konfrontiert. Sie lautet: Besitzt ein Mensch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod? Wie bereitet man einen solch schwierigen Stoff fernsehtauglich auf?

Indem man auf keinen Fall versucht, ein komplexes Thema zu simplifizieren. Wir können dem Publikum anspruchsvolles Fernsehen zumuten – das hat "Terror" bewiesen. Es muss nicht alles leicht konsumierbar sein. 

In "Gott" geht es um einen fiktiven Fall: Der 78 Jahre alte verwitwete Richard Gärtner, gespielt von Matthias Habich, möchte sterben. Er ist nicht schwer erkrankt, er möchte einfach sterben. Im ersten Moment denkt man: Der Mann hat eine Altersdepression. Seine Ärztin Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) sollte ihn psychotherapeutisch behandeln lassen – aber ihn doch bitte nicht beim Suizid unterstützen.

Natürlich kann man das so sehen. Aber auch die andere Sicht ist zulässig: Da hat ein Mensch sein Leben gelebt und möchte einfach nicht mehr. Er will aus freien Stücken aus dem Leben scheiden. Warum sollte man ihm diesen Wunsch verwehren? Wir diskutieren das ja auch sehr kontrovers in "Gott".

Am 26. Februar dieses Jahres gab es ein wegweisendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Es heißt dort: "Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen."

Dieses Urteil wurde veröffentlicht, als wir mitten in den Dreharbeiten waren. Wir mussten noch einmal ans Drehbuch und es in Teilen anpassen. 

War das ein Problem? 

Nein. Ferdinand von Schirach ist Jurist und hatte geahnt, dass die Debatte um diese Frage noch einmal aufflammen wird. Und dass auch das höchste Gericht darüber befinden wird. Aber dass das Urteil so radikal liberal ausgefallen ist, das hat uns alle doch sehr erstaunt und auch berührt. 

Sie haben ein Kammerspiel aus "Gott" gemacht. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats (Ina Weisse) befragt verschiedene Experten zum Thema Sterbehilfe. Ärzte, Juristen, Medizinethiker. Das alles hat Züge eines Justizdramas – das Setting allerdings ist ein künstliches. Eine solche Tribunalsituation gibt es nämlich zum Glück in der Realität nicht. Muss man so zuspitzen wie Schirach und Sie es tun?

Unser Ziel bei "Gott" war es nicht, die Wirklichkeit zu spiegeln, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem über eine große moralische Frage diskutiert werden kann. Es ist eine Art Laborsituation, in der Schirach verschiedene Positionen einander gegenüberstellt.

Verliert das Stück nicht an Kraft, wenn der Zuschauer das Gefühl hat, dass da ein künstlich inszenierter Ringkampf stattfindet?

Es ist eine völlig eigene Kunstform, die Schirach da gefunden hat. Sie ist in der Tat mit dem Gerichtsdrama vergleichbar. Wir haben uns um Sachlichkeit bemüht. Man hätte das alles noch viel emotionaler machen können. Mit Musik, schnelleren Schnitten und einer anderen Kameraführung. Darauf haben wir verzichtet. Wir wollten die Zuschauer nicht manipulieren.

Involvieren möchten Sie die Zuschauer aber schon. Am Ende des Films dürfen sie über die Frage abstimmen, ob Richard Gärtner Sterbehilfe erhalten soll oder nicht. 

Ja, die Zuschauer sind in der Rolle von Schöffen bei Gericht. Das hat schon bei "Terror" gut funktioniert. Da sind bei der ARD die Server zusammengebrochen, so viele Zuschauer wollten an der Abstimmung teilnehmen.

Was glauben Sie, wie das Votum ausfallen wird? Wird Gärtners Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod vom Publikum unterstützt werden?

Wir haben während der Dreharbeiten eine Probeabstimmung gemacht mit unseren Komparsen. Das Resultat war knapp. Ich verrate nicht, wie es ausgegangen ist. 

Sendehinweis:
"Gott von Ferdinand von Schirach" läuft am Montag, 23. November, um 20.15 Uhr im Ersten. Der Film ist prominent besetzt mit Barbara Auer, Lars Eidinger, Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe, Christiane Paul, Götz Schubert und Ina Weisse. Die Regie führte Lars Kraume. Wie bei "Terror – Ihr Urteil", einem der erfolgreichsten Fernsehereignisse der vergangenen Jahre, sind auch diesmal die Zuschauerinnen und Zuschauer aufgerufen, multimedial abzustimmen und mitzudiskutieren.


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